Ärzte Zeitung, 31.01.2012

Lotte im Einsatz für die Windel der Zukunft

Im hessischen Schwalbach werden neue Windeln entwickelt - und tausende Babys helfen mit. Die sechs Monate alte Lotte zum Beispiel ist eine von ihnen. Woche für Woche lässt sie Tests über sich ergehen - im Dienste der Forschung.

Von Stephan Scheuer

Lotte im Einsatz für die Windel der Zukunft

Die Hautfeuchtigkeit der sechs Monate alten Lotte wird im Pampers-Forschungszentrum von Procter & Gamble in Schwalbach gemessen.

© dpa

SCHWALBACH AM TAUNUS. Lotte liegt auf dem Rücken und sucht mit ihren Kulleraugen den Raum ab. Das sechs Monate alte Baby lässt ein buntes Spielzeug aus seiner Hand fallen und steckt grinsend seine Finger in den Mund.

Was wie einfaches Spielen aussieht, ist in Wahrheit Teil einer großen Mission: Denn Lotte soll helfen, die Pampers der Zukunft zu entwickeln. Ein Mal pro Woche kommt sie mit ihrer Mutter in das Labor in Schwalbach am Taunus, um Zukunftswindeln zu testen.

"Toll machst du das", spricht Lottes Mutter mit beruhigender Stimme. Vorsichtig hebt Sabine Gramberg (42) ihre Tochter auf einen Tisch. Seit rund zwei Monaten macht das Baby schon bei den Untersuchungen mit. Interessiert verfolgt es genau, was passiert.

Die Nacht über hat Lotte eine Pampers aus der Versuchsreihe getragen. Jetzt soll geprüft werden, ob ihre Haut auch trocken geblieben ist. Eine Wissenschaftlerin legt dem Kind eine silberne Sonde auf die Haut. Kurze Zeit später beginnen grüne Zahlen auf einem Monitor hinter dem Tisch zu leuchten.

Feuchtigkeit der Kinderhaut wird gemessen

"Wir entwickeln die Windeln der Zukunft", sagt der Leiter des Pampers-Forschungszentrums, Frank Wiesemann. Das Ziel ist, die Produkte noch saugfähiger zu machen. "Außerdem soll nichts rauskommen, wenn ein Kind auf den Po fällt", ergänzt er.

350 Angestellte entwickeln in Schwalbach die neuen Produkte für das US-Unternehmen Procter & Gamble. Andere Windelhersteller wie Hydra aus Mülheim an der Ruhr machen ähnliche Tests mit Babys. In Versuchsreihen wird in Hessen dafür die Feuchtigkeit der Kinderhaut gemessen. Im Idealfall sei sie unter der Windel so trocken wie an anderen Stellen, sagt Wiesemann.

Auf dem Monitor steht nun eine Endzahl: Acht Gramm Wasser je Quadratmeter gibt Lottes Haut laut Computer pro Stunde ab - jetzt fehlt der Vergleich zur Haut unter der Pampers. Sabine Gramberg dreht Lotte auf den Bauch und zieht ihr die Windel herunter.

Nun wird die Sonde auf Lottes Po gelegt, während das Kleinkind seelenruhig auf dem Tisch liegen bleibt. Wieder leuchten die grünen Zahlen auf und bleiben schließlich bei rund sechs Gramm stehen. Die Haut unter der Windel ist also etwas trockener als am Bein. "Das ist nur, weil sie sich bei der ersten Messung etwas aufgeregt hat", erklärt eine Wissenschaftlerin.

"Aus den umliegenden Gemeinden sind die meisten Mütter bei uns im Test", sagt Wiesemann. Werbung sei gar nicht nötig, denn die jungen Eltern kämen oft direkt auf die Wissenschaftler zu. "Dafür bekommen sie von uns während der Versuche alle Windeln geschenkt und eine kleine Aufwandsentschädigung."

Mindestens 3000 Kinder müssten eine Windel testen, bevor sie marktreif sei. Zwei bis zehn Jahre Forschung und Versuche steckten in einer neuen Pampers.

Ungefährliche Tests

Die Tests sind für die Kleinen nicht gefährlich, betonen die Wissenschaftler. Der Windel-Experte der Stiftung Warentest, Konrad Giersdorf, bestätigt: "Diese Untersuchungen sind in der Regel unbedenklich." Für die Kinder gehe normalerweise keine Gefahr von den neuen Windeln aus.

"Für mich ist das kein großer Aufwand. Mit dem Auto brauchen wir nur zwölf Minuten zum Labor", sagt Sabine Gramberg. Freunde hätten ihr von den Versuchen erzählt. Nicht nur Lotte, sondern auch ihr zwei Jahre älterer Bruder Mika testet in Schwalbach neue Windeln. Die Aufwandsentschädigung sei nicht der Rede wert. Für einen Test an drei Tagen habe sie 20 Euro bekommen.

"Aber für die Kinder ist das eine nette Abwechslung", sagt Gramberg und zieht ihrer Tochter die Hose wieder an. Lottes Job für heute ist erledigt. Nächste Woche ist sie aber erneut im Einsatz für die Zukunftswindeln. (dpa)

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