Ärzte Zeitung, 06.02.2012

Gastbeitrag

"Wir dämonisieren, was uns unheimlich ist"

Assauers Alzheimer-Outing hat es einmal mehr gezeigt: Immer wenn Prominente sich zu psychischen Erkrankungen bekennen, werden diese Krankheiten plötzlich ein großes Thema in der Öffentlichkeit. Warum das so ist, beschreibt der Arzt, Autor und Theologe Manfred Lütz.

Von Manfred Lütz

"Wir dämonisieren, was uns unheimlich ist"

Ex-Fußballmanager Rudi Assauer (v. l.) ging mit seiner Demenz-Erkrankung an die Öffentlichkeit. Der ehemalige Nationaltorhüter Robert Enke litt an Depressionen und nahm sich das Leben.

© dpa

Rudi Assauer hat Alzheimer-Demenz, der Norweger Anders Behring Breivik ist schizophren, Robert Enke hatte eine Depression, alle paar Monate sind plötzlich psychische Erkrankungen in aller Munde.

Zumeist dann, wenn Prominente sich "outen" oder wenn es spektakuläre Ereignisse gibt. Aber genauso schnell wie solche Wellen kommen, ebben sie wieder ab.

Woran liegt das? Wahrscheinlich daran, dass dieser Gesellschaft psychische Krankheiten besonders unheimlich sind und man sich dieses Thema daher möglichst lange vom Leibe hält.

Dabei besteht eigentlich gar kein Grund, Angst vor psychisch Kranken zu haben.

Die Angst vor psychisch Kranken wird geschürt

Erlebt man als Psychiater nämlich über Tag liebenswürdige Patienten, rührende Demenzkranke, sensible Süchtige, dünnhäutige Schizophrene, erschütternd Depressive, phantasievolle Maniker und sieht dann abends die Fernsehnachrichten: Kriegshetzer, Wirtschaftskriminelle, rücksichtslose Egomanen, dann kann einem sogar schon einmal der ketzerische Gedanke kommen: Möglicherweise behandeln wir die Falschen, unser Problem sind die Normalen.

Und tatsächlich, die großen Verbrecher der Menschheitsgeschichte waren eben nicht verrückt, sondern normal, schrecklich normal.

Wer die Monstrositäten der Geschichte durch Diagnosen zähmen oder verharmlosen will, um sie begreifbarer und damit erträglicher zu machen, betreibt die Banalisierung des Bösen und schürt die Angst vor psychisch Kranken.

Diktatoren, die nicht misstrauisch sind, überleben meist nicht lange

Dr. Manfred Lütz

"Wir dämonisieren, was uns unheimlich ist"

Aktuelle Position: Chefarzt des Alexianer Krankenhaus in Köln-Porz, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Theologe sowie Schriftsteller. Zuletzt erschien das Buch "Irre! Wir behandeln die Falschen - unser Problem sind die Normalen: eine heitere Seelenkunde"

Werdegang/Ausbildung: Studium der Medizin, der Philosophie und der Katholischen Theologie in Bonn und Rom

Karriere: 1979 Approbation, 1982 Diplom in Katholischer Theologie, 1989 Oberarzt der psychiatrischen Abteilung am Marienhospital in Euskirchen, Leitender Arzt der Klinik Sankt Martin in Euskirchen-Stotzheim; seit 1997 Chefarzt in Köln.

Privates: verheiratet, zwei Töchter.

Wäre aber Hitler wirklich verrückt gewesen, wie mancher Biedermann treuherzig vermutet, dann wäre mit ein paar Psychopharmaka und ein bisschen Arbeitstherapie für einen arbeitslosen Münchner Kunstmaler womöglich der Zweite Weltkrieg verhindert worden.

Wäre Stalins notorisches Misstrauen Ausdruck einer Krankheit gewesen, man hätte aus dem grausamen Georgier mit intensiver Psychotherapie vielleicht einen friedliebenden Philanthropen gemacht.

Doch das ist Unsinn. Diktatoren, die nicht misstrauisch sind, überleben meist nicht lange, und wer über Jahre hin Massenmorde organisiert, muss über erhebliche psychische Fähigkeiten verfügen, verbrecherische Fähigkeiten. Eine schwere psychische Störung macht dagegen in der Regel systematische große Verbrechen unmöglich.

 Psychisch Kranke sind statistisch gesehen weniger häufig straffällig als die so genannten Normalen. Die vorschnelle Unterstellung, irgendwelche Widerwärtigkeiten von Menschen seien auf psychische Störungen zurückzuführen, ist eine Diskriminierung von psychisch Kranken.

Auch der Menschenfresser von Rotenburg, Armin Meiwes, der smarte Jurastudent Magnus Gäfgen, der den Bankierssohn Jakob von Metzler tötete und gegen die Folterdrohungen der Polizei beim Europäischen Gerichtshof klagte sowie der Terrorist Osama bin Laden sind Beispiele für den ganz normalen Wahnsinn - aber sie erfreuten sich, soweit man weiß, bester psychischer Gesundheit.

Mittelalterliche Vorstellung über die Psychiatrie

Womit hat die Dämonisierung von psychisch Kranken zu tun? Es ist wohl das Fremde, das Unheimliche, das Unverständliche, das viele mit psychischen Störungen verbinden und sie zurückscheuen lässt vor solchen Menschen. Zwar ist das Interesse an Medizin hoch, doch über Psychiatrie herrschen immer noch mittelalterliche Vorstellungen.

Es ist ein Teufelskreis, denn je weniger man weiß, desto unheimlicher ist das Ganze. Je unheimlicher es wirkt, desto weniger möchte man sich damit befassen. Dabei wird ein Drittel der Deutschen irgendwann im Leben psychisch krank. Und die anderen zwei Drittel haben Angehörige, die psychisch krank sind.

Es fehlt an Aufklärung. Zwar herrscht an Psycho-Büchern kein Mangel, doch da geht es eher um irgendwelche Psychotricks nach dem Motto: Wie verführe ich meinen Chef? Doch was Schizophrenie ist, das weiß nach wie vor kaum jemand. Dabei ist fast eine Million Deutsche schizophren.

 Jeder hat irgendwann mal mit einem solchen Menschen zu tun gehabt. Kaum jemand wird das gemerkt haben, denn ein Drittel der Schizophrenen wird gesund und zwei Drittel werden wieder berufsfähig.

Psychisch Kranke - Bedrohlichkeit des Bösen

Nur ganz selten sind Schizophrene aggressiv, zumeist sind es dünnhäutige Menschen, deren Ich in der kranken Phase im Kern verunsichert ist und die sich dann vor der krachledernen Normalität all der Normopathen schützen müssen. Doch sie sind oft tiefempfindende rührende Menschen von hoher Intelligenz.

Die moderne Psychiatrie hat psychisch Kranke wieder mitten in unsere Städte geholt. Doch nur wenn die Gesellschaft sie besser kennenlernt, kann man sie integrieren. Vielleicht können dann diese liebenswürdigen ganz normalen Wahnsinnigen dazu beitragen, dass der ganz normale Wahnsinn all der schrecklich Normalen in Grenzen gehalten wird.

Solange man aber immer noch so wenig weiß über psychisch Kranke, eignen sie sich bestens dazu, die Bedrohlichkeit des Bösen, das wir alle fürchten, als Projektionsfläche aufzunehmen. Doch all die Abgründe menschlicher Existenz sind nicht krank, sie sind erschütternd wie das Leben selbst.

Martin Heidegger hat die Angst das Grundexistential menschlicher Existenz genannt, das jedem Menschen als einem Sein zum Tode zukommt.

Viele sind heute aus Unkenntnis vor dem Fremden in der Gefahr, populären Vorurteilen über psychische Krankheiten aufzusitzen, jede Angst zur Angststörung zu banalisieren und den Ernst des Lebens in Therapie aufzulösen.

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