Ärzte Zeitung, 08.03.2012

Zehn Medizinnobelpreis-Trägerinnen

Frauen in der Medizin - die Nobelpreisträgerinnen

Nur wenige Frauen erhielten Nobelpreise - zehn davon in der Kategorie Medizin.

Von Gabriele Wagner

Seit 1901 wurden insgesamt 847 Nobelpreise in den verschiedenen Kategorien verliehen, davon nur 43 an Frauen. Die erste Nobelpreisträgerin überhaupt ist Marie Curie, die 1903 den Nobelpreis für Physik erhielt.

1911 wurde Curie mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet und ist damit die bislang einzige Frau, die zwei Nobelpreise erhielt.

Am häufigsten erhielten Frauen Nobelpreise in den Kategorien Frieden (15) und Literatur (12). Immerhin zehnmal wurden Frauen in der Kategorie "Physiologie oder Medizin" ausgezeichnet; dagegen nur viermal in der Kategorie Chemie, nur zweimal in der Kategorie Physik und nur einmal in der Kategorie Wirtschaftswissenschaften (Elinor Ostrom 2009).

Vor allem die ersten Medizin-Nobelpreisträgerinnen hatten nicht nur mit Vorurteilen zu kämpfen, sondern mussten sich etwa mit Sekretärinnen-Jobs Geld verdienen, um studieren und forschen zu können.

Um junge Frauen mit Kindern finanziell zu unterstützen und zu fördern, gründete Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard 2004 die nach ihr benannte Stiftung.

Medizin-Nobelpreis 2009 für Elizabeth Blackburn (1948)

2009 wurden zum ersten Mal in der Geschichte der Nobelpreise zwei Frauen sowie ein Mann ausgezeichnet. Der 100. Nobelpreis für Physiologie oder Medizin ging zu gleichen Teilen an die Molekularbiologinnen Elizabeth H. Blackburn und Carol W. Greider sowie an Jack W. Szostak. Geehrt wurden die Forscher für ihre Entdeckungen, wie Chromosomen durch Telomere und das Enzym Telomerase geschützt werden.

Blackburn studierte Biologie an der Universität Melbourne, provierte 1975 und folgte 1978 einem Ruf an die Universität von Kalifornien in Berkeley. 1984 isolierten Blackburn und ihre Doktorandin Carol W. Greider das Enzym Telomerase aus dem Einzeller Tetrahymena.

Die Telomerase ist für die Zellteilung essenziell. Denn die Chromosomenenden, die Telomere, verkürzen sich bei jeder Zellteilung. Die Telomerase sorgt dafür, dass sich die Telomere wieder verlängern.

Das Time-Magazin führt Blackburn 2007 in seiner Liste der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten der Welt.

Medizin-Nobelpreis 2009 für Carol W. Greider (1961)

Carol Greider promovierte bei Elizabeth Blackburn in Berkeley. Die beiden Forscherinnen entdeckten bei ihren gemeinsamen Forschungen das Enzym Telomerase und seine Bedeutung für die Zellteilung. Sie fanden heraus, warum die meisten Zellen nach vielen Teilungen sterben, Krebszellen sich dagegen ungehindert vermehren. Die Entdeckung ist Basis für neue Medikamente und wurde 2009 mit dem Medizin-Nobelpreis gewürdigt.

Greider hat vor allem die Konsequenzen einer Fehlfunktion von Telomeren (Chromosomenenden) und der Telomerase für die Erbsubstanz, die Stabilität des Genoms in der Zelle und für den Organismus erforscht.

1981/82 studierte Greider an der Universität Göttingen. Seit 1993 ist Greider Direktorin der Abteilung für Molekularbiologie und Genetik der Johns Hopkins Universität in Baltimore.

2009 erhielt Greider zusammen mit Blackburn den mit 100 000 Euro dotierten Paul Ehrlich- und Ludwig Darmstaedter-Preis 2009 für ihre Forschungen zu Telomeren, Telomerase und ihrer Bedeutung für die Zellalterung.

Medizin-Nobelpreis 2008 für Françoise Barré-Sinoussi

Die französische Aidsforscherin Françoise Barré-Sinoussi wurde zusammen mit Luc Montagnier für die Identifizierung des Aids-Erregers HIV ausgezeichnet.

Die französischen Forscher fanden das Virus in Lymphozyten aus Lymphknoten und im Blut. Sie wiesen erstmals all das nach, was heute medizinisches Allgemeinwissen ist. Zum Beispiel, dass das Enzym Reverse Transkriptase ein direktes Zeichen der Virusreplikation ist. Dass Partikel des Retrovirus aus Zellen durch Knospung freigesetzt werden. Dass HIV das Immunsystem durch seine massive Replikation schwächt, indem er die Lymphozyten schädigt. Dass isolierte Viren Lymphozyten von gesunden und kranken Spendern abtöten und mit Antikörpern von infizierten Patienten reagieren. Dass die Viren für ihre Replikation die Zellen aktivieren und die Fusion von T-Lymphozyten fördern. Das erklärt zumindest zum Teil, wie HIV das Immunsystem unterdrückt.

Mithilfe dieser Entdeckungen gelang es, Diagnosemethoden für Patienten und Blutprodukte entwickeln - und vor allem Virostatika.

Medizin-Nobelpreis 2004 für Linda B. Buck (1947)

Linda B. Buck aus Seattle studierte zunächst Psychologie und Mikrobiologie. Seit 2003 lehrt sie Physiologie an der Universität in Seattle.

Den Nobelpreis für Medizin erhielt sie 2004 zusammen mit Richard Axel. Beiden Forschern gelang es, die an den Riechvorgängen beteiligten molekularen und zellulären Strukturen zu identifizieren. Viele der Entdeckungen machten die Forscher dabei unabhängig voneinander.

1991 veröffentlichten sie dann gemeinsam detaillierte Angaben zu einer großen Genfamilie bei Mäusen mit fast 1000 Genen, die Baupläne für Geruchsrezeptoren enthalten. Sie fanden heraus, dass in einer Riechzelle jeweils nur eines dieser Gene aktiv ist und dort einen bestimmten Geruchsrezeptor produziert, der spezifisch ein Duftmolekül binden kann. So gibt es etwa 1000 unterschiedliche Riechzellen, und jede Zelle erkennt eine Art von Duftmolekülen besonders gut.

Wie die Signale der Riechsinneszellen schließlich ins Gehirn gelangen, haben die beiden Forscher ebenfalls entschlüsselt.

Medizin-Nobelpreis 1988 für Gertrude Belle Elion (1918 - 1999)

Als ihr geliebter Großvater an Krebs starb, entschied die damals 15-jährige Gertrude Belle Elion, mögliche Therapien zu erforschen.

Sie studierte ab 1939 an der Universität New York Chemie. Nach mehreren Umwegen übernahm sie 1967 bis zu ihrer Pensionierung 1983 die Leitung der Abteilung für Experimentelle Therapien des US-amerikanischen Unternehmens Burroughs Wellcome (später Glaxo Wellcome und dann GlaxoSmithKline).

Zusammen mit ihrem Kollegen George Herbert Hitchings entwickelten sie verschiedene Medikamente, die als Wirkprinzip die Nukleinsäure-Bildung hemmen. Zu den neu entwickelten Substanzen gehören unter anderen die Zytostatika Tioguanin und Mercaptopurin, das Immunsuppresivum Azathioprin, das Gichttherapeutikum Allopurinol oder auch Aciclovir gegen Herpes-Viren.

Elion und Hitchings wurden zusammen mit James Whyte Black für ihre "wegweisenden Entdeckungen wichtiger biochemischer Prinzipien der Arzneimitteltherapie" 1983 mit dem Medizin-Nobelpreis ausgezeichnet.

Medizin-Nobelpreis 1995 für Christiane Nüsslein-Volhard (1942)

Christiane Nüsslein-Volhard ist die erste Medizin-Nobelpreisträgerin, die aus Deutschland stammt. Nach ihrem Studium der Biochemie und Biologie promovierte Nüsslein Volhard über Genetik.

Seit 1985 leitet sie als Direktorin das Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie in Tübingen. Zusammen mit Edward B. Lewis und Eric Wieschaus erhielt sie 1995 den Medizin-Nobelpreis ihre Forschungen über die genetische Steuerung der Embryonalentwicklung.

Nüsslein-Volhard und Wieschaus entschlüsselten diejenigen Gene der Taufliegen-Art Drosophila melanogaster, die unter anderen die Entwicklung im Fliegenei steuern. Sie wiesen auch ähnliche Steuermechanismen für Genexpressionen bei Insekten und Wirbeltieren nach.

Die erste deutschstämmige Medizin-Nobelpreisträgerin tut viel für Nachwuchsforscherinnen. Seit 2004 unterstützt die Christiane Nüsslein-Volhard Stiftung hochqualifizierte Frauen mit Zuschüssen für Kinderbetreuung und Haushaltshilfen, um ihnen so mehr Zeit für ihre wissenschaftliche Arbeit zu geben.

Medizin-Nobelpreis 1986 für Rita Levi-Montalcini (1909)

Zunächst wollte der Vater von Rita Levi-Montalcini nicht, dass seine Töchter eine akademische Laufbahn einschlügen. Doch Rita Levi-Montalcini setzte sich durch und studierte in Turin Medizin. Sie interessierte sich früh für neurologische Grundlagenforschung.

Für die Jüdin Levi-Montalcini wurde es ab 1936 zunehmend unmöglich, weiter zu arbeiten. Zunächst forschte sie in einem selbst gebauten kleinen Labor zu Hause. Später musste sie sich verstecken und lebte ab 1943 im Untergrund.

1945 kehrte sie zunächst an die Universität Turin zurück. 1947 ging sie auf Einladung der Universität in St. Louis in die USA, wo sie ihre neurologischen Grundlagenforschungen vorantrieb. Sie identifizierte die Wachstumsfaktoren EGF (Epidermal Growth Factor) und NGF (Nerve Growth Factor). Für die Entdeckung von NGF erhielt sie 1983 zusammen mit Stanley Cohen den Nobelpreis für Medizin. Mit jetzt knapp 103 Jahren ist Levi-Montalcini der älteste lebende Mensch mit einem Nobelpreis.

Medizin-Nobelpreis 1983 für Barbara McClintock (1902 - 1992)

Barbara McClintock erhielt den Medizin-Nobelpreis 1983 für ihre Entdeckung der springenden Gene, genannt Transposons. Dieser Nobelpreis ist eine späte Rehabilitierung für die Zytogenetikerin McClintock. Denn wegen ihrer Theorien und Arbeiten zu genetischen Material, das beweglich ist, wurde sie bis in die 1960er Jahre von ihren Forscherkollegen diskreditiert.

McClintock studierte von 1919 bis 1923 Botanik in Ithaca im US-Staat New York an der Cornell Universität, wo sie 1927 promovierte. 1936 wechselte sie als Dozentin nach Columbia an die Universität von Missouri.

Bis 1941 waren ihre Arbeitsbedingungen schwierig. So erhielt sie erst 1936 ihre erste Festanstellung, eine Assistenzprofessur. Die Wende für sie als Forscherin kam mit ihrem Wechsel ins Cold Spring Harbor Laboratory auf Long Island. Dort konnte sie frei forschen.

McClintock entdeckte die springenden Gene zunächst im Mais. Inzwischen wurden Transposons unter anderem auch im menschlichen Genom nachgewiesen.

Medizin-Nobelpreis 1947 für Gerty Cori (1896 bis 1957)

Gerty Cori erhielt den Nobelpreis 1947 zusammen mit ihrem Mann Carl Ferdinand Cori und Bernardo Alberto Houssay. Die Coris wurden für ihre Arbeiten zum Glykogenstoffwechsel ausgezeichnet. Ihnen war es 1936 gelungen, Glukose-1-Posphat (Cori-Ester) zu identifizieren.

Gerty Cori, die als Gertrude Theresa Radnitz 1896 in Prag geboren wurde, studierte von 1914 bis 1920 Medizin in Prag. 1920 heiratete sie ihren Kommilitonen Carl Ferdinand Cori. Beide wanderten 1922 in die USA aus, weil Coris Mann in Buffalo eine Forschungsstelle angenommen hatte.

Im Gegensatz zu ihrem Mann konnte Cori zunächst keine Karriere machen. Sie und ihr Mann wurden zeitweise sogar daran gehindert, zusammenzuarbeiten. Ab 1931 arbeitete Cori als Forschungsassistentin der Universität in St. Louis für ein nur symbolisches Gehalt, während ihr Mann die Pharmakologie leitete.

Erst 1947 bekam Cori dann eine Professur - und im selben Jahr den Nobelpreis für Medizin und Physiologie.

Medizin-Nobelpreis 1977 für Rosalyn Sussman Yalow (1921-2011)

Der Medizin-Nobelpreis 1977 zeichnete Forschungen zu Peptidhormonen aus und ging neben Roger Charles Louis Guillemin und Andrew Victor Schally an Rosalyn Sussman Yalow. Die Physikerin wurde für ihre Forschungen zu radioimmunologischer Methoden für die Bestimmung von Peptidhormonen ausgezeichnet.

Nach dem Physikstudium war Sussman Yalow von 1946 bis 1950 Professorin für Physik am Hunter College. Ab 1950 leitete sie die Nuklearmedizin am Bronx Veterans Administration Hospital in New York. Zusammen mit ihrem Assistenten Solomon Aaron Berson entwickelte sie Methoden, Peptide im Blut nachzuweisen, und zwar mit winzigen Mengen radioaktiv markierter Marker. Die Publikation dieser Messmethode 1959 etablierte diese als Radioimmunessay bekannte Methode. Sussman Yalow und Berson verzichteten auf eine Patentierung.

Den Medizin-Nobelpreis für diese Mess technik erhielt nur Sussman Yalow, da Berson bereits 1972 gestorben war.

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