Ärzte Zeitung, 08.03.2012

Skelett-Grusel - so weit das Auge reicht

Schädel und Knochen von tausenden Verstorbenen - das Beinhaus in Oppenheim ist bis an die Gewölbedecke mit Skeletten vollgeschichtet. Es ist das größte seiner Art in Deutschland und stößt vor allem bei Schulkindern auf allergrößtes Interesse.

Von Sebastian Fischer

Skelett-Grusel - so weit das Auge reicht

Küster Richard Betcher sortiert im Beinhaus von Oppenheim Gebeine, Totenschädel und Knochen.

© dpa

OPPENHEIM/WESTHOFEN. Gespenstisch und geheimnisvoll schimmert ein goldener Totenkopf aus dem Halbdunkel eines Kellergewölbes. Seine leeren Augenhöhlen sind tiefschwarz. Durch ein Eisengatter ist nur schemenhaft zu erkennen, was sich unter der Friedhofskapelle der Oppenheimer Katharinenkirche verbirgt.

Dann knipst Küster Richard Betcher das Licht an. Im Beinhaus, auch Karner oder Ossuarium genannt, stapeln sich bis unter die Decke Knochen von rund 20.000 Oppenheimer Bürgern - mehr als in anderen deutschen Beinhäusern.

In der Stadt am Rhein wurden zwischen 1400 und 1750 die Gebeine von Gestorbenen nach einer gewissen Liegezeit vom Friedhof in den rund 70 Quadratmeter großen Karner umgebettet. Wegen der vielen Toten durch Hungersnöte, Kriege und Seuchen mangelte es nämlich seit dem 14. Jahrhundert an Ruhestätten.

"Das Versprechen der Auferstehung wird gewährt"

Der katholische Glaube verheiße den Christen eine körperliche Wiedergeburt am Tag des Jüngsten Gerichts, sagt Küster Betcher. Dazu dienten auch die Karner: "Hier wird das Versprechen der Auferstehung gewährt."

Es sei üblich gewesen, die menschlichen Überreste in der Umgebung des Kirchenaltars aufzubewahren. Sie sollten immer in der Nähe einer Heiligenreliquie bleiben.

Während in Ossuarien in Bayern, Österreich oder Tschechien die Knochen in aufwendigen Bauten mitunter kunstvoll drapiert worden seien, habe sich die Kirche in Oppenheim "kompromisslos auf den Glauben eingelassen: ohne irgendwelche Mätzchen", erklärt der Küster mit Blick auf die einfache Bauweise des Gewölbes.

Heutzutage zieht das Beinhaus große und kleine Besucher an: Im Sommer gibt es täglich bis zu fünf Führungen. "Besonders die Kinder sind vollkommen unbefangen und ganz emotional", sagt Betcher und zeigt auf die abgeriebenen Stellen an einigen Schädeln.

Dort, wo Kinderhände die Knochen auf ihre Echtheit prüfen, glänzt es elfenbeinern durch den grauen Kalkbelag. Manchmal muss der Küster den Entdeckerdrang ein wenig zügeln: "Pietätvoll muss man schon sein."

Überreste von 3000 Menschen in Westhofen

Knapp 25 Kilometer rheinaufwärts liegt die kleine Gemeinde Westhofen. Hier ist ein Beinhaus direkt unter der katholischen Kirche versteckt. "Als es vor 30 Jahren entdeckt wurde, war das eine Sensation", sagt Küster Klaus Rink.

Erst bei Renovierungsarbeiten an der Kirche war man durch Zufall auf das Totengewölbe gestoßen - nach rund 400 Jahren des Vergessens.

In den Westhofener Karner kommen jedoch keine Touristen. "Man will den Toten ihre Ruhe lassen", sagt der Küster und steigt durch eine enge Falltür im Kirchenraum hinab in den kalten, düsteren Keller. Auf rund 50 Quadratmetern liegen hier Schädel und Knochen bis zu einer Höhe von anderthalb Metern - die Überreste von rund 3000 Menschen.

Es wird angenommen, dass die Gebeine ursprünglich sogar bis unter die Decke gereicht haben, im Laufe der Zeit aber in sich zusammengesunken sind.

Nur noch eine Handvoll Beinhäuser

Skelett-Grusel - so weit das Auge reicht

Vorsicht, Totenschädel!

© dpa

Beinhäuser waren in katholischen Gegenden keine Seltenheit. "Sie sind von Nordeuropa bis Italien allgegenwärtig gewesen", sagt Archäologe und Beinhaus-Experte Jörg Scheidt.

In Deutschland gibt es heute nur noch eine Handvoll: Karner mit wenigen tausend Toten findet man in den bayerischen Orten Cham und Greding sowie im rheinland-pfälzischen Alken.

Die Tradition der Totengewölbe endete, als im 18. Jahrhundert Friedhöfe nicht mehr nur nahe einer Kirche angelegt wurden. In Oppenheim werden aber auch heute noch Knochen ins Ossuarium gebracht, die bei Bauarbeiten in der Stadt gefunden werden.

Auch abseits des Christentums sorgen die Oppenheimer Toten für Erzählstoff: Am Vorabend des Siebenjährigen Krieges sollen sich die ungeordneten Knochen um Schlag Mitternacht erhoben haben.

In Vorahnung des kommenden Blutvergießens hätten sich die Skelette in Schlachtreihen angeordnet, um als feindliche Truppen gegeneinander zu kämpfen. Nach der Geisterstunde seien sie dann wieder krachend in sich zusammengefallen, sagt die Legende. (dpa)

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