Ärzte Zeitung, 14.03.2012

Eine Klinik als Ort des Friedens im Nahen Osten

Terror, Vergeltungsaktionen, Misstrauen, Hass: Im Alltag zwischen Israelis und Palästinensern gibt es kaum einen neutralen Boden - außer das Klinikum Hadassah. Hier arbeitet auch der deutsche Arzt Dr. Johannes Guggenmos.

Von Pete Smith

Klinik als Ort des Friedens im Nahen Osten

Der Chirurg Dr. Johannes Guggenmos vor der Klinik in Jerusalem.

© Beilquadrat

JERUSALEM. "Hadassah ist einer der wenigen Orte, an denen Israelis und Araber auf neutralem Boden zusammenkommen", sagt Dr. Johannes Guggenmos, Facharzt für plastische und ästhetische Chirurgie am Kreiskrankenhaus Erding.

Das Hadassah Medical Center in Jerusalem ist eines der bedeutendsten Friedensprojekte im Nahen Osten. Guggenmos hat viele Jahre hier gearbeitet und kommt noch immer regelmäßig her, um ehrenamtlich mitzuhelfen und auf diese Weise seinen Beitrag zur Völkerverständigung zu leisten.

Die Folgen der Gewalt sind täglich sichtbar

Das Misstrauen zwischen Israelis und Palästinensern ist groß. Terror und Vergeltungsaktionen, Siedlungs- und Mauerbau, die Angst vor Anschlägen und die Demonstration von Stärke - nein, eine wirkliche Annäherung beider Völker ist nicht in Sicht.

In der immer wieder durch Radikale aufgeheizten Stimmung erscheint das Hadassah Medical Center in der heiligen Stadt Jerusalem nicht allein Johannes Guggenmos als "eine Insel des Friedens". Schon während seines Studiums arbeitete der Deutsche in der Notaufnahme des israelischen Krankenhauses.

Er erlebte die Folgen der gewalttätigen Auseinandersetzungen unmittelbar mit. Knapp zehn Jahre später kehrte er mit Hilfe eines Stipendiums des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) zurück. Inzwischen arbeitet der plastische und ästhetische Chirurg am Kreiskrankenhaus Erding, doch Jerusalem und insbesondere das Hadassah lassen ihn nicht los.

Das Hadassah Medical Center besteht aus zwei Krankenhäusern am Mount Scopus und in Ein Kerem. Es verfügt über fünf Ausbildungsstätten, 1250 Betten sowie 31 Operationssäle, insgesamt halten 5000 Mitarbeiter den Betrieb aufrecht.

Klinik als Ort des Friedens im Nahen Osten

Gute Versorgung über religiöse und ethnische Grenzen hinweg: Dr. Johannes Guggenmos (links) mit einer Patientin.

© Beilquadrat

Im Durchschnitt versorgen sie eine Million Patienten pro Jahr. Obwohl der medizinische Komplex in einer von Armut, Terror und Krieg geprägten Gegend liegt, gilt er aufgrund seiner Größe und seiner Behandlungsmöglichkeiten, seiner wegweisenden Forschung und Lehre als eines der führenden Versorgungszentren der Welt.

Hier wurde die erste Blutbank Israels errichtet, hier wurden schon in den 1970er Jahren erfolgreich Knochenmarktransplantationen vorgenommen, und auch das Institut für Gentherapie und humane Embryostammzellenforschung genießt einen hervorragenden Ruf.

Unabhängig von Religion, Abstammung und politischer Couleur

In der Klinik wird vorgelebt, was sich die meisten Israelis und Palästinenser wünschen: Unabhängig von Religion, Abstammung und politischer Couleur werden hier sowohl Patienten behandelt als auch Mitarbeiter eingestellt. 2005 war das Hadassah Medical Center für den Friedensnobelpreis nominiert.

Johannes Guggenmos bewundert vor allem die palästinensischen Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern, die jeden Tag die Grenzen zum Westjordanland überschreiten. In ihrer Heimat erhalten Patienten selten die für sie notwendige Versorgung - zu arm sind sie selbst, zu schlecht ausgestattet die Gesundheitsstationen.

Wenn sie Patienten aus den besetzten Gebieten nach Jerusalem bringen, um ihnen im Hadassah Medical Center eine adäquate Versorgung zu ermöglichen, müssen sie mit Repressalien, zumindest mit Beschimpfungen rechnen.

"Unser Ziel ist es, den Patienten mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zu helfen", sagt der deutsche Arzt. Alle zwei Monate fliegt er nach Jerusalem und opfert seinen Urlaub oder geleistete Überstunden für die gute Sache.

Über die medizinische Nothilfe hinaus will Guggenmos vor allem die Menschen besser kennen und verstehen lernen. "Auch dafür habe ich Hebräisch gelernt", sagt der junge Arzt. An die strengen Kontrollen habe er sich gewöhnt. Unsicher fühle er sich nicht in Jerusalem, sagt er, sondern eher in der Münchener U-Bahn, in der es gar keine Kontrollen gibt.

Projekte können nur mit Spenden realisiert werden

In diesem Jahr wird das Hadassah Medical Center in Jerusalem 100 Jahre alt. Auf dem Gelände in En Kerem soll ein neuer Klinikkomplex eingeweiht werden. Im so genannten Sarah Wetsman Daidson-Tower finden auf 19 Stockwerken 550 Betten, 20 OP-Säle und eine Intensivstation mit weiteren 50 Betten Platz.

Auch das Kinderkrankenhaus am Mount Scopus soll ausgebaut werden, da die Kinder-Betten zum Teil schon auf den Gängen stehen. Viele Projekte können nur mit Spenden realisiert werden. Unterstützung kommt auch aus Deutschland, wo es seit 1985 einen Hadassah Freundeskreis gibt.

Guggenmos: "Wir sind stolz, dass unsere Arbeit als ein Beitrag zum Frieden gesehen werden kann - zumindest in der Gesundheitsversorgung".

www.hadassah.de

Topics
Schlagworte
Panorama (30502)
Personen
Pete Smith (511)

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Künstliche Herzklappe raubt oft den Schlaf

Fast ein Viertel aller Patienten mit einer mechanischen Herzklappe klagt über Schlafstörungen. Die Ursache hat eine einfache Erklärung. mehr »

Das sind die Wünsche an die neue Weiterbildung

Am Freitag steht die Musterweiterbildungsordnung auf der Agenda des Deutschen Ärztetags. Wir haben dazu drei junge Ärzte und den BÄK-Beauftragen Bartmann befragt. mehr »

"Sportlich, unrealistisch, überkommen"

Am Donnerstagnachmittag debattiert der Deutsche Ärztetag über die GOÄ-Novellierung. Unsere Video-Reporter haben sich vorab dazu umgehört. mehr »