Ärzte Zeitung, 15.03.2012

Hintergrund

Arzneimittelreste bedrohen Pflanzen und Tiere

Arzneimittelrückstände und Metabolite gelangen Jahr für Jahr tonnenweise in die Umwelt. Welche Auswirkungen sie langfristig auf Pflanzen, Tiere und letztlich auch den Menschen haben, ist bisher erst in Ansätzen geklärt.

Von Thomas Meißner

Immer mehr Arzneimittelrückstände: Das ruft Umweltexperten auf den Plan

Über Kläranlagen gelangen die größten Wirkstoffmengen in die Umwelt.

© view7 / fotolia.com

Der jährliche Verbrauch verschiedener Arzneien ist beeindruckend: Mehr als 570 Tonnen Antibiotika werden in Deutschland jährlich verkauft, Tendenz steigend.

Der Verbrauch von Antidiabetika hat von 2002 bis 2009 von 595 auf 1.300 Tonnen zugenommen, der Analgetika-Verbrauch von 2.100 auf 2.600 Tonnen.

Auch wenn der Verbrauch anderer Medikamente im Gegenzug abgenommen hat, ist in Summe dennoch von einer Zunahme seit 2002 um etwa ein Drittel auszugehen.

Dies alles steht in einem Bericht, der vom Umweltbundesamt beauftragt worden ist. Hauptthema: die Konzentration von Arzneimitteln in unserer Umwelt.

Denn natürlich stellt sich die Frage, was eigentlich mit den von Mensch und Tier ausgeschiedenen Arzneimittelresten und Metaboliten geschieht und wo die Wirkstoffe nicht gebrauchter Arzneimittel tatsächlich landen.

274 Human- und Veterinärpharmaka nachgewiesen

Monitoringdaten aus Deutschland und Europa weisen 274 Human- und Veterinärpharmaka aus, für die Konzentrationen in Kläranlagenabläufen, Oberflächengewässern, Grund- und Trinkwasser, Wirtschaftsdünger, Boden oder Sediment nachgewiesen worden sind. In Deutschland finden sich exakt 156 Wirkstoffe in diesen Umweltmatrices.

Für weniger als die Hälfte, nämlich 70 Stoffe, liegen sowohl Umweltkonzentrationen als auch ökotoxikologische Daten vor, erklärt Dr. Axel Bergmann, Hydrogeologe am IWW Rheinisch-Westfälischen Institut für Wasser in Mühlheim an der Ruhr, Projektleiter und einer der Hauptautoren der Studie.

"Die Verbrauchsmenge von Arzneistoffen korreliert 1 : 1 mit der Konzentration in Oberflächengewässern", sagt Bergmann.

Die Konzentration sagt jedoch noch nichts über das ökotoxikologische Potenzial aus. Es gibt Wirkstoffe, die weitgehend naturidentisch sind wie Glykoside oder Taxane, die - wahrscheinlich - wenig problematisch seien, heißt es in einem Bericht des Sachverständigenrates für Umweltfragen aus dem Jahre 2007.

Bei in großen Mengen synthetisch hergestellten Arzneimitteln wie Ibuprofen bestehe dagegen "dringender Bedarf nach Bereitstellung entsprechender Informationen zur Umweltrisikobewertung".

Besonders problematisch: Hormone und Antibiotika

Diclofenac-Anreicherungen in Gewässern lösen bei Fischen zum Beispiel Nierenschäden aus. Einige Veterinärarzneimittel reichern sich in Nutzpflanzen wie Mais, Getreidesorten, Erbsen, Möhren oder Zwiebeln an und können damit wieder in die Nahrungskette gelangen.

Manche Medikamente werden zwar zügig abgebaut, andere persistieren hingegen lange oder womöglich permanent in der Umwelt, zum Beispiel das Antiepileptikum Carbamazepin oder auch Röntgenkontrastmittel. Röntgenkontrastmittel scheinen dennoch keine ökotoxikologischen Auswirkungen zu haben.

Besonders problematisch sind aber Hormone und Antibiotika, die bereits in geringen Konzentrationen Effekte auslösen. Ein erheblicher Teil der Antibiotika bindet an die Bodenmatrix.

Man kann dies positiv sehen, denn nun befinden sie sich nicht mehr im Wasserkreislauf. Andererseits kann diese Sorption vor dem biotischen Abbau schützen. Damit persistieren und akkumulieren diese Antibiotika in der Umwelt.

Insgesamt ist weder über die Langzeiteffekte der Einzelsubstanzen noch über die Mischexposition von Wirkstoffen viel bekannt. Hinzu komme der Eintrag von Industriechemikalien in die Umwelt, die womöglich ebenfalls in Kombination wirkten, so Bergmann.

Er nennt als Beispiel Phenole, die eine endokrine Wirkung haben können. Experten sind sich einig, dass man solche Langzeiteffekte lieber nicht abwarten, sondern heute schon präventiv tätig werden sollte. Die europäische Arzneimittelagentur EMA hat schon 2006 reagiert und schreibt für Neuzulassungen von Medikamenten Untersuchungen zur Umweltgefährdung vor.

Es gibt Bemühungen, Arzneimittel bereits während ihrer Entwicklung umweltverträglich zu gestalten (Stichwort: green pharmacy).

Für Klärwerke werden spezielle Filter gefordert

Bergmann fordert zudem die Ausstattung der kommunalen Kläranlagen mit entsprechender Filtertechnik, weil über sie der größte Eintrag von Wirkstoffen in die Umwelt stattfindet. In NRW laufen dazu zehn vom Umweltministerium finanzierte Pilotprojekte. Kliniken, so Bergmann, müssten mit eigenen Kläranlagen versehen werden, weil dort der Wirkstoffeintrag in die Umwelt groß sei.

Defizite gebe es vor allem noch in der Kommunikation zwischen den Institutionen, klagt der Experte. Es nütze nichts, nachträglich auf vor Jahren erhobene Daten zurückzugreifen.

Vielmehr müssten Arzneimittelhersteller und Zulassungsbehörden permanent über neu auf den Markt kommende Wirkstoffe oder auch abnehmende Verbräuche informieren, damit rechtzeitig die Analytik darauf abgestimmt werden könne.

"Derzeit reagieren wir eigentlich nur, wir agieren nicht", so Bergmann. Und völlig intransparent sei der Verbrauch von Veterinärarzneimitteln in Deutschland. Dies werde überhaupt nicht systematisch erfasst.

www.umweltbundesamt.de

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