Ärzte Zeitung, 30.04.2012

Leo Latasch: Nur dem Gewissen verpflichtet

Er ist der Leiter der Frankfurter Rettungsdienste, Bereitschaftsarzt in der Frankfurter Flughafenklinik, Hochschullehrer und Sozialdezernent der jüdischen Gemeinde: Der Terminkalender von Leo Latasch ist gut gefüllt. Nun ist er als Mitglied in den Deutschen Ethikrat berufen worden.

Von Pete Smith

Leo Latasch: Nur dem Gewissen verpflichtet

Leo Latasch: "Der Grundsatz, Leben zu retten, besitzt die höhere Wertigkeit."

© Pete Smith

FRANKFURT/MAIN. "Das ist eine große Ehre für mich", sagt Professor Leo Latasch, Ärztlicher Leiter des Rettungsdienstes der Stadt Frankfurt am Main, zu seiner Berufung in den Deutschen Ethikrat.

Latasch, Mitglied im Direktorium des Zentralrats der Juden in Deutschland, ist der einzige Vertreter jüdischen Glaubens in diesem Gremium und neben Theologen, Juristen und Wissenschaftlern einer der wenigen Mediziner.

Dem Deutschen Ethikrat, der 2008 aus dem Nationalen Ethikrat hervorgegangen ist, gehören 26 Mitglieder an, die je zur Hälfte von der Bundesregierung und dem Bundestag vorgeschlagen werden.

Das Gremium ist ein unabhängiger Sachverständigenrat, der "die ethischen, gesellschaftlichen, naturwissenschaftlichen, medizinischen und rechtlichen Fragen sowie die voraussichtlichen Folgen für Individuum und Gesellschaft verfolgt, die sich im Zusammenhang mit der Forschung und den Entwicklungen insbesondere auf dem Gebiet der Lebenswissenschaften und ihrer Anwendung auf den Menschen ergeben", wie es in den Statuten heißt.

Dabei ist der Deutsche Ethikrat sowohl ethisches Dialogforum als auch bioethisches Beratungsgremium, das bei politischen Entscheidungen und Gesetzesvorhaben Stellungnahmen erarbeitet und Empfehlungen ausspricht.

Religiös aber nicht fromm

Religiöse Positionen wurden im Ethikrat bislang nur durch Repräsentanten der katholischen und evangelischen Kirche vertreten. "Inzwischen hat man wohl erkannt, dass auch Juden und Muslime dazu gehören", so Latasch, der seit mehr als zwei Jahrzehnten im Vorstand der jüdischen Gemeinde Frankfurt am Main sitzt und zudem stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland ist.

Für sein soziales Engagement erhielt er 2003 das Verdienstkreuz am Bande und im vergangenen Jahr das Verdienstkreuz 1. Klasse der Bundesrepublik Deutschland.

Derzeit leben etwa 200.000 Juden in Deutschland, die mit Latasch erstmals einen Repräsentanten in diesem wichtigen Gremium haben. Doch bei seiner neuen Aufgabe fühlt sich der Frankfurter Arzt ("Ich bin religiös, aber nicht fromm") nicht allein seinem Glauben verpflichtet.

"Das Judentum schreibt beispielsweise vor, dass ein Leichnam nahezu unversehrt bestattet werden sollte", erläutert der Anästhesist und Rettungsmediziner.

"Ich bin aber der Auffassung, dass Organe Leben retten können. Das ist ein Widerspruch. Derzeit glaube ich, dass der Grundsatz, Leben zu retten, die höhere Wertigkeit besitzt. Wie ich das lösen möchte, weiß ich jedoch noch nicht."

Grundsätzlich wolle er sich von seiner medizinisch-wissenschaftlichen Erfahrung und seinem Gewissen leiten lassen, sagt Latasch im Gespräch mit der "Ärzte Zeitung".

In Fragen, auf die er selbst keine Antwort wisse, "werde ich mich aber auch nicht scheuen, den Rat von Rabbinern einzuholen."

Mehr Ärzte in den Ethikrat

Die nächsten vier Jahre wird Latasch einmal im Monat nach Berlin reisen, um an den Sitzungen des Deutschen Ethikrats teilzunehmen. Im ersten Teil einer Sitzung bleiben die Mitglieder des Ethikrats unter sich, danach darf auch die Öffentlichkeit teilnehmen.

Derzeit, so Latasch, stünden vor allem zwei Themen im Fokus: Hirntod und Intersexualität. Als Mediziner will er sich nicht in juristische Fragestellungen einmischen, etwa wenn es um das Problem der Heirat intersexueller Menschen geht.

Er will sich vielmehr bei medizinischen Problemen einbringen, beispielsweise in der Frage, ob man Eltern intersexueller Kinder erlauben sollte, das Geschlecht vor deren 18. Lebensjahr zu bestimmen.

Im Hinblick auf solche Entscheidungen wünscht sich Latasch mehr Mediziner im Ethikrat, vor allem auch solche, die praktisch tätig sind.

Um seine neue Aufgabe verantwortungsvoll wahrnehmen zu können, will der Frankfurter Rettungsdienstleiter, Bereitschaftsarzt in der Frankfurter Flughafenklinik, Koordinator eines Bundesforschungsprojektes zur elektronischen Triage bei Großschadensereignissen, Hochschullehrer und Sozialdezernent der jüdischen Gemeinde einige Aufgaben abgeben.

"Zum Glück habe ich einen Arbeitgeber, der meine Mitarbeit im Ethikrat mitträgt und mich zu den Sitzungen sogar freistellt", sagt Leo Latasch. Im Dezember wird er 60. Mehr Zeit für sich und seine Familie wird er dann nicht haben.

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