Ärzte Zeitung, 15.05.2012

Pflegedienst für Aidskranke muss aufgeben

Der bundesweit letzte Pflegedienst einer Aids-Hilfe muss zum Ende des Jahres schließen. Wie es mit der Versorgung der rund 100 Patienten dann weitergeht, ist ungewiss.

Von Pete Smith

Pflegedienst für Aidskranke muss aufgeben

Stehen vor ungewisser Zukunft: Stefan Mayer, Vorstand der Aids-Hilfe Frankfurt, Geschäftsführer Achim Teipelke, Pflegedienstleiterin Kathrin Medack und Herbert Drexler, Fachbereichsleiter Betreutes Wohnen der Aids-Hilfe (von links).

© Smith

Mehr als 20 Jahre nach seiner Gründung steht der letzte Pflegedienst einer Aids-Hilfe in Deutschland vor dem Aus. Der Frankfurter Regenbogendienst wird eines seit Jahren anhaltenden finanziellen Defizits wegen zum 31. Dezember schließen.

Für die 15 Mitarbeiter und drei Aushilfen des ambulanten Pflege- und Hauswirtschaftsdienstes sowie für die 100 von ihnen betreuten Patienten sei die Entscheidung "schlicht eine Katastrophe", sagte Stefan Mayer, Vorstand der Aids-Hilfe in Frankfurt am Main, bei der Bekanntgabe der Entscheidung. Doch unter den derzeitigen Voraussetzungen gebe es dazu keine Alternative.

In Frankfurt am Main leben zwischen 3000 und 5000 HIV-Infizierte und etwa 1300 Aidskranke. Bezogen auf die Einwohnerzahl liegt die Main-Metropole damit noch vor den Aids-Hochburgen Berlin und Köln.

Der Regenbogendienst wurde 1989, auf dem Höhepunkt der Ausbreitung von Aids, gegründet. Damals starben die meisten Patienten nach einem kurzen, schweren Krankheitsverlauf - oft vereinsamt, da sich Familie und Freunde von ihnen abgewandt hatten.

Aids betraf vor allem Schwule und Drogenkonsumenten, die von herkömmlichen Pflegediensten häufig abgelehnt wurden.

HIV in Notaufnahmen ein Stigma

In Kooperation mit der Infektionsambulanz der Universitätsklinik Frankfurt wollte die Aids-Hilfe eine Anlaufstelle schaffen, bei der sich Betroffene sicher fühlen können und die ihnen eine Pflege und Versorgung zukommen lässt, die ihren mitunter besonderen Lebensweisen gerecht wird.

Da eine solche Pflege jedoch zeit- und kostenintensiv ist, war man von Anfang an auf Unterstützung durch Spender und Sponsoren angewiesen.

"Für unsere Patienten sind wir wie eine Familie", sagt Kathrin Medack, Pflegedienstleiterin der Frankfurter Aids-Hilfe. Viele Patienten seien zuvor schon von drei, vier oder fünf herkömmlichen Pflegediensten betreut worden, aber erst von den Mitarbeitern des Regenbogendienstes fühlten sie sich so angenommen, wie sie sind.

"Was glauben Sie, wie sich ein Patient fühlt, wenn ihm ein Pfleger mit Kittel, Mundschutz und doppelten Handschuhen gegenüber tritt?"

Auch in der Notaufnahme sei HIV noch immer ein Stigma, das für die Betroffenen längere Wartezeiten und eine Behandlung ohne Körperkontakt bedeute.

Derzeit muss die Aids-Hilfe im Jahr 690.000 Euro aufwenden, um den Regenbogendienst aufrecht zu erhalten. Darin eingeschlossen sind sämtliche Personal- und Sachkosten.

360.000 Euro tragen die Pflege- und Krankenkassen, erläutert Achim Teipelke, Geschäftsführer der Aids-Hilfe, 80.000 Euro schießt die Stadt zu.

Der "Lauf für mehr Zeit", eine jährlich stattfindende Sponsorenveranstaltung, bringt zwischen 100.000 und 150.000 Euro. Ebenso groß sei jedoch die Finanzierungslücke, so Teipelke, eine Lücke, die man trotz wachsender Spendeneinnahmen nicht habe schließen können.

Allein aus diesem Grunde habe man die Entscheidung treffen müssen, zum 31. Dezember dieses Jahres das Ende des Regenbogendienstes zu verkünden.

Schade, wenn Know-how verloren geht

Eines der größten Probleme sieht Pflegedienstleiterin Medack in den langen Fahrzeiten. Im Unterschied zu anderen Pflegediensten betreue der Regenbogendienst Patienten, die über das gesamte Frankfurter Stadtgebiet verteilt wohnen.

Selbst nach Offenbach und in den Hochtaunuskreis fahren ihre Mitarbeiter, ohne dass die Kosten dafür nur annähernd von den Kassen erstattet würden.

Zudem habe sich aufgrund der verbesserten Therapie bei HIV und Aids auch das Anforderungsprofil der Fachkräfte verändert. Viele Patienten würden heute sehr viel älter als Mitte der 1980er Jahre.

Aufgrund ihrer Erkrankung schieden die meisten jedoch schon sehr früh aus dem Erwerbsleben aus, viele von ihnen verarmten und zögen sich immer weiter zurück.

So sind die Mitarbeiter des Regenbogendienstes nicht mehr allein pflegerisch tätig, sondern auch als Berater im Alltag und als Seelsorger in Zeiten depressiver Schübe.

Wie es für die 100 Patienten des Regenbogendienstes nun weitergeht, ist völlig ungewiss. Möglicherweise, so hoffen die Verantwortlichen der Frankfurter Aids-Hilfe, berücksichtigt das Pflege-Neuausrichtungsgesetz bei der Anpassung der Finanzierungsgrundlagen auch die besonderen Herausforderungen der spezialisierten und kleineren Pflegedienste.

Auch die Weiterführung des Regenbogendienstes unter einem anderen, finanzkräftigeren Träger steht zur Diskussion, auch wenn er dadurch seine Eigenständigkeit verlieren sollte.

flegedienstleiterin Medack: "Wichtig ist, dass es weitergeht, es wäre einfach schade, wenn unser Know-how verloren geht."

Eine feste Pflegekraft für jeden Patienten

Der Regenbogendienst der Aids-Hilfe Frankfurt am Main e.V. wurde 1989 mit dem Ziel gegründet, an Aids erkrankten Menschen ein weitgehend selbstbestimmtes Leben in ihrem gewohnten Umfeld zu ermöglichen. Das schließt ambulante Pflege und hauswirtschaftliche Hilfen ebenso ein wie Übergangs- und Entlassungspflege sowie die Beratung und Schulung von pflegenden Angehörigen. Während der Dauer der Betreuung ist jedem Patienten eine feste Pflegekraft zugeordnet, die für die Grund- und Behandlungspflege zuständig ist. Der Regenbogendienst ist anerkannter Leistungsanbieter der Kranken- und Pflegekassen sowie des Sozialamtes der Stadt Frankfurt.

Kontakt: Aids-Hilfe Frankfurt/Main e.V., Regenbogendienst - Ambulanter Pflegedienst, Friedberger Anlage 24, 60316 Frankfurt/Main, Telefon 069-40586847, E-Mail: pflege@frankfurt.aidshilfe.de, Bürozeiten: Montag bis Donnerstag von 9 bis 13 Uhr.

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