Ärzte Zeitung online, 04.07.2012

Wurde Arafat mit Polonium vergiftet?

Acht Jahre nach Arafats Tod gibt es neue Hinweise auf eine mögliche Vergiftung mit radioaktivem Polonium. Seine Witwe will eine Exhumierung der Leiche. Eine internationale Prüfung wird gefordert.

Von Robert Bublak

Wurde Arafat mit Polonium vergiftet?

Der von Krankheit gezeichnete Palästinenserführer Jassir Arafat mit einem Ärzteteam vor seinem Abflug aus Ramallah am 28.10.2004.

© picture alliance / dpa

LAUSANNE. Wie der arabische Sender Al-Jazeera meldet, hat die palästinensische Autonomiebehörde unter ihrem Präsidenten Mahmoud Abbas einer Exhumierung von Ex-PLO-Chef Jassir Arafat zugestimmt.

Arafats Witwe Suha at-Tawil hatte die Behörde dem Sender zufolge darum gebeten. "Es war kein natürlicher Tod", sagte sie. "Es war ein Verbrechen."

Suha at-Tawil hatte Al-Jazeera persönliche Gegenstände ihres Mannes übergeben. Untersucht wurden sie schließlich im Institut de radiophysique in Lausanne, das angibt, auf Anweisung des Centre universitaire romand de médecine légale (CURML) gehandelt zu haben.

Das rechtsmedizinische Zentrum der französischen Schweiz ist bekannt für forensische Ermittlungen in heiklen Fällen. So wurde dort beispielsweise auch der Tod von Diana Spencer, "Lady Di", untersucht.

Vorsichtig mit Folgerungen

Die Wissenschaftler in Lausanne haben an den Gegenständen, etwa an Arafats Kleidern, tatsächlich Polonium 210, einen Alphastrahler, nachweisen können - ein Befund, für den die Erklärung fehlt. In ihren Folgerungen sind die Schweizer indes recht vorsichtig.

"Das reicht nicht aus, um die Todesursache sicher zu bestimmen", gaben sie in einer Institutsmitteilung bekannt. Das rechtsmedizinische Gutachten verweise zudem auf Aspekte, die nicht mit einem akuten Strahlensyndrom in Einklang stünden.

Die Strahlenphysiker ziehen auch ein prominentes Poloniumopfer aus der Vergangenheit heran, um zu zeigen, dass ein Verbrechen noch nicht sicher erwiesen ist.

Element "Po" zerstört teilungsfreudige Zellen

Entdeckt haben das Element Polonium Marie und Pierre Curie im Jahr 1898. Benannt ist es nach Marie Curies polnischer Heimat (lat. Polonia). Es trägt die Ordnungszahl 84 und hat das Elementsymbol "Po".

Das Polonium-Isotop 210 sendet Alphateilchen aus, die rasch sich teilende Zellen zerstören. Zu den Symptomen gehören Alopezie, Diarrhö, Anämie und Hämorrhagien aus Nase, Mund und Rektum. Die mittlere letale Dosis der Substanz beträgt 0,089 µg. Ein Gramm Polonium würde genügen, die Hälfte von 10 Millionen damit vergifteten Menschen zu töten. Die biologische Halbwertzeit von Polonium beträgt rund 50 Tage.

Vermutlich an chronischen Strahlenfolgen starb auch Marie Curie 1934, und zwar an aplastischer Anämie. Ihre Tochter Irène Joliot-Curie, die ebenfalls über Radioaktivität geforscht hatte, erlag 1956 einer Leukämie. Einige Jahre vor ihrem Tod, 1946, hatte sie einen Strahlenunfall. Ein Behälter war explodiert, darin ein radioaktives Element: Polonium. (rb)

Alexander Litwinenko, ein russischer Ex-KGB-Agent und späterer Putinkritiker, war vor sechs Jahren in London an einer Vergiftung mit Polonium 210 gestorben. "Im Gegensatz zu Litwinenko hat Arafat seine Haare behalten", wie die Schweizer Wissenschaftler aus Lausanne berichten.

Zu etwaigen unnatürlichen Ursachen von Arafats Tod im Jahr 2004 sind einige Gerüchte im Umlauf, wobei die Israelis die traditionellen Verdächtigen darstellen.

2004: Gift als Medizin getarnt

Es gibt aber auch weniger langweilige Varianten. So erschien in der israelischen Zeitung "Haaretz" im vergangenen August ein Bericht, wonach Funktionäre der palästinensischen Fatah-Partei Mohammed Dahlan beschuldigen, Arafat vergiftet zu haben.

Dahlan, ehemals Sicherheitschef und starker Mann im Gazastreifen, war von der Fatah für den Verlust von Gaza an die Hamas verantwortlich gemacht worden. Nach einer monatelangen Fehde mit Präsident Abbas war er aus der Partei ausgeschlossen worden.

Nun hieß es nach Angaben von Haaretz, Dahlan habe Arafat 2004 als Medizin getarntes Gift geschickt, als dieser in einer Pariser Klinik lag. Beweise dafür wurden freilich ebenso wenig vorgelegt wie Gründe, weshalb Dahlan Arafat hätte töten sollen.

Den Ergebnissen der Lausanner Physiker zufolge ist der Alphastrahler Polonium, der auf Arafats Habe gefunden worden ist, wahrscheinlich keines natürlichen Ursprungs.

Quelle: www.springermedizin.de

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