Ärzte Zeitung, 12.07.2012

Eine Reise durch die dunkelsten Regionen der Seele

Ein Kammerspiel, das dem Zuschauer den Atem nimmt: Die eine Frau soll das Leben der Anderen ergründen, vier Therapiesitzungen sollen die Patientin auf ihren Prozess vorbereiten. Der Film "Jasmin" zeigt ein Lebensdrama.

Von Pete Smith

Eine Reise durch die dunkelsten Regionen der Seele

Das Leben von Jasmin (Anne Schäfer, rechts) soll von Psychiaterin Dr. Feldt (Wiebke Puls, links) ergründet werden.

© Camino Filmverleih

MÜNCHEN. "Eine unfassbare, nie da gewesene Ruhe" empfindet Jasmin, als sie ihre einsame Entscheidung trifft. Endlich soll ihr Leid, soll all ihr Schmerz ein Ende haben. Doch dann…

Zwei Frauen sitzen sich gegenüber am Tisch. Die eine hat unsagbare Schuld auf sich geladen, die andere will die Ursachen dieser Schuld ergründen.

Ein einfaches Zimmer, karg eingerichtet, die Fenster sind beschlagen, auf dem Tisch liegt eine Mappe, ein Kugelschreiber huscht übers Papier. Das Setting einer Exploration.

Ein Kammerspiel, das dem, der sich darauf einlässt, Nerven abverlangt und ihn am Ende dafür belohnt.

"Jasmin", ein Film von Jan Fehse (Regie) und Christian Lyra (Drehbuch), öffnet sich leise. Doch je weiter der Zuschauer eindringt, desto tiefer werden die Abgründe, die sich vor ihm auftun.

Jasmin hat ihr Kind umgebracht

"Wir gehen einmal durch ihr ganzes Leben", erklärt die Psychiaterin Dr. Feldt (Wiebke Puls) ihrer Patientin Jasmin (Anne Schäfer), die sich zunächst an nichts erinnern will. Vor beiden liegt eine viertägige Reise in die dunkelsten Regionen ihrer Seele.

Was der Zuschauer anfangs nur ahnt, wird bald zu Gewissheit: Jasmin hat ihr Kind umgebracht. Doch ihr Plan, sich anschließend zu erhängen, ist gescheitert. Mit ihrer Schuld muss sie nun leben.

Schicht um Schicht legt die Gutachterin die verdrängten Erinnerungen ihrer Patientin frei: Bis zum Alter von sechs Jahren schläft Jasmin im Bett ihrer Eltern. Eines Morgens wacht sie auf und starrt auf ihren toten Vater, der in der Nacht einen Herzinfarkt erlitten hat.

Der plötzliche Verlust fühlt sich an, "als würde jemand auf schwarzweiß schalten, wo vorher Farbe war". Zu allem Überfluss muss Jasmin auch noch die Vorwürfe ihrer Mutter ertragen, die ihr die Schuld am Tod des Vaters gibt.

Häufig von Depressionen geplagt

Schon als Kind ist Jasmin gezeichnet und wird immer häufiger von Depressionen geplagt. Die Schule bricht sie ab, als sie Tom kennenlernt, einen Musiker, ihre erste große Liebe. Doch der betrügt sie mit seinen Groupies.

Benno heißt ihr nächster Freund. Kaum ist sie schwanger, drängt Benno sie zur Abtreibung, aber Jasmin will ihr Kind unbedingt. "Ich dachte, wenn ich eine Tochter bekomme, macht mein Leben einen Sinn, dann lohnt es sich, weiter zu machen." Benno verlässt sie.

Jasmin bleibt nichts anderes übrig, als die kleine Franziska allein aufzuziehen. Sie leiht sich Geld, um einen weiteren Traum zu träumen, ein eigenes Café. Aber auch dieser Traum endet als Albtraum. Die Gäste bleiben aus, die Schulden drücken.

Jasmin verliert ihre Krankenversicherung. Und ihre Freundin Sabine, die auf Franziska aufpassen soll, entpuppt sich als süchtig. Nur knapp überlebt die Einjährige eine Valium-Vergiftung.

Angeborener Herzfehler beim Kind

Das Kind bleibt schwach, ist allzu oft krank, wofür sich die Mutter allein die Schuld gibt. Selbst dann noch, als herauskommt, dass Franziska einen angeborenen Herzfehler hat.

"Ich habe alles falsch gemacht, was man falsch machen kann!", schreit sie ihre Psychiaterin an. "Eine beschissene Aneinanderreihung falscher Entscheidungen!"

Trotz aller Offenbarungen bleibt weder den Protagonisten noch den Zuschauern der eigentliche Sündenfall erspart. Das schreckliche Eingeständnis, auf das der Film zuläuft.

"Franziska schläft. Plötzlich öffnet sie die Augen und guckt mich an, als ob sie sagen will: Ich bin bereit, Mama, lass uns gehen."

"Jasmin" liegen wahre Lebensdramen zugrunde, die beratenden Psychiater haben eigene Erfahrungen eingebracht. Doch erst das intensive Spiel der Münchner Theaterschauspielerinnen Anne Schäfer und Wiebke Puls verleiht dem Film Authentizität. Ein Drama, das nachwirkt.

Der Film läuft in folgenden Städten: Ab 19. Juli in Münster (Cinema), Lich (Traumstern); ab 20. Juli in Graz; ab 26. Juli in Barmstedt (Saturn Kino); ab 4. Oktober in Oberhausen (Kino im Walzenlager); ab 11. Oktober in Heidelberg (Karlstor, Premiere am 15.10. um 19 Uhr mit Anne Schäfer), Weil der Stadt (Kinocenter); ab 18. Oktober in Mannheim (Planken).

Termine unter www.jasmin-derfilm.de

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