Ärzte Zeitung, 14.07.2012

Ist Geiz wirklich geil?

Wer kennt sie nicht: Geizige Menschen, die sich selbst und anderen nichts gönnen. Geiz ist geil? Da gibt es in unserer Gesellschaft verschiedene Meinungen. Genauso unterschiedlich sind die Erklärungen, warum der eine geizig ist und der andere nicht.

Von Christoph Fuhr

Ist Geiz wirklich geil?

Der hat Schwein - und viel Geld.

© heywoody / fotolia.com

Er ist ein Leuteschinder, Erpresser, Halsabschneider, Raffer, Knauser und darüber hinaus geizig bis ins Mark - so charakterisiert der berühmte Charles Dickens einen Menschen, der in seiner Story "Eine Weihnachtsgeschichte" die Akzente setzt.

Dickens nannte ihn Ebenezer Scrooge. Er hätte wohl nie geahnt, dass diese literarische Figur noch heute Bedeutung hat, wenn das Phänomen des Geizes psychologisch erklärt wird. Denn der Knauser Scrooge erfährt am Ende der Geschichte eine Läuterung.

Im Geist erscheint ihm zunächst ein nicht minder geiziger und rücksichtsloser Geschäftspartner von einst, der hilflos an eine Kette gebunden ist. Und dann entdeckt Scrooge in dieser Horrornacht sogar seinen eigenen Grabstein. Das bleibt nicht ohne Folgen.

Plötzlich wird er freigiebig und zeigt Emotionen. Bis heute spricht man vom "Scrooge-Effekt": Menschen werden spendabler, wenn sie der Unentrinnbarkeit des Todes ins Auge blicken.

Mit dem Geiz ist das so eine Sache: Geiz ist geil? Das Schlagwort aus der Werbung suggeriert, dass es alles andere als unmoralisch ist, auf Schnäppchenjagd zu gehen und dabei jeden Cent im Auge zu behalten.

Wer würde aber aus eigener Erfahrung bestreiten, dass die Übergänge zwischen (übertriebener) Sparsamkeit und Geiz im Leben fließend sind?

Nur die Trägheit wird toleriert

Buchtipp

Alles über die sieben Todsünden

Ist Geiz wirklich geil?

Als der Religionspädagoge Professor Anton Bucher sein Buchprojekt über die Sieben Todsünden startete, war das Interesse, wie er sich im Nachhinein erinnert, groß.

Seine Erklärung: Es ist eben spannender, sich mit Hochmut, Geiz, Wollust, Zorn, Völlerei, Neid und Trägheit des Herzens zu beschäftigen, als etwa mit Treue, Diät, Großzügigkeit und bürgerlichem Fleiß.

Aber soll sich moderne Psychologie überhaupt noch mit "verstaubten Lasterkatalogen" von gestern beschäftigen? "Ich meine, sie soll es", sagt Bucher. "Die Sieben Todsünden betreffen uns am eigenen Leib, in unseren stärksten Momenten, Triebkräften und verschwiegensten Wünschen." (fuh)

Anton Bucher: Geiz, Trägheit, Neid & Co. in Therapie und Seelsorge. Psychologie der sieben Todsünden. Springer-Verlag. Berlin, Heidelberg, New York, 2012, 230 Seiten. 29,95 Euro

ISBN: 978-3-642-04906-4

Welche Gesichter hat eigentlich der Geiz? Wie entsteht diese Charaktereigenschaft und wie entwickelt sie sich? Mit dieser Frage hat sich Professor Anton A. Bucher vom Fachbereich Praktische Theologie und Religionspädagogik der Uni Salzburg in einem im Springer-Verlag erschienenen Buch beschäftigt.

Der Titel: "Geiz, Trägheit, Neid & Co. in Therapie und Nachsorge - Psychologie der sieben Todsünden." Ein Buch mit vielen spannenden Informationen, das mit Sicherheit auch Leser ansprechen wird, die überhaupt nichts mit Religion am Hut haben.

Bucher hat eine eigene Untersuchung initiiert, die zeigt, dass Menschen dem Geiz nichts Positives abgewinnen können.

88 Prozent halten Geiz für verwerflich, Stolz und Hochmut werden von 64 Prozent der Befragten negativ beurteilt, ganz hinten liegt mit 44 Prozent die Trägheit. Mal so richtig träge sein - das ist wohl am ehesten verzeihlich.

Dem Geiz räumt Bucher in seinem Buch breiten Raum ein, und er hat bei seinen Recherchen verblüffende Theorien entdeckt. Leiden Geizige tatsächlich häufiger an Verstopfung als Freigiebige? Klagen Verschwender dafür häufiger über Diarrhoe?

Fundierte Wissenschaft ist das wohl kaum. Die Verstopfungstheorie mag originell sein, empirisch gesichert, sagt Bucher, ist sie nicht.

Der Geiz schreibt skurrile Geschichten, wie Bucher in einem Aufsatz mit Fallbeschreibungen des Psychoanalytikers Karl Abraham entdeckt hat.

Da ist von einem Bankdirektor die Rede, der seine Kinder anweist, möglichst lange mit der Darmentleerung zu warten, "damit die teure Nahrung bis zum äußersten ausgenutzt werde".

Da ist ein Geizhals, der offenbar als Kleinkind orale Entbehrungen hatte und als Erwachsener seine Ziegen füttert, indem er ihnen allen Ernstes die Grashalme einzeln hinhält.

Freud: Zusammenhang von Geiz und analer Phase

Wissenschaftler wie etwa Abraham oder auch Melanie Klein verorten den Ursprung von Geiz und Habgier in die orale Phase. Klein etwa vertritt die These, dass Habgier schon unmittelbar nach der (verfrühten) Absetzung von der Mutterbrust einsetzen kann.

Der Säugling sucht die Brust vergebens, er braucht Ersatz, und das ist im späteren Leben Geld. Die Gier danach werde aus "kindlichen narzisstischen Allmachtsfantasien genährt".

Nicht minder spannend sind die Theorien über den Geiz von Sigmund Freud. Er entwickelt einen Zusammenhang zwischen Geiz und der analen Phase.

Menschen, die übertrieben sparsam, eigensinnig und penibel ordnungsliebend sind, hätten danach als Kleinkinder verhältnismäßig lange gebraucht, "bis sie der infantilen incontinentia alvi" Herr geworden seien.

Stark vereinfacht sieht Freud die weitere Entwicklung so: Wer das Problem Inkontinenz nicht in den Griff bekommt und immer wieder die Erfahrung nasser und kotiger Hosen macht, der entdeckt, dass die Zurückhaltung der Exkremente auf Dauer Lustgewinn bedeutet.

Wird dieser Mensch älter, hält er dann nicht mehr den Schließmuskel verschlossen, sondern seine Geldbörse.

Das letzte Hemd hat keine Taschen

Ist das wirklich so einfach? Bucher kommt zum Schluss, dass die klassische psychoanalytische Erklärung von Geiz und Habgier letztlich empirisch nicht überzeugend bestätigt werden kann.

Wie aber lässt sich das Problem Geiz in den Griff bekommen? Nicht jeder Geizige wird wie Ebenezer Scrooge seine Läuterung in einer dramatischen Nacht mit Träumen erfahren, die das ganze Leben völlig umkrempeln.

Und überhaupt fehlt vielen Menschen die echte Einsicht, dass sie tatsächlich geizig sind. Vielleicht ist das mit ein Grund, weshalb es wirklich überzeugende Konzepte gegen Geiz eigentlich nicht gibt.

Immerhin gibt es Vorbilder, an denen sich Geizige orientieren könnten, wenn sie es denn wirklich wollten.

Der berühmte Mahatma Gandhi etwa, berichtet Bucher, hinterließ bei seinem Tod eine Brille, ein paar Sandalen, einen Kugelschreiber und einen Sari.

Er wusste genau, was viele geizige Menschen offenbar vergessen haben. Wie auch immer man es dreht oder wendet: das letzte Hemd hat keine Taschen.

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