Ärzte Zeitung online, 24.08.2012

MentalGestärkt-Psychologin im Interview

"Manchmal ruft die Spielerfrau an"

Die Initiative MentalGestärkt ist die erste Anlaufstelle für psychisch kranke und gefährdete Fußball-Profis in Deutschland. Im Interview berichtet Diplom-Psychologin Marion Sulprizio über ihre Arbeit, die Sorgen und Nöte der Spieler und verschossene Elfmeter.

Das ist MentalGestärkt

"Manchmal ruft die Spielerfrau an"

© Sulprizio

Diplom-Psychologin Marion Sulprizio ist die Leiterin der Koordinationsstelle von MentalGestärkt.

Die Initiative ist die erste Anlaufstelle für psychisch kranke oder gefährdete Fußball-Profis in Deutschland. Sie existiert seit April 2011 und bietet den Leistungssportlern diskrete Hilfe an.

Finanziert wird MentalGestärkt von der Robert-Enke-Stiftung, der Deutschen Sporthochschule Köln und der Vereinigung der Vertragsfußballspieler.

Ärzte Zeitung: Psychische Erkrankungen in der Fußball-Bundesliga sind ein Tabu-Thema. Wir kennen nur einige Fälle - jüngstes Beispiel ist Martin Amedick von Eintracht Frankfurt, der an die Öffentlichkeit gegangen ist. Sollten sich betroffene Sportler outen oder ihre Krankheit verschweigen?

Marion Sulprizio: Die Erkrankung von Martin Amedick war uns vorher auch nicht bekannt. Dafür kennen wir viele andere Fälle, die wir versorgt haben. An MentalGestärkt wenden sich Fußball-Profis, aber auch andere Leistungssportler, die mit ihrer Erkrankung und ihren Problemen diskret umgehen wollen. Deswegen ist das genau der richtige Weg für sie.

Wenn man aber so offen ist wie Amedick, dann ist ein Outing der richtige Weg. Die Spieler, die uns kontaktieren, wollen eben nicht, dass ihre Namen in der Zeitung stehen - und viele wollen nicht mal, dass der Verein Bescheid weiß. Oftmals werden erst mal andere Krankheitsbeschwerden wie Rückenschmerzen oder Erkältung angegeben, damit sie sich in Ruhe in eine psychologische oder psychiatrische Behandlung begeben können.

Ärzte Zeitung: Welche Probleme haben Profifußballer, die sich an MentalGestärkt wenden?

Sulprizio: Am häufigsten geht es um Depression und Burn-out, aber auch um Angstproblematiken. Die meisten, die sich an uns wenden, wissen schon, dass sie Hilfe brauchen. Der Leidensdruck bringt sie dazu, uns anzurufen. Wir sind mit der Grundidee gestartet, Anlaufstelle für die Profifußballer zu sein - das ist aber nur ein Teil der Arbeit. Wir engagieren uns natürlich im präventiven Bereich und bieten zudem eine sportpsychologische Betreuung an, wenn es noch nicht zu einer psychischen Erkrankung gekommen ist und ein Spieler beispielsweise Stress oder Angst vor dem Wettkampf als Problem nennt. Es muss ja nicht gleich jeder in die Klinik.

Ärzte Zeitung: Wie helfen Sie einem Profifußballer konkret, der sich an Sie wendet?

Sulprizio: Ich führe mit ihm ein vorsondierendes Erstgespräch am Telefon. Die Anfragen kommen meist telefonisch oder auch per E-Mail, in der dann die Kontaktdaten enthalten sind. Bei prominenten Fußballern kommt es manchmal vor, dass die Partnerin anruft - oder gar der Trainer. Im Telefongespräch frage ich nach der Problematik, ob sie neu ist oder sich verändert hat und wie belastend sie ist. Es geht ja darum herauszufinden, welche Art der Betreuung der Spieler braucht.

Ärzte Zeitung: Welche Arten der Betreuung gibt es?

Sulprizio: Es gibt drei Arten. Einmal ressourcenstärkende Workshops, sie sind meist eine Sache für jüngere Sportler, die einfach nur Strategien im Umgang mit Situationen im Spiel benötigen. In anderen Fällen braucht der Sportler eine Einzelvermittlung an einen Sportpsychologen - bei vorklinischen Zuständen, wenn beispielsweise ein Problem vorliegt, das den Spieler im Wettkampf belastet.

Oder wir vermitteln ihn an einen Sportpsychiater oder Sportpsychotherapeuten. Da greifen wir auf das Netzwerk unseres Partners Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) zurück. Meistens handelt es sich um Psychiater, die in Kliniken arbeiten, so dass der betroffene Sportler seine Therapie schnell beginnen kann.

Ärzte Zeitung: Stehen Sie dabei im ständigen Kontakt mit dem Sportler?

Sulprizio: Nein. Nach rund zehn bis 14 Tagen erkundige ich mich beim Spieler, ob er versorgt wurde, ob er sich gut behandelt fühlt oder ob er einen neuen Betreuer braucht. Kommt ein positives Feedback, ist meine Aufgabe als Koordinierungs- und Vermittlungsstelle erledigt. Mit dem behandelnden Psychologen oder Psychiater habe ich keinen Kontakt - dürfte ich auch nicht, da dies der Schweigepflicht unterliegt.

Ärzte Zeitung: Mit wie vielen Fällen hatten Sie bislang zu tun?

Sulprizio: Pro halbes Jahr sind es bisher rund 30 Fälle - aber nicht alles sind Profifußballer. Es ist saisonal unterschiedlich: Im Sommer geht es Burn-out erkrankten Menschen ohnehin besser. Das ist bei den Profis auch nicht anders, zudem wird weniger trainiert und die körperliche Belastung lässt nach. Zum Ende der Vorbereitungszeit gibt es wieder mehr Fälle, vor allem von jungen Spielern, die zwischen dem Bundesliga-Kader und der Zweiten Mannschaft stehen. Sie haben alles dafür getan, um zu zeigen, dass sie oben dazugehören - das überfordert manche.

Ärzte Zeitung: Wie steht es um die psychologische Betreuung in den Bundesliga-Vereinen?

Sulprizio: In Deutschland gibt es nur wenige Profifußball-Vereine, die einen eigenen Sportpsychologen angestellt haben. Es gibt immer noch Skepsis und Vorurteile gegenüber der Psychologie. Aber momentan ist ein Umdenken zu erkennen - doch der letzte Schritt, dass sich ein Verein tatsächlich einen Sportpsychologen ins Betreuerteam holt, folgt oft nicht.

Aber auch die Vereine, die keinen eigenen Sportpsychologen haben, können eine Menge tun. Sie können zum Beispiel dafür sorgen, dass sich Trainer angemessen verhalten, weil es häufig mit dem Verhalten von anderen Menschen zu tun hat, wenn eine psychische Erkrankung auftritt. Nach der Self Determination Theory hat jeder Mensch im Leben Bedürfnisse, die befriedigt werden müssen. Gelingt das nicht, ist die Gefahr sehr groß, an Depression oder Burn-out zu erkranken.

Ärzte Zeitung: Was sollte ein Trainer also tun?

Sulprizio: Er sollte sich bedürfnisgerecht seinen Spielern gegenüber verhalten - also ihnen Autonomie geben und die soziale Eingebundenheit berücksichtigen.

Ärzte Zeitung: Eine Besonderheit im Sport ist der enorme Leistungsdruck, unter dem die Spieler stehen. Können Vereine und Spieler ihn irgendwie minimieren?

Sulprizio: Das lässt sich schwer erreichen, weil sich die Bedingungen des Profifußballs kaum verändern lassen. Daher muss man an den Ressourcen des Sportlers arbeiten. Bei Burn-out und Depressionen spielen situative Faktoren und Persönlichkeitsfaktoren eine Rolle, die ineinander greifen. Es gibt auf der einen Seite Situationen wie den Abstiegskampf, die schon per se so belastend sind, dass sie einen mitnehmen. Auf der anderen Seite gibt es Situationen, die von außen betrachtet nicht so erdrückend sind, aber für den Profifußballer, der sie durchlebt - beispielsweise wenn er einen wichtigen Elfmeter verschießt. Das hat mit der Persönlichkeit des Sportlers zu tun.

Ärzte Zeitung: Wie lassen sich Druck- und Stresssituationen trainieren?

Sulprizio: Beispielsweise durch mentales Training. Mit Imaginationstechniken kann man sich in die Situation hineinversetzen und solche Szenarien im Kopf üben, um vorbereitet zu sein, wenn sie dann eintreten.

Ärzte Zeitung: Was leistet MentalGestärkt beim Thema Prävention?

Sulprizio: Die Prävention ist ein wichtiger Bestandteil von MentalGestärkt. Wir wollen Gesundheitsressourcen schaffen, ein Schlagwort ist die Salutogenese. Mit MentalTalent haben wir in Nordrhein-Westfalen eine Initiative ins Leben gerufen, die genau da ansetzt. Sie richtet sich an jugendliche Kader-Athleten, die in Workshops eine professionell angeleitete sportpsychologische Grundausbildung erhalten.

Das Gespräch führte Thorsten Schaff

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