Ärzte Zeitung, 27.09.2012

Aufklärung

Wie Nikotinsucht Leben zerstört

"Rauchzeichen" - so heißt ein Präventionsprojekt der Deutschen Herzstiftung, in dem Inhalte vermittelt werden, die Hamburger Gymnasiasten stark beeindrucken.

Von Dirk Schnack

Wie die Sucht nach Nikotin Leben zerstört

Jule Thomas von der Deutschen Herzstiftung zeigt an einem Wattebausch, was Nikotin einer Zigarette anrichtet: Die Watte stinkt und verfärbt sich.

© Schnack

HAMBURG. Still ist es in der Klasse. Kein Schüler aus der 7M des Friedrich-Ebert-Gymnasiums in Hamburg-Harburg sagt einen Ton. Betroffenheit, aber auch Entschlossenheit ist auf den jungen Gesichtern abzulesen.

Betroffen, weil sie gerade gesehen haben, wie Nikotinsucht das Leben von Menschen zerstört hat. Entschlossenheit, weil sie in diesem Moment fest davon überzeugt sind, gar nicht erst mit dem Rauchen zu beginnen.

Dr. Beke Regenbogen steht vor den Teenagern. "Gibt es noch Fragen?" Die Ärztin wartet noch einen Augenblick, aber in diesem Moment haben die Jungen und Mädchen noch mit der Verarbeitung des gerade gezeigten Kurzfilms zu tun.

"Rauchzeichen": Ärzte gesucht

Die Deutsche Herzstiftung sucht nach weiteren Ärzten, die ehrenamtlich für "Rauchzeichen" in Hamburgs Schulen gehen. Das Informationsmaterial wird gestellt, ein Mitarbeiter der Stiftung gestaltet den Unterricht mit dem Arzt gemeinsam.

Dabei wird weniger auf Abschreckung als auf Problembewusstsein und Selbstverantwortung der Schüler gesetzt. Der Hamburger Senat unterstützt das Projekt. Jede Fachrichtung ist willkommen.

Die Koordination der weiteren Aktionen für den Hamburger Raum übernimmt das culminasceum in Abstimmung mit der Herzstiftung. Bislang läuft das Projekt in Hessen mit guter Resonanz.

Weitere Informationen:
Telefon: 040/386666680
E-Mail: kontakt@culminasceum.de

Betroffene haben darin berichtet, welche Folgen die Nikotinabhängigkeit für sie persönlich hatte. Der ältere Mann, dem beide Beine amputiert werden mussten.

Der jüngere Mann, der schon mit 21 einen Herzinfarkt erlitt und nicht mal mehr eine kleine Treppe ohne Beschwerden hinaufkommt. Die Frau, deren Mann am Lungenkrebs gestorben ist.

Der Film gehört zum Aufklärungsmaterial der Deutschen Herzstiftung, die ihr Präventionsprojekt "Rauchzeichen" nach Hamburg ausdehnen möchte und für die Aufklärung in den Schulen Ärzte sucht.

Dr. Beke Regenbogen ist die erste Medizinerin aus Hamburg, die sich dafür engagiert. Drei Doppelstunden absolviert sie an diesem Vormittag im Friedrich-Ebert-Gymnasium. "Eine tolle Erfahrung. Ich mache auf jeden Fall weiter", steht für sie fest.

Zahlen vorstellbar machen

Um das Projekt stadtweit zu etablieren, wirbt sie für Mitstreiter. Der Aufwand hält sich in Grenzen: Ein Arzt übernimmt eine Schule, in der er die siebten Klassen einmal im Jahr mit Unterstützung der Deutschen Herzstiftung unterrichtet.

Regenbogen gestaltet die Doppelstunden gemeinsam mit Jule Thomas von der Stiftung. Sie bringt nicht nur Filme und weiteres Informationsmaterial mit in die Klassen, sondern auch Stethoskope.

Regenbogen erklärt den Schülern, wie sie damit ihre eigenen Herztöne abhören können. Wieder ist es still in der Klasse. Nach wenigen Sekunden hellen sich die Mienen auf - die Jungen und Mädchen zählen ihren Herzschlag.

"Das war ein schöner Moment. Man merkt, wie sie ein Gefühl für ihren Körper entwickeln", sagt Regenbogen anschließend.

Die Ärztin ist wichtig für das Projekt im Klassenzimmer. Die Schüler respektieren sie sofort als externe Autorität, die ihnen die harten Daten und Fakten zum Lungenkrebs laienverständlich vermittelt.

Wenn sie Studienzahlen verständlich machen will, greift sie zu Hilfsmitteln: "Das sind so viele Menschen wie ins HSV-Stadion passen." Das können sich die Teenager vorstellen.

Was aber im eigenen Körper durch Nikotinkonsum passiert, zeigt ihnen Jule Thomas ganz anschaulich mit einem Experiment, bei dem eine Zigarette durch einen Saugapparat geraucht wird.

Die Rückstände zeigen sich in einem Wattebausch - farblich, aber auch am Geruch. Die Schüler wenden sich angeekelt ab. Regenbogen zeigt auch andere Folgen des Rauchens anhand von Fotos: Schlechte Haut, Parodontose, gelbe Finger.

Überraschung bei Wasserpfeifen

Folgen wie Mundgeruch und Potenzprobleme kommen zur Sprache. Dennoch setzt Rauchzeichen nicht in erster Linie auf Abschreckung. In einem zweiten Kurzfilm kommen junge Sportler und Musiker zu Wort, die als Vorbilder dienen.

Ihre Lebenseinstellung: Rauchen ist nicht cool. Wir haben das nicht nötig. Besonders interessieren sich die Jugendlichen für die Folgen des Shisha-Rauchens.

Während der Wissensstand über das Rauchen allgemein recht gut ist, zeigen sie sich bei den Wasserpfeifen überrascht, als Regenbogen ihnen klar macht, dass das noch schädlicher ist: "Ein Zug entspricht zehn bis 20 Zigaretten."

Zum Schluss füllen die Schüler anonym einen Fragebogen zur Resonanz des Projektes aus. Die von ihnen vergebenen Noten für die Doppelstunden reichen fast, um den numerus clausus für das Medizinstudium zu schaffen.

Für Internistin Beke Regenbogen, die in Hamburg die Präventionspraxis culminasceum betreibt, wäre der Vormittag aber auch ohne die Noten ein voller Erfolg geworden: "In der Praxis arbeitet man häufig mit Menschen, bei denen schon bestehende Defizite ausgeglichen werden müssen. Hier setzt man mit der Prävention rechtzeitig an."

Für sie steht fest, dass sie nächstes Jahr wieder an diese Schule kommt und die nächsten Siebtklässler aufklärt. Nach dem heutigen Tag darf sie sich ziemlich sicher sein, dass dann in den achten Klassen wohl nur wenige Schüler rauchen werden.

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