Ärzte Zeitung online, 09.10.2012

TV-Dokumentation

Der Hepatitis-Skandal in der DDR

Der größte Medizinskandal der DDR - eine TV-Dokumentation erzählt von den Ereignissen des Winters 1978. Damals wurden Tausende Schwangere in der DDR mit Hepatitis infiziert. Der Staat rettete zuerst seinen eigenen Ruf.

Von Thomas Trappe

Im RBB: TV-Doku über die Hepatitis-Katastrophe in der DDR

Der Film "Nur eine Spritze" erzählt erstmals die Geschichte einer Tragödie, die sich Ende der 70er Jahre im Gesundheitssystem der DDR ereignete.

© rbb/Hoferichter & Jacobs GmbH/Tommy Dassler

BERLIN. Da die sehenswerte Dokumentation, die am 9. Oktober im RBB zu sehen ist, über den "größten Medizinskandal der DDR" berichtet, ist zunächst zu sagen, dass eine Ungenauigkeit vorliegt.

Zweifelsohne, Tausende durch Pfusch mit Hepatitis C infizierte Frauen, zerrissene Familien, Todesfälle - es ist tatsächlich eine der größten Medizin-Katastrophen, die die DDR heimsuchte.

Aber eines war es eben nicht: Ein Skandal. Denn zu dem gehört nicht nur die Katastrophe, sondern auch die zeitlich versetzte öffentliche Resonanz, soll heißen, Empörung.

Dass diese ausblieb, verwundert nicht, schließlich handelte es sich maßgeblich um staatliches Versagen - in einem Staat, dessen Selbstverständnis kein Versagen vorsah.

Kein Skandal, sondern eine geglückte staatliche Vertuschungsaktion. Umso erschütternder wirken die Ereignisse auf den Zuschauer der Dokumentation "Nur eine Spritze - Der größte Medizinskandal der DDR".

"Planerfüllung um jeden Preis"

Der Winter des Jahres 1978 war ohnehin ein Katastrophenwinter. Bittere Kälte ließ das ganze Land erlahmen, Ausnahmezustand.

Schwanger wurden die Frauen damals trotzdem, und für viele war eine Spritze ein Segen. Bereits 1971 wurden in der DDR alle Schwangeren erfasst, deren Blutgruppe mit dem Rhesusfaktor negativ Komplikationen bei der zweiten Schwangerschaft verursachen könnte: Sie wurden kurz vor der Entbindung mit dem Wirkstoff Human-Immunglobulin-Anti-D geimpft.

Für die DDR mit ihrer Mehrkinderpolitik war es damals ein Meilenstein. Kein Wunder, dass der Entwickler des Wirkstoffs, der Leiter des Blutspendeinstituts in Halle, Dr. Wolfgang Schubert, mit dem Nationalpreis, 40.000 Mark Preisgeld und einem Beraterposten beim Gesundheitsministerium belohnt wurde.

Seine Entwicklung rettete Leben, zum Preis eines kleinen Piekses. Oder wie eine betroffene Frau es im Film ausdrückt: "Ich legte meinen Arm hin, bekam die Spritze und gut war es." War es nicht.

Wolfgang Schubert war mit seinem Institut alleine dafür zuständig, die Republik mit Anti-D-Impfstoff zu versorgen. Eine anspruchsvolle Aufgabe: Das notwendige Blutplasma war knapp, der Bedarf hoch, Lieferengpässe wurden staatlicherseits nicht geduldet.

"Planerfüllung um jeden Preis", erinnert sich Schuberts damalige Stellvertreterin, Dr. Viktoria Tesar.

Es fehlte an Impfdosen

So auch 1978. Damals entdeckten Prüfer in Halle eine Plasma-Spende einer Frau, die an leichter Hepatitis erkrankt war. Zunächst verlief alles nach Plan, denn die Charge wurde ordnungsgemäß gesperrt.

Gleichzeitig erhöhte das Gesundheitsministerium den Druck, es fehlte an Impfdosen, die andernfalls für teure Devisen eingekauft hätten werden müssen.

Schubert traf einen folgenschweren Entschluss. Er verdünnt die infizierte Spende so weit, dass für ihn das Ansteckungsrisiko vertretbar gering erschien. Die Sperrung der Chargen machte er rückgängig.

"Und da war alles im Topf", erinnert sich der damalige Leiter des Leipziger Blutspende-Instituts, Dr. Volker Thierbach. Das Verhängnis nahm seinen Lauf.

Im Winter 1978 geht es los. Immer mehr Frauen klagen kurz nach der Entbindung über Schwächeanfälle, extreme Übelkeit, Glieder- und Bauchschmerzen. "Es fühlte sich an wie ein Messer im Bauch", erinnert sich eine Frau.

Hepatitis C noch weitestgehend unbekannt

Hepatitis C war damals als Krankheit noch lange nicht bekannt, die meisten Frauen kamen mit Verdacht auf Hepatitis A oder B, also einer Lebererkrankung, in die Kliniken.

Bald gibt es knapp 500 Erkrankte, das Gesundheitsministerium wird darauf aufmerksam und nimmt nach Analysen einer Expertenkommission das Hallenser Institut in den Fokus. Schubert muss sich rechtfertigen.

Und für die betroffenen Frauen beginnt ein staatlich verordnetes Martyrium. In Kliniken werden sie isoliert von ihrer Familie, viele Frauen sehen ihre gerade geborenen Säuglinge bis zu vier Monate nur gelegentlich, durch eine Glasscheibe im Besuchsraum.

Die eigentliche Katastrophe ist die Regierung. Dezidiert und mit der zu den Zeiten üblichen Deutlichkeit werden Ärzte, Schwestern und vor allem die isolierten Mütter darauf hingewiesen, dass sie über ihre Leidensgeschichte in der Öffentlichkeit kein Wort verlieren dürfen.

Was sollen sie auch sagen? Schließlich werden sie von den Ärzten ja gar nicht informiert, warum sie in der Klinik eingesperrt sind. "Alles Einzelfälle" - das ist das Motto, das die Ärzte Patientinnen und Angehörigen wie ein Mantra predigen.

Am Ende sind es knapp 4.000 Einzelfälle, die bis heute mit Spätfolgen kämpfen. Oder gestorben sind, wie 1980 eine 23-jährige Görlitzerin.

Den beiden Filmemacherinnen Ariane Riecker und Anne Mesecke gelingt es, die Ereignisse der Wintermonate 78/79 als das zu erzählen, was sie vor allem waren: Ein Kampf des Staates gegen das notwendige Eingeständnis von Fehlern.

So war es schließlich Professor Friedrich Oberdoerster, der als Direktor des Staatlichen Kontrollinstituts für Seren und Impfstoffe im Regierungsauftrag Wolfgang Schubert schriftlich dazu drängte, Bedenken bezüglich infizierter Blutspenden beiseite zu wischen, im Sinne des nationalen Versorgungsauftrags.

Oberdoerster sollte es auch sein, der in einem von ihm maßgeblich initiierten Gerichtsverfahren als Gutachter dafür sorgt, dass Wolfgang Schubert im November 1979 seine Approbation und seinen Job verliert. Er wird Alkoholiker und stirbt wenig später.

Oberdoerster hingegen endet ruhmreich: Kurz vor seinem Tod 1984 wird er mit dem Nationalpreis in Gold ausgezeichnet.

"Nur eine Spritze - Der größte Medizinskandal der DDR" im RBB, 9. Oktober, 20.15 Uhr.

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