Ärzte Zeitung, 17.10.2012

Luthers Waschsalon

Keine ganz normale Arztpraxis

"Luthers Waschsalon" in Hagen ist eine ganz besondere Arztpraxis, die sich extrem von anderen Praxen unterscheidet: Hier behandeln Medizinstudenten und pensionierte Ärzte Obdachlose und Unversicherte.

Von Anne-Christin Gröger

Keine ganz normale Arztpraxis

In "Luthers Waschsalon" behandeln Ruth Kania und Dr. Gisela Holz-Gottswinter (r.) Obdachlose und Unversicherte.

© Gröger

HAGEN. Es ist neun Uhr morgens. Im Behandlungszimmer im ersten Stockder Hagener Diakonie-Einrichtung "Luthers Waschsalon" krempelt Medizinstudentin Ruth Kania schon mal die Ärmel hoch.

Gleich kommen die ersten Patienten, die sie versorgen muss. Menschen, die üblicherweise nicht im Wartezimmer einer Arztpraxissitzen: Obdachlose, Arbeitslose, Unversicherte, Menschen mit psychischen Erkrankungen.

In "Luthers Waschsalon" können sie sich zweimal die Woche kostenlos beraten und medizinisch versorgen lassen.

Das übernehmen heute Ruth Kania und die Allgemeinmedizinerin Dr. Gisela Holz-Gottswinter. Kania studiert im 7. Semester Medizin an der Uni Witten/Herdecke. Die Arbeit in Hagen kann sie sich als allgemeinmedizinisches Praktikum anrechnen lassen.

Holz-Gottswinter ist niedergelassene Internistin im Ruhestand. Sie engagiert sich ehrenamtlichein bis zweimal im Monat in der Sprechstunde der Diakonie, seit sie ihre Praxis abgegeben hat.

Gegründet wurde "Luthers Waschsalon" in der Nähe des Hagener Hauptbahnhofsschon 1997.

Die Bahnhofsmission und die Lutherkirchengemeinde wollten Menschen, die am Existenzminimum leben, Wasch- und Duschmöglichkeiten bieten - daher kommt auch der Name. 1999 erweiterte die Diakonie das Angebot um die medizinische Versorgung.

Zusammen mit dem Allgemeinen Krankenhaus entstand eine Ambulanz. Dort waren Ärzte im Praktikum für die Versorgung der Patienten zuständig.

"Bald hatten wir zu wenig Personal, weil die Ärzte gleichzeitig noch im Krankenhaus tätig waren", sagt Einrichtungsleiterin Heike Spielmann. So entstand die Idee, mit der Uni Witten zusammenzuarbeiten.

"Die Studenten werden dort sozialmedizinisch gut ausgebildet und bringen die nötigen Voraussetzungen für die Arbeit mit." Seit 2003 können die Nachwuchsärzte unter Anleitung approbierter Mediziner ihre sozialen und kommunikativen Fähigkeiten im Umgang mit Patienten trainieren.

Acht Allgemeinärzte mit an Bord

Einer der ersten Patienten heute ist ein alter Bekannter von Kania. Er istobdachlos und kommt öfter, weil er unter starkem Ausschlag an den Beinen leidet. Holz-Gottswinter und die Studentin sollen sie neu verbinden.

Schmerzen habe er kaum, sagt er. "Es ist aber schlimmer geworden seit dem letzten Mal", sagt Kania. "Sie sollten bald zum Hautarzt gehen."

Holz-Gottswinter schreibt ihm eine Überweisungzum Spezialisten, auch wenn sie wenig Hoffnung hat, dass er hingehen wird.

"Die Hemmschwelle für viele unserer Patienten, sich einen Termin beim Facharzt zu holen, ist extrem hoch", sagt sie. "Viele haben Angst, weggeschickt zu werden, fürchten bürokratische Hürden, wissen nicht, ob sie versichert sind."

Die Ärzte können nur immer wieder ermutigen, den Rest müssen die Patienten selbst schaffen. Daher sei die Arbeit im Waschsalon so wichtig. "Wir können immerhin eine Grundversorgung leisten."

Derzeit engagieren sich acht pensionierte Allgemeinmediziner und zwei bis drei Studenten regelmäßig in "Luthers Waschsalon". Das Praktikum für den Nachwuchs dauert ein Jahr.Kania schätzt an der Arbeitdie Erweiterung ihres Horizonts.

"Das sind ganz andere Krankheiten und Probleme als in einer normalen Arztpraxis", sagt sie. Wie etwa bei der nächsten Patientin.

Eigentlich braucht sie ein zuzahlungsfreies Rezept für ihr krankes Bein, aber im Gespräch kommen noch andere Schwierigkeiten ans Licht: Der Lebensgefährte ist schwer krank, braucht teure Medikamente, schafft es aber nicht in "Luthers Waschsalon".

Jetzt müssen Holz-Gottswinkel und die Medizinstudentin improvisierenund eine schnelle und unbürokratische Lösung finden. Ein Anruf in der Apotheke genügt: Die Frau kann die Medikamente rechtzeitig bekommen und die Zuzahlungsbefreiung nachreichen.

"Man ist immer auch sozialarbeiterisch tätig", sagt Holz-Gottswinkel. Genau das macht die Arbeit für sie interessant.

"Ich wollte mich nach meiner Praxisaufgabe noch nicht ganz zur Ruhe setzen", sagt sie. "Die Krankheitsbilder sind ganz vielseitigu

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