Ärzte Zeitung online, 30.12.2012

Profi-Fußball

Schreckgespenst Plötzlicher Herztod

Das Fußballjahr 2012 ist vorbei - mit vielen spannenden, zuweilen spektakulären Spielen, aber auch mit Ereignissen, die einen Schatten auf eine Sportart werfen, die Millionen Menschen in vielen Ländern weltweit fasziniert.

Von Pete Smith

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Piermario Morosini kurz nach seinem Kollaps im April 2012.

© Massimiliano Schiazza / ansa / epa / dpa

FRANKFURT/MAIN. Es ist der 14. April 2012. Im Fußballstadion von Pescara treffen die italienischen Zweitligisten Delfino Pescara 1936 und AS Livorno aufeinander. In der 30. Minute geht der Mittelfeldspieler Piermario Morosini plötzlich auf die Knie.

Zweimal versucht er aufzustehen, schließlich kippt er bewusstlos zur Seite. Zehntausende entsetzter Fans sehen mit an, wie Helfer und Ärzte um das Leben des Kickers kämpfen.

Nach sieben Minuten wird der 25-Jährige mit dem Rettungswagen ins Santo-Spirito-Krankenhaus gebracht, wo er kurz darauf stirbt. Piermario Morosini sei an einem genetisch bedingten Herzdefekt gestorben, heißt es nach der Obduktion, eventuell aber auch an den Folgen einer Myokarditis.

Immer wieder brechen scheinbar kerngesunde Fußball-Profis mitten im Spiel zusammen und erleiden einen Herzstillstand. So unterschiedlich die Ursachen im Einzelfall sind, so eindeutig klingt die Diagnose: Plötzlicher Herztod.

Hunderte von Leistungssportlern jährlich sterben daran allein in Deutschland, Zehntausende sind es weltweit. Auffallend viele Nationalspieler sind unter den Toten: Michael Klein (Rumnänien) starb am 2. Februar 1993, Hédi Berkhissa (Tunesien) am 4. Januar 1997, Catalin Haldan (Rumänien) am 5. Oktober 2000, Marc-Vivien Foé (Kamerun) am 26. Juni 2003, Miklós Fehér (Ungarn) am 25. Januar 2004, Antonio Puerta (Spanien) am 28. August 2007, Chaswe Nsofwa (Sambia) am 29. August 2007, Phil O'Donnell (Schottland) am 29. Dezember 2007, Antonio de Nigris (Mexiko) am 15. November 2009, Salem Saad (Vereinigte Arabische Emirate) am 18. November 2009 und Naoki Matsuda (Japan) am 4. August 2011.

Mit Axel Jüptner vom damaligen Zweitligaverein Carl Zeiss Jena erlitt am 24. April 1998 auch ein deutscher Fußball-Profi den plötzlichen Herztod.

Bei jungen Sportlern sei die hypertrophe Kardiomyopathie mit Abstand die häufigste Ursache für den plötzlichen Herztod, so Professor Hans-Joachim Trappe, Kardiologe am Universitätsklinikum der Ruhr-Universität Bochum und stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Herzstiftung.

Sie bleibe oft lange unerkannt, führe bei einigen Spielern während hoher körperlicher Belastungen dann aber plötzlich zu Herzrhythmusstörungen. Seltener sind die angeborenen Koronaranomalien.

Professor Thomas Meinertz, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie, verweist im Gespräch mit dem "Spiegel" auf eine weitere Ursache, die mit dem hohen Druck im Leistungssport einhergehe.

Register über den plötzlichen Herztod

Um den Anschluss nicht zu verpassen, kurierten einige Athleten eine Viruserkrankung nicht ausreichend lange aus, dabei liege die Wahrscheinlichkeit einer begleitenden Herzmuskelentzündung bei fünf bis zehn Prozent.

Der Kongolese Fabrice Muamba vom englischen Premier-League-Club Bolton Wanderers überlebte seinen Herzstillstand wie durch ein Wunder. Muamba kollabierte am 17. März dieses Jahres im Viertelfinalspiel des englischen Pokals gegen Tottenham Hotspur.

Erst nach 78 Minuten gelang es den Ärzten mit Hilfe eines Defibrillators, den 24-Jährigen wiederzubeleben. Inzwischen ist der Fußball-Profi wieder auf dem Weg der Besserung.

In deutschen Stadien sind Defibrillatoren - zumindest bei Spielen der Berufsfußballer - schon seit Jahren Pflicht. Jetzt will auch die Fifa nachziehen. Das kündigte Michel D'Hooghe, Vorsitzender der medizinischen Kommission der Fifa, vor wenigen Wochen während einer Konferenz in Budapest an.

Zudem hat der Welt-Fußball-Verband eine Untersuchung gestartet, bei der es schwerpunktmäßig um die Ursachen des plötzlichen Herztods im Fußball geht. Dazu wurden die Mannschaftsärzte aller Nationalteams aufgefordert, am Aufbau einer weltweiten Datenbank mitzuarbeiten.

Allein in den vergangenen fünf Jahren, so ein erstes Ergebnis, gab es 84 Fälle von plötzlichem Herztod im Fußball. Nur in jedem fünften dieser Fälle habe es im Stadion einen Defibrillator gegeben.

Auch bei der Erfassung der Ursachen des plötzlichen Herztods im Fußball geht Deutschland voran. Unter Schirmherrschaft der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie ist in Saarbrücken eine Online-Datenbank aufgebaut worden.

Initiator ist Professor Tim Meyer, Mannschaftsarzt der deutschen Nationalelf und Leiter des Instituts für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlandes. "Wir versprechen uns von dem Register ein klares Urteil darüber, welche Ursachen es in Deutschland für den plötzlichen Herztod im Sport gibt", so Meyer.

In den USA ist Studien zufolge eine krankhafte Verdickung des Herzmuskels häufigste Ursache des plötzlichen Herztodes, in Italien dagegen eine krankhafte Vergrößerung der rechten Herzkammer.

Während Europameisterschaften sind im Übrigen alle Stadien mit Defibrillatoren ausgestattet. Für den Notfall gibt es sogar mobile Herz-Lungen-Maschinen, um betroffene Spieler während ihres Transports ins Krankenhaus zu stabilisieren.

[31.12.2012, 13:39:49]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Plötzlicher Herztod im Fußball-Breitensport
Etwa 100.000 Sterbefälle gibt es allein in Deutschland pro Jahr im Zusammenhang mit dem Plötzlichen Herztod ("sudden cardiac death") SCD. Im Fussballsport stellen Medien und Öffentlichkeit meist prominente Spitzenspieler in der Bundesliga und im internationalen Wettkampfbereich in den Vordergrund. Doch Fußball spielen ist weltweit traditioneller Breitensport mit riesengroßem Amateur- und begrenztem Profibereich. Die Masse der kardiovaskulären Notfälle ereignen sich auf regionaler Fußballvereinsebene, in Kreis-, Bezirks- oder Landesliga.

Auch die kardiovaskulären Risikofaktoren der Zuschauermassen mit ihren mitgebrachten individuellen Herz- und Kreislaufkrankheiten dürfen nicht vergessen werden. Allein das runderneuerte "Westfalenstadion" in Dortmund, jetzt Signal-Iduna-Park Stadion genannt, fasst bei Bundesligaspielen bis zu 81.264 Plätze. Dort sind automatische Defibrillatoren zusätzlich zu spielbedingter Präsenz von Notarzt- und Sanitätsbereitschaft schon seit Jahren installiert.

Einer meiner Patienten erlitt bei einem Fußballspiel seines Polizeisportvereins einen akuten Myokardinfarkt mit Herzstillstand. Er konnte durch primäre kardiopulmonale Reanimation bzw. Defibrillation gerettet werden und ist heute wieder aktiv im Polizeidienst.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund  zum Beitrag »

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