Ärzte Zeitung, 08.02.2013

Vitos-Klinik

Hilfe für drogenabhängige Eltern

Peter ist clean, seitdem er Vater ist. Gemeinsam mit seiner Tochter lebt er zurzeit in der Übergangseinrichtung für Drogenabhängige der Gießener Vitos-Klinik. Hier erhalten süchtige Eltern mit ihren Kindern, aber auch drogenabhängige Schwangere Hilfe.

Von Gesa Coordes

Hilfe für drogenabhängige Eltern

Spielen auf dem Hof: In der Einrichtung sollen Drogenabhängige lernen, mit ihren Kindern umzugehen.

© Rolf K. Wegst

GIESSEN. Vorsichtig nimmt der 42-jährige Peter Winkler seine Tochter Nina (alle Namen geändert) auf die großflächig tätowierten Arme.

Gerade hat er sein Baby gewickelt, das vergnügt mit den Beinen strampelt. Jetzt legt er Nina in den Kinderwagen.

Jeden Tag fährt er mit der "kleinen Motte" quer über das weitläufige Parkgelände der Klinik. "Mit Kindern muss man Geduld haben", sagt er.

Auf dem Pflaster vor Station 5 fährt die zweijährige Yvonne mit dem Bobbycar auf dem Gehweg. "Auto", murmelt das Mädchen vor sich hin.

Unterdessen sitzen die Patienten auf einer Bank und rauchen. Vor kurzem haben sie den Geburtstag von Yvonne gefeiert. Im Gemeinschaftsraum hängen noch ein paar Luftballons von der Decke.

Die Schwangeren erhalten Methadon

Nina und Yvonne sind die Lieblinge der Einrichtung. Gießen ist die einzige Übergangseinrichtung in Hessen, die auch schwangere Süchtige sowie Drogenabhängige mit Kindern bis zum Schulalter aufnimmt. Deswegen kommen Klienten aus ganz Deutschland.

Die Schwangeren erhalten zum Teil Methadon. Das bedeutet für das Kind, dass es direkt nach der Geburt einen Monat lang zum Entgiften im Krankenhaus bleiben muss.

Bei der Mutter wird das Methadon nach der Entbindung nach und nach abgesetzt.

In der Regel sind immer zwei Kinder auf der vor zehn Jahren gegründeten Station mit ihren zehn Betten. Es gibt eine Zusammenarbeit mit einer Hebamme, der Uni-Klinik und der Frühförderstelle. Erzieherinnen arbeiten stundenweise auf der Station.

Im Heim, auf der Straße und im Gefängnis

Peter Winkler hat eine typische Drogenkarriere hinter sich. Der 42-Jährige ist in einem Heim aufgewachsen, aus dem er mit 15 Jahren abhaute. Er lebte auf der Straße, probierte mit 16 Jahren zum ersten Mal unwissentlich Heroin und wurde innerhalb von wenigen Wochen abhängig.

Er nahm aber auch Tabletten, LSD und Kokain. Um seinen Drogenkonsum zu finanzieren, wurde er zum Dealer. Nach seinem ersten Gefängnisaufenthalt "wurde alles noch schlimmer", erzählt er. Er stieg noch weiter ins Drogengeschäft ein.

Seitdem hat er 14 Jahre und sechs Monate, mehr als ein Drittel seines Lebens, in Haft verbracht. "Dabei ist er ein ganz feiner, differenzierter Mann", sagt der therapeutische Leiter der Übergangseinrichtung, Rainer Römer: "Man kann sich gar nicht vorstellen, dass er so ein harter Bursche war."

Vergeblich versuchte Winkler in mehreren Anläufen, von den Drogen loszukommen. Doch dann wurde die Freundin schwanger.

"Und ich hatte die Schnauze voll vom Knast und dem Ärger mit der Polizei", erzählt er. Seinen Entzug schaffte er zu Hause. "Ich hoffe, dass das Thema für mich jetzt durch ist", sagt Winkler.

Kinder? "Ein schönes Gefühl"

Ein Kind zu haben, sei ein "schönes Gefühl", sagt der 42-Jährige. Nina nimmt gut zu, wächst und weint nur wenig. Neuerdings schläft sie sogar ab und zu durch.

"Die Hebamme war sehr zufrieden", erzählt er. Der therapeutische Leiter Rainer Römer ist es auch. "Ich bin immer wieder entzückt, wie dieser tätowierte Bär mit seinem Kind umgeht", sagt der Sozialarbeiter.

Während Winkler in der Gärtnerei arbeitet, kümmert sich eine Erzieherin um das Baby. Der 42-Jährige gehört zu den Klienten, die gern arbeiten: Er spaltet Holz, häckselt es, kehrt die Wege, recht Laub und pflanzt Blumen. "Das macht den Kopf frei", sagt er.

Gesprächstherapie in der Gruppe liegt ihm dagegen nicht so sehr. Meistens schweigt er in der Runde. Körpererfahrung - Boule, Tischtennis, Kicker, Billard und Joggen - ist ihm da schon lieber.

Und er mag die Kochgruppe. Bauerntopf, Chili con Carne, Spaghetti und Schweinsbraten hat er der Station schon serviert.

In den nächsten Monaten möchte er gemeinsam mit Kind und Freundin in eine Therapieeinrichtung wechseln. Dann wünscht er sich vor allem Arbeit, um die kleine Familie zu ernähren.

Interview mit Rainer Römer, Leiter der Übergangseinrichtung

"Manchmal ist das nicht mit anzusehen"

Ärzte Zeitung: Herr Römer, Sie leiten eine Übergangseinrichtung für Drogenabhängige. Was muss man sich darunter vorstellen?

Rainer Römer: Eine Übergangseinrichtung ist keine klassische Therapieeinrichtung. Unsere Klienten kommen im Anschluss an eine Entgiftung und bleiben meist drei Monate. Nur die Mütter mit Kindern sind durchschnittlich ein halbes Jahr da. Hier können sich die Leute in einer drogenfreien Atmosphäre stabilisieren und eine Zukunftsperspektive entwickeln. Viele gehen anschließend in klassische Reha-Einrichtungen. Manche wechseln in betreute Wohngemeinschaften oder in ihr häusliches Umfeld.

Ärzte Zeitung: Wie sieht der Klinik-Alltag aus?

Die Drogenabhängigen sollen einen vernünftigen Tag-Nacht-Rhythmus kriegen. Das heißt, dass sie morgens aufstehen müssen, frühstücken und die Station in Ordnung bringen müssen. Dann haben wir eine Morgenrunde. Anschließend gehen die Klienten zweieinhalb Stunden arbeiten - mehr ist meist nicht drin. Die meisten sind in der Gärtnerei. Sie können aber auch in Arbeitsbereichen wie der Schreinerei, Schlosserei, Bücherei, in der Küche oder der Wäscherei arbeiten. Nach dem Mittagessen gibt es Therapieangebote und Gesprächsgruppen.

Ärzte Zeitung: Als einzige Übergangseinrichtung in Hessen nehmen sie auch Schwangere sowie Eltern mit Kindern auf. Was muss man dabei beachten?

Wir kooperieren mit Jugendämtern, Kinderärzten und der Frühförderung. Manchmal müssen wir aushalten, dass wir Schwangere haben, die am Tag 50 Zigaretten rauchen. Das ist für uns als Mitarbeiter mit unserer Mittelschichtbeurteilung schwierig. Das kann man manchmal kaum mit ansehen. Es gibt auch schwer zu ertragende Mutter-Kind-Beziehungen. Die Grundversorgung läuft dann mit unserer Hilfe irgendwie, aber viel mehr auch nicht. Auf der anderen Seite gibt es Eltern, die das richtig prima machen.

Interview: Gesa Coordes

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