Ärzte Zeitung, 25.04.2013

Statt melken

Milch-Tankstelle auf dem Bauernhof

Wie frische Milch direkt von der Kuh schmeckt, wissen viele Verbraucher gar nicht. Einige Landwirte setzen daher auf die Milchtankstelle und verkaufen das Produkt als Rohware.

Von Elmar Stephan

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Rohmilch wird in Wilsum (Niedersachsen) in eine Flasche abgezapft. Familie Magritz betreibt auf ihrem Hof eine Milchtankstelle.

© Gentsch / dpa

WILSUM. Klappe auf, Flasche rein und Knopf gedrückt: Schon surrt der Edelstahlautomat und frische Milch strömt in den Behälter. Wer bei dem Landwirte-Ehepaar Berthold und Elisabeth Magritz aus Wilsum bei Nordhorn frische Milch direkt von der Kuh kaufen will, muss die Tiere nicht melken, sondern einen Euro in den Automaten werfen.

24 Stunden lang gibt es auf dem Hof an 7 Tagen der Woche frische Rohmilch aus der Milchtankstelle. Jantina Meier gehört zu den ersten Kundinnen.

Die 69 Jahre alte Nordhornerin hat mit ihrem Mann Verwandte in der Gegend besucht. Auf dem Heimweg ist sie extra wegen der Milchtankstelle zu dem etwas abseits gelegenen Hof unweit der niederländischen Grenze gefahren.

"Ich kenne solche frische Milch ja noch aus meiner Kindheit und Jugend", erzählt sie. Schon seit Jahren habe sie solche Milch nicht mehr getrunken. Als sie in der Lokalzeitung einen Artikel über die neue Milchtankstelle gelesen habe, sei sie sofort neugierig gewesen.

Milchtankstellen gibt es schon seit ein paar Jahren in ganz Deutschland. Viele sind es nicht. Die genaue Zahl kennt keiner. "Da würde ich im Nebel stochern, wenn ich etwas dazu sagen würde", sagt Hans Foldenauer, Pressesprecher beim Bundesverband Deutscher Milchviehhalter (BDM).

In Österreich sei diese Art von Milchverkauf deutlich verbreiteter. Verkauft werden darf nur Milch vom eigenen Hof, und die Milchtankstelle darf auch nur direkt auf dem Hof sein - nicht im Dorf oder Gemeindezentrum, also dort, wo normalerweise die Kunden sind.

Der Hof der Familie Magritz hat so gesehen eher schlechte Ausgangsbedingungen. Ländlicher geht es eigentlich kaum. Der nächste größere Ort ist kilometerweit weg. Andererseits ist das natürlich gut für die 70 Kühe, die im Stall stehen.

Sie können tagsüber auf die Weide gehen. Noch vor dem offiziellen Start und bevor ein paar Schilder den Weg wiesen, sei das Interesse riesig gewesen, sagt Berthold Magritz. Für den Automaten bauten sie eigens ein kleines Holzhäuschen auf, das an der Hofeinfahrt steht.

Viele Menschen sind interessiert

"Wir haben ein hochwertiges Produkt, das frisch einfach am besten schmeckt", begründet Elisabeth Magritz, warum die Familie auf diese spezielle Form der Direktvermarktung setzt.

Die Ware kommt aus dem Tank, in den die frisch gemolkene Milch gefüllt wird. Maximal zwei Tage ist sie alt. Nachdem sie aus dem Euter der Kuh gemolken wurde, wird sie einmal gefiltert, aber das war es dann auch schon.

Frische Milch direkt von der Kuh sei bekömmlicher als die pasteurisierte und homogenisierte Milch aus der Molkerei, sagen die beiden 49 Jahre alten Landwirte. "Wir trinken zu Hause nur diese Milch."

Für Landwirte, die auf eine Milchtankstelle setzen, sei es nur ein Zusatzgeschäft, sagt Harry Fritsch, Referent für Milchqualität bei der Landesvereinigung der Milchwirtschaft in Niedersachsen. "Davon leben die Betriebe nicht", sagt er.

Für seine Familie sei es auch ein Motiv gewesen, ein wenig unabhängiger von der Molkereiindustrie zu werden, sagt Berthold Magritz. Zwischen 33 und 34 Cent bekommen die Landwirte derzeit für einen Liter Milch.

Es war schon mal schlechter - vor einigen Jahren sank der Preis auf unter 20 Cent. Der Preis war aber auch schon besser. Die Kosten für Betriebsmittel - etwa Futter - seien derzeit sehr hoch, sagt auch BDM-Sprecher Foldenauer.

Wenn sie jeden Tag 30 Liter aus der Milchtankstelle verkaufen, hätte sich die Investition in drei Jahren amortisiert, sagt Elisabeth Magritz. An den Erfolg glaube sie auch deshalb, weil sich ihrer Beobachtung nach viele Menschen dafür interessierten, wo die Milch herkomme.

"Sie würden gerne einmal einen Bauernhof und einen Stall besichtigen, trauen sich aber nicht, einen Landwirt anzusprechen", sagt sie. Die Milchtankstelle könnte also ein erster Schritt sein. (dpa)

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