Ärzte Zeitung online, 06.09.2013

Leitartikel zur Modewelt

Und ewig laufen die Magermodels

Vor fünf Jahren hat die deutsche Mode- und Textilindustrie eine Charta unterzeichnet, die Magermodels keine Chance lässt. Die Welt hat sich weitergedreht, neue Magermodels sind auf den Laufstegen dieser Welt zu sehen - so dünn wie eh und je.

Von Christoph Fuhr

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Klapperdürr, aber immer noch zuviel auf der Waage? Magersüchtige erkennen die Grenzen nicht.

© Grötzner / fotolia.com

Es gibt einen Unterschied zwischen dünn und zu dünn - "und das ist der Unterschied zwischen Leben und Tod." Um zu dieser Einsicht zu gelangen, musste der Modefotograf Adi Barkan eine schreckliche Erfahrung machen: Vor sechs Jahren starb in seinen Armen das israelische Model Hila Elmalich.

Sie war ein Star auf dem Laufsteg, oft gebucht für Fashion-Shows und Fotoshootings, litt jahrelang an Magersucht und wurde am Ende immer dünner. 22 Kilo wog sie bei ihrem Tod, trauriges Ende eines Magermodels, und durchaus kein Einzelschicksal.

Elina und Luisel Ramos aus Uruguay, Ana Carolina Reston aus Brasilien, Isabelle Caro aus Frankreich - sie alle starben, wurden Opfer eines Berufes, in dem junge Frauen rettungslos den Boden unter den Füßen verlieren - weil sei eine krankhafte Angst entwickelten, zu dick zu werden.

Der schöne Schein als Maß aller Dinge

Das Krankheitsbild Magersucht ist hoch komplex. Und klapperdürre Models sind natürlich nicht dafür verantwortlich, dass Mädchen wo auch immer auf der Welt magersüchtig werden.

Aber ihr Vorbildcharakter ist offensichtlich. Sie sind Hauptpersonen einer Inszenierung, in der der schöne Schein das Maß aller Dinge ist.

Politiker und andere gesellschaftliche Gruppen haben durchaus auf den Magerwahn reagiert. In Israel etwa ist ein Gesetz in Kraft getreten, das Models verpflichtet, ihrem Arbeitgeber alle drei Monate ein ärztliches Attest vorzulegen.

Überprüft wird ihr Body-Mass-Index, der über 18,5 liegen muss - liegt er darunter, darf das Mädchen nicht arbeiten.

Auch in Deutschland setzten sich Vertreter aus Verbänden der Textil- und Modebranche schon vor fünf Jahren zusammen mit der damaligen Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt an einen Tisch.

Ziel war es, falschen Leitbildern den Kampf anzusagen. Leitbilder, die suggerieren, übertriebene Schlankheit sei schön und erstrebenswert. Die Verbände unterzeichneten deshalb eine Selbstverpflichtung: Der Laufsteg soll auch hier für Models mit einem BMI unter 18,5 gesperrt bleiben.

In Ländern wie etwa Österreich, Großbritannien, Frankreich und Italien wurden ähnliche Vereinbarungen getroffen.

Ein Ende des Mager-Wahns ist zwar immer mal wieder herbeigeschrieben worden, aber nicht in Sicht. Noch vor drei Monaten sorgte ein Bericht in Schweden für landesweite Empörung.

Dort hatten Model-Agenturen vor einer Stockholmer Anorexie-Klinik versucht, Patientinnen als Laufsteg-Mannequins anzuwerben. 14- und 15jährige Mädchen wurden angesprochen, eine von ihnen mit BMI 14.

Wer findet das ästhetisch?

Die Welt der schönen Kleider hat mit Träumen und Illusionen zu tun, stellte vor einigen Jahren der deutsche Modezar Karl Lagerfeld klar. Aber was bedeutet hier Illusion?

Klapperdürre, zurechtgehungerte Grazien, die extravagante Mode mit Ärmchen dünn wie Bleistifte präsentieren, mit krass hervorstehenden Steißbeinknochen, mit Köpfen, die im Vergleich zu den Armen allzu häufig überproportional groß wirken?

Wer will das so haben, wer findet das ästhetisch, wer schafft es, dass diese schräge Wertewelt seit Jahren Bestand hat?

Als die Zeitschrift "Brigitte" vor drei Jahren entschied, nicht mehr länger mit Profi-Models zu arbeiten, reagierte auch Lagerfeld. Dass Models zu dünn sind, davon will der Mann mit dem gepuderten Pferdeschwanz nichts wissen.

"Da sitzen dicke Muttis mit der Chipstüte vorm Fernseher und sagen, sie finden dünne Models hässlich", ätzte er damals. Dicke Frauen wolle niemand sehen.

Mode-Ikone Lagerfeld muss sich keine Sorge machen, dass seine Botschaften in Deutschland kritisch hinterfragt werden, mögen sie auch noch so krude sein. Im deutschen Fernsehen wird der selbstgefällige Senior ein ums andere Mal hofiert, wenn's sein muss bis zur Peinlichkeit.

Wer der Frage nach den Ursachen des Model-Magerwahns nachgeht, der wird nicht umhin kommen, die illustre Riege der Stardesigner mit ihren sakrosankten Vorstellungen von Optik und Ästhetik genauer ins Visier zu nehmen.

In einer Welt, in der für viele vor allem junge Frauen das Schlanksein Maß aller Dinge ist, lassen sie Models über die Stege laufen, die mit markanten Figuren für Unerreichbarkeit stehen - für Askese, Selbstdisziplin, grenzenlosen Genussverzicht und Durchhaltevermögen - wenn's sein muss, bis zum bitteren Ende.

Eine Show, die - so absurd es klingen mag - letztlich der Vermarktung von Designermode dient. Das Schlimme daran ist: Sie wird weitergehen, denn bisher ist es nicht nachhaltig gelungen, dieses fatale Schauspiel zu stoppen.

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