Ärzte Zeitung online, 13.09.2013

Reportage

Schrilles Pfeifen weist den Weg ins Medizinstudium

Sie haben ein tolles Abitur geschafft, sind dennoch am NC fürs Medizinstudium gescheitert: In Hamburg haben Bewerber eine zweite Chance - mit einem spannenden Test, der es in sich hat. Wir haben eine Anwärterin begleitet.

Von Dirk Schnack

Schrilles Pfeifen weißt den Weg

Achtung, fertig, los: Wenn der Trillerpfiff ertönt, beginnt die Prüfung.

© Dirk Schnack

Ein Abiturschnitt von 1,6 ist eine hervorragende Eintrittskarte in viele Ausbildungen. Leonie hätte mit ihrem Abitur die freie Wahl - wenn sie nicht unbedingt Medizin in Deutschland studieren wollte.

Riga, Prag und andere Standorte außerhalb Deutschlands haben der 20-Jährigen schon einen Studienplatz in Medizin zugesichert. Leonie aber will es in Deutschland versuchen.

Sie ist eine von rund 2300 jungen Menschen, die am 13. August am HamNat teilgenommen haben. Das ist der Test, mit dem die Universitäten in Hamburg, Berlin und Magdeburg die Eignung von Studienplatzbewerbern für das Medizinstudium prüfen, die keinen Zugang allein über den NC erhalten.

Langer Weg zum Studium

Der Auswahltest für die Medizinstudienplätze in Hamburg besteht aus einem Punktesystem.

HAM-Nat heißt ein Test, der mathematisch-naturwissenschaftliche Kenntnisse überprüft.

Soziale und kommunikative Fähigkeiten werden in einem weiteren Prüfungsblock ermittelt.

Auch die Abiturnote fließt in die Entscheidung mit ein.

Rund 1000 junge Menschen sitzen an diesem Tag in rund zehn verschiedenen Hörsälen der Uni Hamburg und am UKE und brüten über einem Multiple-Choice-Test mit Fragen zu medizinisch relevanten Aspekten aus Mathematik und Naturwissenschaften.

Jeder von ihnen hat in der Abiturnote eine eins vor dem Komma stehen und dennoch im Vorwege gebüffelt für diese Prüfung. "Ich habe mich sorgfältig vorbereitet über den Selbsttest im Internet", sagt die junge Frau zuversichtlich. Dann geht sie ins Audimax, wo sie anschließend mit 300 anderen Bewerbern zwei Stunden lang Fragen beantwortet.

Erarbeitet haben die insgesamt 80 Fragen Teams an den drei Universitätsstandorten. In Hamburg haben Professor Wolfgang Hampe und seine Mitarbeiter (vier Psychologen, zwei Programmierer und studentische Hilfskräfte) darin mittlerweile fünf Jahre Erfahrung.

2008 haben sie die ersten Bewerber auf diese Art getestet. "Ich finde andere Verfahren sinnvoller als eine Zulassung nur über Schulnoten", sagt Hampe zu seinen Beweggründen.

Ob der HAM-Nat ein sinnvolles Auswahlverfahren ist? Hampe verweist auf die besseren Studienleistungen und die geringere Abbrecherquote bei den durch den HAM-Nat zugelassenen Studierenden.

Keine Chance auf Verlängerung

Fest steht, dass die Auswahl über den Test nur einen Bruchteil der Bewerber zum erhofften Studienplatz führen wird. Die Uni Hamburg stellt für das bevorstehende Wintersemester 380 Studienplätze für Medizin zur Verfügung.

Die ersten davon sind über den NC an Abiturienten mit einer Durchschnittsnote von 1,0 vergeben. Weitere kommen über die Wartezeit oder die Ausländerquote in das Studium.

Rund 200 Plätze verbleiben - und die werden über ein spezielles Auswahlverfahren vergeben, für das der heutige Test nur die erste Stufe ist.

Um 12.30 Uhr ist der Test beendet, Verlängerung wird nicht gewährt. Manche geben resigniert ab, andere kommen zuversichtlich aus dem Hörsaal. Moritz aus Bielefeld ist ernüchtert, weil ihm der Vorbereitungstest im Internet weniger schwer erschien.

Greta aus Schleswig-Holstein ist erstaunt vom stark variierenden Anforderungsprofil der Aufgaben. An ihrem Berufswunsch ändert das nichts. Um reinzuschnuppern, hat sie ein mehrmonatiges unbezahltes Praktikum im Krankenhaus absolviert, hat im Operationssaal zugeschaut und jobbt nun, bis es mit dem Studium klappt.

Auch Johanna aus Lübeck hatte den Test anders erwartet - schwerer. Sie studiert zwar schon im zweiten Semester, aber noch nicht das Fach ihrer Wahl: Von Molecular Life Science würde sie gerne in die Medizin wechseln.

"Ich habe mein Freiwilliges Soziales Jahr in einem Krankenhaus gemacht. Seitdem will ich Ärztin werden", steht für sie fest.

Wie alle Prüflinge muss sie zwei Tage warten. Für Greta etwa hat es nicht gereicht. "Ich bin nicht in der zweiten Runde", berichtet sie einige Tage später. Die Enttäuschung ist groß, einen Plan B zum Traum Medizinstudium hat sie noch nicht.

Für 115 andere kommt eine erlösende Botschaft: Sie haben ihren Studienplatz sicher, weil sie bei der Bewertung aus Test und Abiturnote zu den 115 besten gehören. Johanna dagegen liegt auf einem der Plätze zwischen 116 und 315 und hat damit Anspruch auf das zweite Auswahlverfahren.

60 Juroren, 35 Laienschauspieler

Eine Woche nach dem ersten Test ist es soweit: Morgens um acht Uhr stehen die ersten der 200 Eingeladenen vor dem Ian Karan-Hörsaal am Hamburger UKE Schlange. Unter ihnen auch Johanna.

Nach der Anmeldung bei studentischen Hilfskräften empfängt Hampe die aufgeregten jungen Leute mit den Worten "Sie sind uns viel Wert." Das ist wörtlich zu nehmen.

60 Juroren, 35 Laienschauspieler und 20 weitere Helfer werden für das Auswahlverfahren im Einsatz sein. In 40 Räumen wird simuliert, befragt und getestet. 3000 Bewertungsbögen, scanbar und personalisiert, liegen bereit.

Der hohe Aufwand wird nur zu einem Zweck betrieben: es kann nicht jeder Medizin studieren. "Wir können nicht alle nehmen, weil wir Ihnen vernünftige Studienbedingungen bieten wollen", betont Hampe.

Und er macht deutlich, dass die heute Eingeladenen es schon weit gebracht haben: 2234 junge Menschen hatten für ihr Wunschstudium Hamburg als erste Ortspräferenz angegeben.

1251 hatten eine Einladung zum HAM-Nat erhalten, 920 waren gekommen. Nach den 115 besten ist die heute versammelte Gruppe also schon eine Auswahl, die einige Hürden genommen hat.

Kurz nach der Einweisung kommt dann der Ernstfall auch für Johanna. Nachdem die Prüflinge in mehrere Gruppen eingeteilt wurden, findet sich Johanna vor einer Tür wieder, auf der ein Zettel mit einer Aufgabenstellung angebracht ist.

90 Sekunden hat sie Zeit, sich darauf einzustellen, dann ertönt ein langgezogener Pfiff aus einer Trillerpfeife. Johanna darf eintreten. Juroren und Laienschauspieler erwarten sie.

Psychosoziale und kommunikative Fähigkeiten werden getestet

Johanna hat fünf Minuten Zeit für die gestellte Aufgabe. Als "nah an der Realität" empfindet Johanna die Aufgaben, über die nichts nach außen dringen soll.

Nur so viel: sie haben nichts mit Medizin zu tun, sondern sollen die psychosozialen und kommunikativen Fähigkeiten der jungen Menschen testen.

Nach fünf Minuten ein erneuter Pfiff. Alle Türen gehen auf, die Prüflinge gehen hinaus und folgen den Pfeilen auf den Fluren. Wenige Meter daneben die nächste Tür, die nächste Aufgabe.

Wieder 90 Sekunden Zeit, sich auf eine neue Aufgabe, neue Situationen, neue Schauspieler und Juroren einzustellen. Das Ganze passiert gerade auf mehreren Etagen, insgesamt durchläuft jeder Prüfling sechs dieser Stationen. In vier weiteren Räumen finden weitere schriftliche Tests statt.

Johanna hat diesen ersten Teil geschafft. "Besonders nervenaufreibend" seien die Interviews gewesen, berichtet sie. Aber auch von einer angenehmen Atmosphäre, zu der die Juroren und Schauspieler beigetragen hätten.

Dann geht es für sie in ein weiteres Gebäude. Ein computerbasierter Konfliktkompetenztest steht an, 50 Minuten haben die Prüflinge Zeit.

Während sie an den Bildschirmen schwitzen, werten zwei Stockwerke darüber Mitarbeiter Hampes, die speziell für diesen Tag geschult wurden, schon die ersten Antwortbögen aus. "Unser Ziel ist es, heute Abend mit der Auswertung fertig zu sein", sagt Hampe.

Ein Vormittag voller Stress

Kurz darauf ist mit Johanna die erste Gruppe fertig. "Insgesamt stressig und anstrengend" war der Vormittag, berichtet sie. Ist das jetzt das richtige Verfahren, um herauszufinden, ob sie eine "gute Ärztin" werden kann?

"Ich denke, das gesamte Verfahren ist gut geeignet. Es wird Wissen, Lernbereitschaft und soziale Kompetenz geprüft. Außerdem ist das Verfahren durch die Punktevergaben relativ objektiv", findet sie.

Davon ist auch Professor Hampe überzeugt - klassische Interviews sind ihm viel zu stark von der jeweiligen Situation und auch vom jeweiligen Interviewer abhängig. Dieses Manko wird in Hamburg ganz einfach durch die vielen Stationen ausgeglichen.

Sein Team schafft es tatsächlich, den Test schnell auszuwerten und eine Reihenfolge der Teilnehmer aus den Bewertungskriterien Abiturnote, HAM-Nat und HAM-Int aufzustellen.

Johanna hat für ihre Abiturnote 1,9 42 Punkte bekommen, im naturwissenschaftlichen Test 39,83 von 59 möglichen Punkten geschafft und bei den Interviews 36,71 von 59 Punkten. Macht zusammen 118,56 Punkte und - "nur" Platz 201.

Nach einer groben Einschätzung durch die Uni rutschen aber wohl die Prüflinge bis Platz 210 auf die noch zu vergebenden Plätze. Johanna wäre damit doch noch angenommen.

Ganz sicher weiß sie es allerdings erst in wenigen Tagen. Anfang September werden die Zulassungsbescheide verschickt. Johanna braucht erst einmal Urlaub.

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