Ärzte Zeitung online, 23.09.2013

Foto-Austellung

Kolorierte Wunderwelt der Mikroorganismen

Der mehrfach preisgekrönte Schweizer Molekularbiologe und Wissenschaftsfotograf Dr. Martin Oeggerli eröffnet in der Uni Heidelberg einen faszinierenden Blick in den Mikrokosmos der Innenwelten von Mensch und Natur.

Von Ingeborg Bördlein

Kolorierte Wunderwelt der Mikroorganismen

Faszination unter dem Rasterelektronenmikroskop: Menschliche Exkremente, Bakterienkulturen erscheinen wie bunte Perlenketten.

© Dr. Martin Oeggerli

HEIDELBERG. Der Zufall und ein gemeinsames Interesse haben den Heidelberger Pathologen Professor Peter Schirmacher und den Schweizer Molekularbiologen und Wissenschaftsfotografen Dr. Martin Oeggerli zusammengeführt: Der Blick für die Ästhetik dessen, was mit bloßem Auge nicht sichtbar ist bei kleinsten Körperstrukturen wie Muskelfasern, Zellen, Kleinstorganismen wie Bakterien oder Viren.

Der mehrfach preisgekrönte Fotograf, der in Basel arbeitet, eröffnet einen faszinierenden Blick in den Mikrokosmos der Innenwelten von Mensch und Natur.

Fünfzehn dieser Bilder holte der Chef der Heidelberger Pathologie in sein Institut. Die Dauerausstellung "Art und Science" macht deutlich, dass Kunst und Naturwissenschaft keine Gegensätze sind, und dass künstlerisch verfremdete Aufnahmen auf der Basis der Rasterelektronenmikroskopie durchaus auch einen didaktischen Wert haben.

Während seiner Doktorarbeit im Fach Molekularbiologie arbeitete Oeggerli an der Universität Basel mit dem Rasterelektronenmikroskop (REM) und war fasziniert von der enormen Tiefenschärfe, die damit durch die 500 000-fache Vergrößerung erreicht werden kann.

Zum Vergleich: Mit dem Lichtmikroskop lässt sich ein Objekt in der Größe eines Salzkorns nur um das 2000-fache vergrößern.

Diese Lupenfunktion nutzte der Schweizer, der schon immer gerne zeichnete und später zur Fotografie überging, um seine wissenschaftlichen Objekte zu Kunstobjekten zu gestalten: Zellen eines bösartigen Tumors, Fettzellen und Muskelfasern, Bakterien wie der Staphylokokkus aureus oder Darmbakterien, Zellen aus der Augenlinse eines Menschen, Thrombozyten und andere mehr.

Fixiert, entwässert, getrocknet

Dahinter steckt ein enormer Arbeitsaufwand, wie er bei der Ausstellungseröffnung jüngst in Heidelberg erklärt hat: Die Präparate müssen aufwändig vorbereitet werden, bevor sie mikroskopiert werden können: Sie müssen fixiert, entwässert, getrocknet und schließlich noch mit einer hauchdünnen Edelmetallschicht bedampft werden.

Sie werden dann im Hochvakuum analysiert und mit dem Elektronenstrahl Pixel für Pixel und Zeile für Zeile - wie in einem Raster - abgetastet.

Kein anderes Verfahren kann die topografischen Strukturen der Kleinstobjekte so stark vergrößert darstellen wie das Rasterelektronenmikroskop. Was allerdings fehlt, ist die Farbe, denn mit dem REM können nur Schwarz-Weiß-Bilder dargestellt werden.

Und hier wird Oeggerli als Künstler tätig: Er koloriert die Bilder im Nachhinein per Hand oder am Computer.

Dabei orientiert er sich zwar an der natürlichen Farbe seiner Objekte, verändert sie aber mit ästhetischer und didaktischer Intention. Das ist ein enormer Zeitaufwand: "Teilweise sitze ich bis zu 100 Stunden an einer Kolorierung."

Die Farben sollen das Auge des Betrachters zunächst einfach zum Hinsehen verlocken. Andererseits geht es Oeggerli auch darum, wissenschaftlich interessante Aspekte mit einer bestimmten Farbgebung hervorzuheben, so dass der Betrachter diese nicht übersieht.

Symbiose von Ästhetik und wissenschaftlicher Aussagekraft

Beim Betrachten der großformatigen Bilder auf Acrylplatten wird die perfekte Symbiose von Ästhetik und wissenschaftlicher Aussagekraft deutlich: So erscheint eine invasive Krebszelle, die sich schneller teilt als eine gesunde und in das umgebende Zellgewebe eindringt, wie eine Eiskugel, die von feinen filigranen Strukturen umgeben ist.

Ein Blick in das Bakterienleben im menschlichen Kot zeigt "wie ordentlich die Bakterien angeordnet sind", so Oeggerli.

Mit seiner Farbgebung unterstreicht er dies. Im Bild mutet die Bakterienkultur wie eine Ansammlung bunter Perlenketten an. Kolonien des Magenkeims Helicobacter pylori erscheinen wie Korallenriffe und Blutzellen - es waren übrigens die eigenen des Künstlers -, erstaunen durch ihre Farbigkeit und ein feines Fibrinnetzwerk, das sie umgibt.

Für seine faszinierenden Aufnahmen aus dem Mikrokosmos hat sich der Schweizer Molekularbiologe mit dem Blick für das Kleine und Feine weltweit einen ausgezeichneten Ruf verschafft.

So hat er zahlreiche Preise gewonnen, unter anderem dreimal den für das "Best Scientific Image" (2008, 2010, 2012). Außerdem wurde er zum "International Photographer of the Year 2011" gekürt.

Er veröffentlicht die einzigartigen Illustrationen unter seinem Künstlernamen "Micronaut" in renommierten Magazinen wie dem "National Geographic" und in "Nature".

Die Ausstellung am Pathologischen Institut ist nach Voranmeldung (Tel.: 06221/563.9186) zu besichtigen. E-mail: katrin.woll@med.uni-heidelberg

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