Ärzte Zeitung, 30.09.2013

Reportage

Mit zwei Ärzten in der Sprachprüfung

Darm ab oder Daumen - kleine sprachliche Missverständnisse können gravierende Folgen haben. Ausländische Ärzte müssen deshalb seit Jahresbeginn in Thüringen einen Sprachtest bestehen, bevor sie Patienten behandeln dürfen. Wir haben zwei Ärzte bei der Prüfung begleitet.

Von Robert Büssow

In der Sprachprüfung mit zwei Ärzten

Der berühmte Langenscheid - allenfalls beim privaten Training erlaubt, bei der Prüfung verboten.

© Illian

"Haben Sie Schwindel gehabt? Oder ist vor Augen schwarz geworden?", fragt Amid K. eine junge Frau, die ziemlich gesund und munter aussieht.

Der Eindruck täuscht, denn Grit Hofmeister hat heute eine Schilddrüsen-Überfunktion. Amid K. ist nicht der erste Jungmediziner, dem sie an diesem Tag ihre Leidensgeschichte erzählt. Die 33-Jährige ist Schauspielpatientin.

Woran sie leidet, ist im Grunde egal - Amid K. absolviert keine Medizin-, sondern eine Deutschprüfung.

Seit Anfang des Jahres schickt Thüringen alle ausländischen Ärzte, die mit einer Approbation oder Berufserlaubnis arbeiten wollen, zum Sprachtest nach Jena.

Es war das erste Bundesland, das so restriktiv vorgeht. Die Initiative ging von der Landesärztekammer aus, überwacht wird die Umsetzung vom Landesverwaltungsamt.

Bisher reichte wie in anderen Ländern ein einfaches Sprachzertifikat B2. Dies ging am medizinischen Alltag allerdings vorbei, stellte die Landesärztekammer fest.

"Ein Sicherheitsproblem"

"Das wird zum Sicherheitsproblem", schlug auch der Präsident des Verbands der Krankenhausdirektoren, Josef Düllings, kürzlich Alarm. Die Sprachkenntnisse seien häufig nicht ausreichend.

Um ihre Personallücken zu schließen, suchen viele Krankenhäuser händeringend und manche sogar mit Headhuntern in Ost- und Südeuropa nach Ersatz.

Allein in Thüringen hat sich die Zahl der zugewanderten Mediziner in den letzten zehn Jahren auf rund 1000 mehr als verzehnfacht. Kein Krankenhaus kommt inzwischen ohne sie aus.

Auch Amid K. wird dringend gebraucht: Der Anästhesist ist 33 Jahre alt, stammt aus dem Iran und hat zwei Monate vor der Prüfung am Klinikum Bad Berka bei Weimar angefangen.

Bisher durfte er nur als Hospitant arbeiten. Doch dafür habe er nicht zwei Jahre lang am Goethe-Institut in Teheran Deutsch gebüffelt, erklärt er mit fester Stimme. Viele iranische Mediziner ziehe es zwar ins Ausland, vor allem in die USA und nach England.

Er aber wollte ins "fortschrittliche Deutschland", auch wenn die "Grammatik sehr, sehr schwierig" sei. Vor allem die Verben und ihre Position im Satz oder am Satzende gebe ihm mitunter Rätsel auf.

Anamnese, Diagnose - bestanden?

Wie jeder Prüfling kann Amid K. im Test zwischen zwei Krankheitsbildern wählen, die Grit Hofmeister anschließend vorspielt. Nur verbal natürlich. Eine halbe Stunde dauert die Prozedur. Allein Prüferin Anne Holletschke sitzt mit in dem kleinen Raum im Dachgeschoss der Universitätsbibliothek Jena.

Nervös klammert sich Amid K. an seinen Kugelschreiber. Die ersten grauen Strähnen durchziehen seine dunklen Haare. Frisch rasiert, steifer Hemdkragen, blickt er Grit Hofmeister aufmerksam in die Augen.

Er fragt nach ihrer Krankengeschichte, der Familie, Voruntersuchungen. Sie berichtet von Hautbeschwerden, Müdigkeit und Durchfall. Aspirin habe sie genommen, mehr nicht. Er nickt, lächelt freundlich.

Die Anamnese ist Teil eins des dreistufigen Verfahrens. Nach zehn Minuten muss er Prüferin Holletschke den Fall schildern. Das Gespräch simuliert den Austausch mit einem Oberarzt im Krankenhaus. "Aus welchem Grund hat sie Aspirin genommen", hakt Holletschke nach. "Oh, das habe ich nicht gefragt", schluckt der junge Iraner.

Schließlich soll er Patientin Hofmeister über die Risiken einer Schilddrüsen-OP aufklären. "Wir machen eine Kopf-Operation", sagt er und verbessert, als sie skeptisch blickt: "Kropf natürlich". Könne dabei etwas schief laufen, fragt sie.

"Ja ja, aber das passiert nicht oft. Wir haben viele gut operierende Ärzte in Deutschland. Sie machen sich keine Sorgen", beruhigt Amid K. und zählt eine Reihe möglicher Risiken auf.

Für die Auswertung muss er den Prüfungsraum verlassen. "Na, ich weiß nicht, ob ich mich von ihm operieren lassen würde. Er ist ziemlich auf den Risiken rumgeritten", meint Hofmeister. Das gehöre jedoch zur Aufklärung, erklärt Holletschke.

Wegen Wortfindungsstörungen scheitern die meisten

Als Amid K. wieder Platz nimmt, macht er ein unglückliches Gesicht. "Wie würden Sie sich selbst einschätzen", fragt die Prüferin. "Nicht so gut?", fragt er zurück.

Sie macht es spannend: "Die Aussprache etwas zäh, Nachholbedarf bei der Grammatik, aber insgesamt in Ordnung und gut strukturiert."

Bestanden. Amid K. kann es gar nicht fassen. Die Nächste wartet bereits vor der Tür. Lucia Cornejova, eine junge Neurologin aus Prag, ist drei Wochen zuvor beim ersten Versuch krachend durchgefallen.

"Seitdem habe ich nur drei Stunden jeden Tag geschlafen und meine Aussprache geübt", sagt sie mit übernächtigten Augen. Sie möchte an der Helios-Klinik in Erfurt arbeiten.

 Der Sprachtest läuft flüssig. "Es ist Wahnsinn, wie sich das verbessert hat", staunt Holletschke. Nur ein paar Mal gerät die Tschechin auf der Suche nach Worten ins Stocken. "Die Schilddrüse ist sehr wichtig für den, ähm, Metabolismus", fällt ihr nur das Fachwort für Stoffwechsel ein.

Trotzdem, Prüferin Holletschke nickt. Ebenfalls bestanden.

Wegen Wortfindungsstörungen scheitern die meisten. Jeder vierte der gut 60 in Thüringen geprüften Ärzte ist bisher durchgefallen. Wiederholungen sind allerdings erlaubt.

"Es ist ja schön, wenn jemand die lateinischen Fachbegriffe kennt, aber als Patient wird man davon eher eingeschüchtert", ist die Erfahrung von Hofmeister, im wahren Leben Kinderkrankenschwester.

Mit der Krankheit allein gelassen

Sie habe im Bekanntenkreis schon oft von schlechten Erfahrungen mit ausländischen Ärzten gehört. "Es ist schlimm, wenn man mit seiner Krankheit allein gelassen wird, weil der Arzt mich nicht versteht oder er sich nicht verständlich machen kann."

Von einigen Ärzten, die sie in der Prüfung erlebt, würde sie sich nicht behandeln lassen. "Manchmal hat man regelrecht Angst, mit welchen Sprachdefiziten die Ärzte an die Kliniken kommen", sagt Hofmeister.

Entwickelt wurde der Patientenkommunikationstest von Dr. Nabeel Farhan an der Universität Freiburg. "Der Transfer von der Sprache des Patienten zur Sprache der Mediziner ist die größte Herausforderung", erklärt der gebürtige Saudi-Arabier.

"Häufig kommt es zu Zahlendrehern, einige fantasieren sich auch Aussagen des Patienten zusammen." Er gehe davon aus, dass die Sprachprobleme im Alltag immer wieder zu Fehlbehandlungen führen.

Fachliches Können oder kulturelle Fettnäpfchen werden im Test nicht berücksichtigt. Das würde den Rahmen sprengen, sagt Farhan. Bisher sei Thüringen das einzige Bundesland, in dem der Freiburger Test verbindlich ist.

Inzwischen wird er aber in sieben weiteren Bundesländern gemacht und anerkannt. Seit Jahresbeginn sind etwa 27 Prozent durchgefallen. In Rheinland-Pfalz hat die Landesärztekammer ebenfalls einen Sprachtest entwickelt.

Einheitliche Standards beschlossen

Um ein babylonisches Wirrwarr zu verhindern, hat die Konferenz der Landesgesundheitsminister vor Kurzem die Einführung bundesweit einheitlicher Standards beschlossen.

Farhan, der vor 18 Jahren als DAAD-Stipendiat aus Mekka zum Medizinstudium nach Frankfurt kam, begrüßt die Entscheidung. Dies sei auch im Interesse der ausländischen Ärzte. "Im Alltag ist keine Zeit, Deutsch zu lernen. Ich kenne viele, die depressiv werden."

Der Ärztemangel lässt den Kliniken oft keine Wahl. "Manche nehmen inzwischen jeden Arzt, sogar ohne auf die Qualifikation zu achten", hat Farhan erlebt. Ein weiteres Problem: "Die ausländischen Kollegen werden oft als Last und nicht als Bereicherung gesehen."

Deutschland sei weit davon entfernt, ein Einwandererland zu sein. Auch er habe lange gebraucht, um sich hier wohlzufühlen. "Es ist sehr schwierig, Freunde zu finden, wenn man sprachlich nicht fit ist. Das ist aber der Schlüssel, um richtig Deutsch zu lernen."

Thomas Hartung ist Chirurg und zugleich Landtagsabgeordneter in Thüringen: "Ich kenne viele, die sehr gut integriert sind. Das hängt aber stark von der Willkommenskultur in einer Klinik ab." Und hier gebe es schwarze Schafe.

Mancherorts werden neue ausländische Fachkräfte als preisgünstige Hilfskräfte eingeteilt, ein regelrechtes Hospitationsunwesen, schimpft Hartung.

"Das wird langfristig aber nicht funktionieren. Die Ärzte sind sehr mobil. Wenn sie sich nicht wohlfühlen, ziehen sie eben weiter."

[01.10.2013, 01:27:13]
Freya Matthiessen 
„Ban d Dokter net kann geschwatz bi mej, ko her glei widder gegä oder s git wanncher Gald“


„Ban d Dokter net kann geschwatz bi mej, ko her glei widder gegä oder s git wanncher Gald“ (Ausspruch einer humorvollen Patientin „aus dem Osten“.)

Zur Erinnerung:

http://www.aerztezeitung.de/panorama/article/628183/uni-leipzig-bietet-erstsemestern-saechsisch-kurs.html

Zur „Reportage“ unter der Rubrik „Panorama“ – sprachlich (inhaltlich:)

„Der Anästhesist ist 33 Jahre alt, stammt aus dem Iran und hat zwei Monate vor der Prüfung am Klinikum Bad Berka bei Weimar angefangen....Nervös klammert sich Amid K. an seinen Kugelschreiber. Die ersten grauen Strähnen durchziehen seine dunklen Haare. Frisch rasiert, steifer Hemdkragen, blickt er Grit Hofmeister aufmerksam in die Augen“.

Man stelle sich bitte ein Interview mit einem „unserer“ voll ausgebildeten und berufserfahrenen (schon leicht ergrauten) Anästhesisten vor. Vielleicht ein Interview mit einem Kollegen, den Sie persönlich kennen – und sehr schätzen! Wer würde es nicht als empörend empfinden, wenn im einführenden Text darauf hingewiesen würde, dass er nicht unrasiert und nicht mit „schlapperigem“ Hemdkragen und auch nicht mit unaufmerksamen Augen dem Interviewpartner gegenübersitzt?! (Ik sülvst heff `n Naam op de Tung un mutt bannig grienen)

Übrigens:
Sicher spricht „die Patientin“ Grit Hofmeister in der Sprachprüfung Hochdeutsch.

Freya Matthiessen


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