Ärzte Zeitung, 30.10.2013

Ausstellung in Münster

Sex als Motor der Evolution

Wie helfen verschwitze Shirts bei der Partnersuche? Eine Ausstellung in Münster hat die Antworten zu Sexualität von Mensch und Tier - und liefert Einblicke in die verschiedensten Facetten der sexuellen Fortpflanzung.

Sex als Motor der Evolution

Die neue Sonderausstellung "Sex und Evolution" zeigt im Eingangsbereich sich paarende Tiere. Die Ausstellung nähert sich dem Thema Sexualität ohne falsche Scham, aber nie anzüglich, sondern stets wissenschaftlich.

© LWL/Oblonczyk

MÜNSTER. Bunte Vogelmännchen, imposante Geweihe, farbenfrohe Schmetterlinge, leuchtende Käfer, Gesänge und Brautgeschenke: Wozu soll das gut sein?

Der Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) zeigt bis zum 19. Oktober 2014 die neue Ausstellung "Sex und Evolution" im LWL-Museum für Naturkunde in Münster.

Die Schau mit 450 Exponaten und Objekten widmet sich der "schönsten Sache der Welt".

Den Besucher erwarten Einblicke in die verschiedensten Facetten der sexuellen Fortpflanzung im Tier- und Pflanzenreich und deren Bedeutung für die Evolution. Und auch der Mensch mit seiner Sexualität ist Thema der Sonderausstellung.

Die Besucher erfahren, warum die aufwendige sexuelle Fortpflanzung trotzdem als "Motor der Evolution" sehr erfolgreich ist.

LWL-Direktor Dr. Wolfgang Kirsch: "Der entscheidende Vorteil von Sex aus biologischer Sicht ist, dass er es einer Art ermöglicht, Nachkommen mit unterschiedlichen Eigenschaften zu bekommen und sich damit besser an Veränderungen ihrer Umwelt anzupassen."

Wie Männchen ticken

Die Ausstellung zeigt auch, warum das "Schöne" oft nicht das weibliche Geschlecht ist, klärt auf, wie Männchen ticken und was Weibchen wollen und wie sie trotz unterschiedlicher Interessen am Ende doch zusammen finden.

Gezeigt wird zum Beispiel das skurrile Paarungsverhalten der Bettwanze ebenso wie die Verführungskünste des Laubenvogels. Die Besucher erfahren, was ein Liebespfeil ist und lernen, warum das Schnüffeln an verschwitzten T-Shirts Menschen mitunter bei der Partnersuche hilft.

Die unterschiedlichsten Strategien der Natur bei der Partnerwahl und Paarung werden vorgestellt und mit naturkundlichen Objekten, Fotos, Grafiken sowie interaktiven Medien und Mitmach-Stationen erklärt.

Kirsch: "Die Besucher betreten mit uns das Schlafzimmer der Natur." Konzipiert ist die Ausstellung ohne Alterseinschränkung für Familien mit Kindern, Studenten, Erwachsene bis hin zu Senioren.

Zwei Jahre bereiteten Lisa Klepfer und Dr. Jan Ole Kriegs unter der Leitung von Museumsdirektor Dr. Alfred Hendricks die Ausstellung vor.

Hendricks: "Sexuelle Fortpflanzung ist aufwändig und zeitraubend - trotzdem pflanzt sich die Mehrheit der Arten auf dieser Erde sexuell fort."

Wie Gesetze das Sexualleben der Menschen beeinflusst

"Was Sex angeht, hat die Evolution in der Natur viel Bizarres hervorgebracht. Auch das menschliche Sexualverhalten wurde im Laufe der Evolution sehr vielfältig", ergänzt Kriegs.

Die Ausstellung gebe Einblicke in die Rolle von Sex in verschiedenen Kulturen und wie Sitten und Gesetze das Sexualleben der Menschen beeinflusse.

Aus evolutionsbiologischer Sicht ist es das oberste Ziel aller Lebewesen, sich fortzupflanzen und die eigenen Gene an die nächste Generation weiterzugeben, erläutert Biologin Klepfer.

Im Laufe der Evolution hätten sich daher verschiedenste Fortpflanzungsstrategien entwickelt, etwa auch die asexuelle. Viele Pflanzen bilden Ableger, Bakterien und andere Einzeller vermehren sich durch einfache Zweiteilung.

Der Vorteil: Erfolgreiche Genkombinationen bleiben erhalten und eine mühsame Suche nach Fortpflanzungspartnern entfällt.

Skurriles Paarungsverhalten

Mitunter finden sich auch skurrile Paarungsverhalten, zum Beispiel bei Zwittern.

Weil sie Männchen und Weibchen zugleich sind, können sie sich mit jedem Artgenossen paaren. In der Regel übernehmen Zwitter bei der Paarung jedoch gerne die männliche Rolle, was zu merkwürdigen Verhalten führen kann: Weinbergschnecken stechen ihren Partner mit einem Liebespfeil, der diese verweiblicht.

Plattwürmer schmieren ätzendes Sperma auf den Rücken ihres Partners und wieder andere handeln mit ihren Eiern und Spermien.

Auch ist Homosexualität im Tierreich weit verbreitet: Bei über 1500 Tierarten wurde Homosexualität bereits wissenschaftlich dokumentiert, darunter Delfine, Giraffen und Pinguine.

Pinguine etwa brüten als gleichgeschlechtliches Paar erfolgreich fremde Eier aus und ziehen ihre Jungen groß.

Wie der Mensch kennen auch Tiere Geschenke zur Vermählung. Einige Beispiele zeigt die Ausstellung "Sex und Evolution" im LWL-Museum für Naturkunde in Münster. (eb)

Mehr Infos über die Ausstellung im LWL-Museum für  Naturkunde, Münster unter: www.lwl-naturkundemuseum-muenster.de

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Panorama (30165)
[30.10.2013, 14:44:12]
Dr. Horst Grünwoldt 
Paarungen
Die Ausstellung in Münster über die unterschiedliche Geschlechtlichkeit bei Tieren wird gewiß ein großes Spektakel für das neugierige Publikum.
Die Sexualität jenseits der menschlichen ist gewiß überwiegend triebgesteuert. In jedem Falle bedarf es sexueller Sinnen-Reize zur Auslösung von Paarungsverhalten. Bei niederen Tieren -wie zwittrigen Schnecken- dürften das vor allem blanke chemotaktische sein.
Bei Insekten sind es ja die bekannten Pheromone als Lockstoffe für paarungsbereite Individuen. Und angeblich sollen wir Menschen unterschiedlichen Geschlechts uns ja auch "riechen" können.
Immerhin haben die meisten Wirbeltierarten schon über den bloßen Fortpflanzungs-Trieb hinaus, auch schon das unterschiedlichste "Balzverhalten" entwickelt, bevor es dann -nach erfolgreicher Sexualpartner- Wahl oder Eroberung unter hormoneller Steuerung zur mehr oder weniger kurzen Kopulation kommt.
Die Evolution (oder Schöpfung?) hat mit der Vereinigung/Vermischung von männlichem und weiblichen Erbgut tatsächlich dafür gesorgt, daß immer wieder einzigartige und neue Nachkommen -selbst unter Geschwistern- aus dem in Mutter und Vater schon vorhandenen, gigantischen Genpool oder "Stammbaum" der Vorfahren entstehen.
Anders bei den sich nur teilenden, a-sexuellen Lebensformen (Bakterien, Pflanzentriebe u.a.) die wegen der identischen Weitergabe von Genen und großer Teilungs-"Freude" (Rate) höchst anfällig für Spontan-Mutationen sind.
Denken wir dabei z.B. auch an a-pathogene Darmbakterien wie E. coli spp., aus denen schon einmal EHEC-Keime oder antibiotikum-resistente werden können, ohne daß ein Abusus von Arzneimitteln stattgefunden hat.

Das Einzigartige, was -die "Krone" der Schöpfung oder Evolution- uns Menschenkinder auszeichnet, ist schlußendlich aber, daß unser bestehendes biologisches Triebverhalten gelegentlich auch noch vom Bewußtsein/ Verstand bei der Sexual-Partnerwahl überlagert oder dominiert wird. Und dann gibt es bei unserer humanen Gattung ja noch das kulturell, unterschiedlich entwickelte Lust-Spiel der Liebe, das nicht ausschließlich der Fortpflanzung dient.
Die westafrikanischen Bonobos -als einzige Vertreter der "Herren"-Tiere- haben ja sogar sexuelle Handlungen zur Konfliktlösung untereinander entwickelt!
Sexualität und Liebe -das bleiben gewiß für alle nachfolgenden Generationen die ewigen Themen des Erwachsenenwerdens.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »

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