Ärzte Zeitung online, 12.11.2013

Nach dem Taifun auf den Philippinen

Katastrophenhilfe läuft auf Hochtouren

Hilfsorganisationen haben bereits Ärzte und Hilfsgüter in die Katastrophenregion geflogen und wollen ihre Hilfe weiter ausbauen. Auch die Bundesregierung hat signalisiert, mehr als die angekündigten 500.000 Euro Soforthilfe bereitstellen zu wollen.

Von Pete Smith

Katastrophenhilfe auf Hochtouren

Flughafen von Tacloban: Philippinische Hilfskräfte transportieren die Hilfsgüter ab.

© Dennis M. Sabangan / dpa

FRANKFURT/MAIN. In Folge des verheerenden Taifuns "Haiyan" sind Tausende Menschen auf den Philippinen gestorben und Hunderttausende obdachlos geworden.

Nach Angaben der Behörden benötigen 4,3 Millionen Menschen Hilfe, die jedoch nur schleppend anläuft, weil viele Flugplätze, Häfen und Straßen zerstört sind.

Die Europäische Kommission hat drei Millionen Euro, die deutsche Regierung 500.000 Euro Soforthilfe zugesagt. Deutschland sei aber zu weiteren Hilfen bereit, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin.

Man wolle aber zunächst mit den philippinischen Partnern ermitteln, wie hoch der tatsächliche Bedarf sei. Das Welternährungsprogramm der UN will langfristig 120.000 Opfer mit Lebensmitteln versorgen, wie Sprecherin Bettina Lüscher am Montag mitteilte.

Humedica bereits seit Samstag vor Ort

Am Wochenende sind die ersten Helfer in die Krisenregionen entsandt worden. Ein medizinisches Team von humedica etwa ist bereits am Samstag eingetroffen. Angesichts der gewaltigen Zerstörungen, so humedica-Geschäftsführer Wolfgang Groß, habe man sich sofort entschlossen, weitere Einsatzteams und deren medizinische Ausstattung in die Krisenregion Tacloban zu schicken.

Mit Unterstützung des Technischen Hilfswerks und des Vereins I.S.A.R. Germany, einem Zusammenschluss international tätiger Rettungsspezialisten, hat die Organisation World Vision am Sonntag vom Frankfurter Flughafen aus eine 35-Tonnen-Ladung mit Decken, Zelten, Planen und Medizintechnik auf den Weg gebracht.

Katastrophenhelfer der Caritas haben aus Lagerbeständen 18.000 Zeltplanen und eine Million Wasserentkeimungstabletten in die besonders schwer betroffene Stadt Cebu gebracht.

400.000 Euro hat die Christoffel-Blindenmission (CBM) in Bensheim als Nothilfe zur Verfügung gestellt und ein Expertenteam entsandt, das sich vor allem um die Menschen mit Behinderungen kümmern soll. "Die Telefonleitungen sind weitgehend unterbrochen", berichtete CBM-Mitarbeiter Peter Hämmerle.

"Von unseren zehn Projektpartnern in der Region können wir die Hälfte nicht erreichen."

Sowohl das Bündnis Entwicklung Hilft, dem unter anderen CBM und medico international angehören, als auch die Aktion Deutschland Hilft (World Vision, Care, Malteser, Johanniter, HelpAge) wollen in den nächsten Tagen ihre Hilfen ausweiten.

Christof Johnen vom Deutschen Roten Kreuz wies auf die Notwendigkeit hin, "die Lage in den abgelegenen Gebieten zu erkunden". Oliver Müller, Leiter von Caritas International, äußerte die Sorge, dass die Menschen in den unzugänglichen Gebieten entlang der Pazifikküste am dringendsten Hilfe benötigten. "Wir bereiten uns auf das Schlimmste vor."

Menschen hoffen auf Trinkwasser und Nahrungsmittel

Drei Tage nach dem verheerenden Taifun wächst die Verzweiflung unter den Überlebenden. Der Flughafen der zerstörten Stadt Tacloban wird nach Angaben von Augenzeugen von hunderten Menschen belagert, die dringend auf Trinkwasser und Nahrungsmittel hofften.

Die ersten Flüge brachten Mediziner, die am Flughafen notdürftig eine Krankenstation einrichteten. Tausende Tonnen Hilfsgüter sind unterwegs, aber die Verteilung ist schwierig, weil in den Straßen meterhoch Schutt liegt.

Millionen Menschen sind betroffen, Hunderttausende brauchen Hilfe. Wie viele umgekommen sind, ist weiter unklar. Mehr als 10.000, schätzte ein Polizeichef, aber die Regierung wollte sich auf solche Spekulationen nicht einlassen. "Wir wollen niemand alarmieren, der nach Verwandten sucht", sagte Präsident Benigno Aquino.

"Unsere Priorität sind die Lebenden." Anwohner sprachen von unvorstellbarem Verwesungsgeruch in den Straßen. Die Lokalbehörden bereiteten Massengräber vor.

"Wir haben nichts, hier kommt nichts an", sagte Gilda Mainao am Montag aus Tacloban im Rundfunk. "Bitte, bitte schickt uns Hilfe."

Reporter des Senders ANC erreichten inzwischen mit Mopeds erstmals den Ort Guiuan weiter östlich, wo der Taifun am Freitagmorgen über die Küste hereinbrach. Dort lebten vorher 50 000 Menschen.

Situation treibt Menschen zu Verzweiflungstaten

Die Reporter zeigen Bilder unglaublicher Verwüstung: Der Rest eines Kirchturms ragt in die Luft. Tonnenschwere Gesteinsbrocken sind meterweit verstreut. Viele Häuser und Hütten sind zerstört. Noch kein Helfer hat den Ort erreicht.

Panik scheint es nicht zu geben - vielmehr laufen die Menschen wie betäubt durch die Straßen. Einige suchen in den Trümmern, die kilometerlang die Küste bedecken, nach Brauchbarem.

Nachdem schon am Sonntag in Tacloban mit einst 220.000 Einwohnern Chaos ausbrach und Geschäfte geplündert wurden, schickte die Polizei Verstärkung. Der Präsident erwäge den Ausnahmezustand und eine Ausgangssperre zu verhängen, berichteten Lokalmedien.

"Die Leute sagen, die Situation zwingt die Menschen zu Verzweiflungstaten", sagte Polizeisprecher Reuben Sindac im Fernsehen. "Wir haben Verständnis, aber wir können keine Anarchie akzeptieren."

Im Hafen von Tacloban kam nach Angaben des Roten Kreuzes am Sonntagabend ein Versorgungsschiff mit 140 Tonnen Hilfsgütern an.

Bewegende Rede auf der UN-Klimakonferenz

Die verheerenden Auswirkungen des Taifuns sind auch Thema auf der UN-Klimakonferenz in Warschau. Für ein paar Minuten ist die Verzweiflung der Menschen auf den Philippinen nach dem Monster-Sturm ganz konkret spürbar: Yeb Saño, der Delegierte des Inselstaates, spricht mit stockender Stimme von den Menschen in seiner Heimat, von seinem Bruder, der seit zwei Tagen mit bloßen Händen Tote geborgen habe, von den Angehörigen, auf deren Lebenszeichen er noch immer warte, von Hunger und Durst in den Dörfern und Städten mit zerstörter Infrastruktur.

Saño kämpft mit den Tränen. "Die Klima-Krise ist Wahnsinn", sagt er. "Lasst uns diesen Wahnsinn stoppen - hier in Warschau." Seit 20 Jahren scheitere die Weltgemeinschaft nun schon bei dem Versuch, die Folgen des Klimawandels aufzuhalten und ihre eigenen Zielvorgaben zu erfüllen.

"Wir können nicht da sitzen und hilflos zusehen", betont der philippinische Klima-Delegierte. "Ich spreche hier auch für die zahllosen Menschen, die nicht mehr selbst ihre Stimme erheben können. Ich spreche für die, die durch diese Tragödie zu Waisen wurden.

Ich spreche für diejenigen, die nun im Wettlauf gegen die Zeit versuchen, Überlebende zu retten und Leiden zu lindern."

Mit seiner gefühlsgeladenen Rede rührt Saño mehrere Delegierte zu Tränen. Am Ende seines Appells herrscht im Plenarsaal zunächst völliges Schweigen, dann gibt es donnernden Applaus.

Zahlreiche Delegierte erheben sich, während der philippinische Klimaunterhändler zusammengesunken auf seinem Stuhl um Fassung kämpft.

Industrienationen lassen andere Länder allein

Saños Worte am ersten Tag der zweiwöchigen UN-Klimakonferenz sind auch eine Anklage gegen das Zaudern der internationalen Gemeinschaft, allen voran der Industrienationen, die die Länder in Asien, Afrika und der Karibik weitgehend allein mit der Bewältigung des Klimawandels lassen.

"Wir weigern uns zu akzeptieren, dass unser Leben darin bestehen soll, vor Monsterstürmen zu fliehen, unsere Familien in Sicherheit zu bringen, Zerstörung und Not zu erleiden und unsere Toten zählen zu müssen", sagt Saño.

"Wir müssen aufhören, solche Ereignisse Naturkatastrophen zu nennen. Es ist nicht natürlich, wenn die Wissenschaft uns bereits sagt, dass die Erderwärmung zu immer intensiveren Stürmen führt. Es ist nicht natürlich, wenn die Menschheit das Klima bereits nachhaltig verändert hat."

Resolutionen in Warschau können die Toten auf den Philippinen und die Opfer von Dürre und Flut in anderen Ländern nicht ins Leben zurückbringen.

Doch das Entsetzen über die Zerstörung, die "Haiyan" mit sich brachte, soll nach dem Willen der philippinischen Konferenzdelegation die Entschlossenheit stärken, endlich aktiv zu werden.

"Wir rufen die Führer der Welt auf, zu handeln und nicht nur zu reden", betonte die philippinische Umweltexpertin Alicia Ilaaga. "Dies ist die Zeit, eins zu sein." (mit dpa)

Nach dem Taifun auf den Philippinen rufen viele Organisationen zu Spenden auf. Eine Auswahl:

Aktion Deutschland Hilft Stichwort: Taifun Haiyan Spendenkonto 10 20 30, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00 Onlinespenden: www.Aktion-Deutschland-Hilft.de

DRK Stichwort: Wirbelsturm Konto 414141, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00 Onlinespenden:http://www.drk.de/index.php?id=5282&vwz=1000

Caritas international Stichwort: Nothilfe Taifun Spendenkonto 202, Bank für Sozialwirtschaft Karlsruhe, BLZ 660 205 00

Malteser Hilfsdienst e. V. Stichwort: Taifun Konto 120 120 001 2, BLZ 370 601 20, Pax-Bank Onlinespenden: www.malteser-spenden.de

Johanniter-Unfall-Hilfe e.V. Stichwort: Taifun Haiyan Spendenkonto 8888, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00 Online: www.johanniter-helfen.de

Medico bittet für SOS um Spenden Stichwort: Philippinen Kontonummer 1800, Frankfurter Sparkasse, BLZ 500 502 01

Help - Hilfe zur Selbsthilfe Stichwort: Taifun Haiyan Spendenkonto 2 4000 3000, Commerzbank Bonn, BLZ 370 800 40 Onlinespenden unter: www.help-ev.de

I.S.A.R. Germany Konto 118 25 00, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00 Onlinespenden: http://www.isar-germany.de/spenden/formular-1

Diakonie Katastrophenhilfe Stichwort: Philippinen Konto 502 502, Ev. Darlehensgenossenschaft, BLZ 210 602 37

Plan International Deutschland e.V. Stichwort: Taifun Haiyan Konto 9444 933, BLZ 251 205 10

World Vision Deutschland Stichwort: Taifun Konto 66601, Postbank Frankfurt, BLZ 500 100 60

Bündnis Entwicklung Hilft Stichwort: Taifun, Konto 5151, Bank für Sozialwirtschaft, BLZ 370 205 00

Unicef Deutschland Stichwort: Taifun, Konto 300 000, Bank für Sozialwirtschaft BLZ 370 205 00

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