Ärzte Zeitung, 21.11.2013

TV-Kritik

Wie kann man glücklich sterben?

Gibt es ein glückliches Sterben? Diese Frage hat eine Talkrunde bei Moderatorin Anne Will am Mittwochabend in der ARD diskutiert. Hauptsächlich drehte es sich um aktive und passive Sterbehilfe - aber auch auf das gesellschaftliche Problem mit einer zunehmenden Isolation der Menschen wurde hingewiesen.

Von Christoph Fuhr

NEU-ISENBURG. "Das Leben ist Gnade Gottes", sagt Hans Küng. Und weil das so ist, hat der Mensch nicht das Recht, sein Leben selbst oder mit fremder Hilfe vorzeitig zu beenden - so argumentieren die meisten seiner katholischen und evangelischen Mitchristen.

Küng (85), im Vatikan einst in Ungnade gefallener katholischer Theologe und Priester, zieht aus der Gnade Gottes allerdings eine völlig andere Schlussfolgerung.

"Wir alle haben Verantwortung für unser Leben", sagt er, und dazu gehört für ihn durchaus auch die Option, mit fremder Hilfe aus diesem Leben zu scheiden.

Reise in die Schweiz möglich

Er hat Parkinson und lässt keinen Zweifel darüber, dass "irgendwelche Zeichen von Demenz" ihn motivieren würden, sein Leben zu beenden.

Küng möchte so sterben, "dass ich noch voll Mensch bin und nicht reduziert auf ein vegetatives System". Er will auch nicht ausschließen, Sterbehilfe einer Schweizer Organisation in Anspruch zu nehmen.

Als Beitrag in der ARD-Themenwoche "Glück" beschäftigte sich Anne Wills Talkrunde am Mittwochabend mit einer sehr speziellen Frage: "Gibt es ein glückliches Sterben?"

Theologe Küng war aus Altersgründen zwar nicht im Studio, seine für konservative Vertreter in der Sterbedebatte eher provozierenden Statements wurden aber eingeblendet, sein Interview mit Anne Will strahlte die ARD danach in voller Länge aus.

Zuschauer kommen leicht an ihre Grenzen

Bei all den vielen Talksendungen zur Sterbehilfe - und das war diesmal leider nicht anders - geraten Zuschauer, die sich nicht ständig mit diesem Themenkomplex beschäftigen, leicht an ihre Grenzen.

Aktive, passive und indirekte Sterbehilfe, assistierter Suizid, Patientenverfügung und Vorsorgevollmachten, das sind Begriffe, die oft nicht sauber voneinander zu trennen sind - mit vielen, zum Teil verwirrenden Definitionen.

"Er wollte tot sein, aber nicht sterben", sagte der Journalist Tilman Jens über seinen Vater Walter, der an einer vaskulären Demenz und Alzheimer litt.

"Die letzten zehn Jahre - das hätte nicht sein müssen", beschrieb er den langen Leidensweg des berühmten Professors für Rhetorik an der Uni Tübingen, der im Juni gestorben ist.

Tilman Jens forderte das Recht auf aktive Sterbehilfe, aber nicht, wie allzu oft von einzelnen Gästen in deutschen TV-Talkrunden zu beobachten, im Sinne eines allein selig machenden Rechtsanspruchs, mit dem sich angeblich alle Widersprüche und Abgründe des Sterbens in Luft auflösen.

Probleme bei passiver Sterbehilfe

Hubert Hüppe (CDU), Behindertenbeauftragter der Bundesregierung, wandte sich einmal mehr gegen jede Form von aktiver Sterbehilfe, wies aber zugleich auf die nicht genutzten Handlungsoptionen der passiven Sterbehilfe hin.

Zur Erinnerung: Passive Sterbehilfe bedeutet Abbruch lebenserhaltender Maßnahmen. Zulässig ist sie nach dem Urteil des BGH vom 25. Juni 2010, wenn der Abbruch in einer Patientenverfügung festgelegt wurde.

Nicht nur Hüppe weiß, dass auch die klare Verfügung keinesfalls die Anwendung der passiven Sterbehilfe garantiert. "Man zwingt Menschen zu oft weiterzuleben", beklagte der Unionspolitiker. "Man muss nicht bis zuletzt alles tun und den Patienten quälen."

Wie schwierig sich dieses Problem im Detail darstellt, beschrieb die Psychotherapeutin Angelika Kallwass. Ihre schwer lungenkranke Mutter wollte sterben und hatte schon um Zyankali gebeten. Das lehnte Kallwass ab.

Nachdem die Mutter jede Aufnahme von Nahrung verweigert hatte, spitzte sich die Situation zu. Bei der Entscheidung über eine passive Sterbehilfe ließ sich Kallwass schließlich von einem Spezialanwalt beraten.

Immer mehr Schläuche, immer weniger Seele

Es gibt offenbar einen breiten gesellschaftlichen Konsens, dass die vom Gesetzgeber erlaubte passive Sterbehilfe gut und sinnvoll ist: Sie bietet einen würdevollen und angemessenen Umgang mit Sterbenden. In der Umsetzung gibt es aber immer noch zu viele Schwachstellen und Unwägbarkeiten.

Christiane zu Salm, Medienmanagerin und ehrenamtliche Sterbehelferin, setzte in der Sendung ganz andere Akzente: "Wo auch immer ich hinkomme, sehe ich Schläuche, aber immer weniger Seele."

Ihre Erfahrung: Zu viele Menschen sterben mutterseelenallein, stammen aus zerrissenen und zerrütteten Familien, haben keinen sozialen Halt. Sie finden nicht die Chance, sich vor dem Sterben Dinge von der Seele zu reden, loslassen zu können, mit sich selbst ins Reine zu kommen.

Isolation - ein gesellschaftliches Problem, das die Debatte um würdevolles Sterben in Deutschland jenseits von Rechtsansprüchen in einem völlig anderen Licht erscheinen lässt.

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[24.11.2013, 10:00:04]
Chris Bunzek 
Fragwürdig
Wir sehen staunend zu, wenn Elefanten zum Sterben sich auf einen "Elefantenfriedhof" zurückziehen.

Wir halten alte Naturvölker für weise, wenn deren Alten sich zum Sterben einsam auf einen Berg begeben.

Unsere eigenen Alten und Kranken werden für solch ein Verhalten zwangseingewiesen. Wir klopfen uns danach für unsere fortschrittliche, medizinische, humane und ethisch sicher vertretbare Leistung auf die eigene Schulter und glauben allen ernstes etwas Gutes getan zu haben.

Bei dem nächsten fieberhaften grippalen Infekt über 5 Tage sind wir froh, diese beinahe unmenschliche Qual überwunden zu haben - und vergessen, das wir von unheilbar erkrankten, leidenden Menschen erwarten, sie sollen gefälligst ihrem Leben nicht ein Ende setzen, weil es mit "meiner" Ethik nicht vereinbar ist. Danke! zum Beitrag »
[22.11.2013, 18:13:56]
Lutz Barth 
Palliativmedizin ist lediglich eine Alternative
Ohne Frage kommt der palliativmedizinischen Betreuung eines schwersterkrankten und sterbenden Patienten eine immense Bedeutung zu, wenngleich es allein darauf ankommt, die individuelle Binnenperspektive des Patienten zu respektieren.

Wir haben letztlich die Motivlage des Schwersterkrankten zu respektieren, ohne sich der Gefahr aussetzen zu müssen, diesen Patienten entweder für unsere eigene individuelle Gewissensentscheidung resp. einer palliativmedizinischen und/oder hospizlichen Idee zu instrumentalisieren. Insofern bleibt es ausschließlich dem Patienten vorbehalten, aufgrund differenter Motive ggf. seinem Leid zu entfliehen, ohne dass er hierüber Rechenschaft abzulegen hat.

Von daher bleibe es auch unbenommen, sich dahingehend zu entscheiden, trotz vielfältiger Angebote und Empathie, die ihm seine Familienangehörigen oder alternativ ein therapeutisches Team unterbreiten bzw. entgegenbringen, eben diesen nicht zur Last fallen zu wollen.
Der Schwersterkrankte ist in seinen Entscheidungen und mit den dafür tragenden Motiven frei und dies endlich zu respektieren, erscheint mir gerade mit Blick auf einige Oberethiker in unserem Lande besonders anzumahnen sein. Namhaften Vertretern der Palliativmedizin, der Kirchen oder der Hospizbewegung einschl. der sog. Lebensschützer-Fraktionen bleibt es freilich vorbehalten, einen anderen Weg gehen zu wollen, denn auch ihnen ist eine Gewissensentscheidung resp. Lebensphilosophie zu konzedieren.

Problematisch wird es allerdings dann, wenn die Apologeten einer christlichen Sterbekultur mit all ihren Implikationen und die Oberethiker insbesondere auf Funktionärsebene meinen, nur halbherzig gegenüber der selbstbestimmten Entscheidung eines Schwersterkrankten oder Sterbenden dergestalt Toleranz zu üben, in dem diese dann den sich ihnen anvertrauenden Patienten auf dem letzten Lebensweg hin zur Leidfreiheit nicht mehr begleiten können.

Nicht alle Palliativmediziner denken so und insofern ist der beschrittene Weg der Initiatoren einer Charta zur Betreuung schwerstkranker und sterbender Menschen ein Irrweg, negieren diese doch in letzter Konsequenz den nachvollziehbaren und freien Wunsch desjenigen Patienten, der seinem Leben angesichts des individuellen und ausschließlich von ihm zu tragenden Leids entfliehen möchte.
Eine nationale Strategie wird wohl nicht umhinkommen, zuvörderst das Selbstbestimmungsrecht der Patienten zu wahren und zwar jenseits einer kollektivistischen Arztethik, die im Elfenbeinturm in Gedenken an Hippokrates generiert wird und ohne jedwede Bedenken in ein ethisches Zwangsdiktat mündet.

Hier werden sich die „Oberethiker“ die Frage gefallen lassen müssen, ob sie es mit dem Toleranzgebot und vor allem mit den Grundrechten der schwersterkrankten und sterbenden Patienten ernst meinen!
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[22.11.2013, 13:57:08]
Rudolf Hege 
Abwägen...
Es ist gut, dass wir schwerkranken Menschen Palliativmedizin anbieten können, wenn der Todeswunsch vorwiegend durch Schmerzen motiviert ist.

Wir müssen aber auch zur Kenntnis nehmen, dass es in unserer "Single-Kultur" immer mehr Menschen gibt, die "für niemand" mehr leben und deren Weiterleben unter erschwerten Umständen für sie selbst nicht mehr erstrebenswert ist.

Für wen soll man tägliches Leiden ertragen, wenn eine Wiederherstellung nicht möglich ist - und es niemand interessiert, ob man noch da ist oder nicht? Und das Engagement derer, die sich gegen ein selbstbestimmtes Sterben aussprechen, endet in der Regel dann, wenn sie sich selbst um die Kranken und Einsamen kümmern sollen. Das aber wäre die einzige Alternative zum Sterben wollen. zum Beitrag »
[22.11.2013, 08:38:48]
Lutz Barth 
Debatten sind langsam ermüdend!
Dass die Debatte sich durch einen gewissen „Tiefgang“ auszeichnet, verwundert insofern nicht, als dass ein ideologiefreier Diskurs seit Jahrhunderten nicht möglich zu sein scheint und die führenden Diskutanten doch eher dadurch „glänzen“, in dem diese davon Abstand genommen haben, den verfassungsrechtlichen Befund überhaupt in seiner ganzen Tragweite und Bedeutung für den Sterbehilfediskurs zur Kenntnis zu nehmen.

Der Diskurs ist nicht nur zählebig, sondern läuft Gefahr, der Trivialität anheim zu fallen, da ethische Überzeugungstäter am Werke sind, unser aller Selbstbestimmungsrecht zu Grabe tragen zu wollen, obgleich der ethische Standard unseres Grundgesetzes eine vertretbare und damit vor allem verfassungskonforme Lösung vorzeichnet.

Wir sollen halt nicht frei verantwortlich sterben dürfen und zum Erreichen dieses Zieles scheinen alle Mittel recht zu sein. Das vornehme Geschwätz über die Würde des Menschen und der „Lebensschutzauftrag“ so mancher Lebensschützerfraktionen erwecken allzu häufig in der Öffentlichkeit den Eindruck, als sprechen hier die sog. „Experten“ – Experten, die sich in aller Regel durch ein Höchstmaß an Intoleranz und mangelnden verfassungsrechtlichen Sachverstand auszeichnen und so gesehen verwundert es wahrlich nicht, dass die Debatte über das frei verantwortliche Sterben eines Schwersterkrankten nicht befriedet werden kann.

Neben dem ärztlichen Paternalismus etlicher Ärztefunktionäre entspricht es erkennbar dem Mainstream, einem religiös und spirituell inspirierten Menschenbild zu frönen, mit dem eine ethische Zwangskollektivierung beabsichtigt ist und die Binnenperspektive des schwersterkrankten und sterbenden Mensch völlig vernachlässigt wird.

Derartige Strategien spiegeln sich in der zunehmenden Verklärung der Palliativmedizin wider und es fragt sich, ob ein solches Streben nach ethischer Gleichschaltung noch humanitären Ansprüchen genügt, geschweige denn, den verfassungsrechtlichen Anforderungen standhält.

Ich meine nein und es wird nach Jahrzehnten der Debatte nahezu unerträglich, wenn stets behauptet wird, es gäbe einen nachhaltigen „Diskussionsbedarf“.

Hier scheinen die vermeintlich führenden Diskutanten die Debatte der letzten Jahrzehnte völlig ausgeblendet zu haben, wohlwissend darum, dass individuelle Grundrechte des Schwersterkrankten „schwerer wiegen“, als eine wie auch immer geartete Glaubenslehre oder Weltanschauung. Das individuelle Sterben ist keine Kollektivveranstaltung und es obliegt allein dem Schwersterkrankten, hierüber im wahrsten Sinne des Wortes die Regie zu führen!
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