Ärzte Zeitung, 10.03.2014

Schriftstellerin rudert zurück

Kinder nach IvF doch keine "Halbwesen"

Sibylle Lewitscharoff entschuldigt sich für die Bezeichnung künstlich gezeugter Kinder als "Halbwesen", an ihrer Ablehnung der Reproduktionsmedizin hält die Schriftstellerin aber fest.

BERLIN. Nach dem Eklat um ihre Dresdner Rede hat sich die Schriftstellerin Sibylle Lewitscharoff für die Bezeichnung künstlich gezeugter Kinder als "Halbwesen" entschuldigt. "Das tut mir wirklich leid, der (Satz) ist zu scharf ausgefallen. Ich möchte ihn sehr gerne zurücknehmen ", sagte sie am Freitag. "Ich würde niemals ein Kind, das auf diese Weise zur Welt kam, als fragwürdigen Menschen bezeichnen."

An ihrer grundsätzlichen Kritik an der künstlichen Befruchtung halte sie aber fest. "Ich kann ja nicht alles zurücknehmen, weil ich in vielen Dingen so denke, wie ich es geschrieben habe", sagte sie mit Bezug auf ihr Redemanuskript.

Die vielfach ausgezeichnete Schriftstellerin hatte am vorvergangenen Sonntag in Dresden mit einer Brandrede gegen künstliche Befruchtung für Empörung gesorgt.

Unter anderem hatte sie die moderne Reproduktionsmedizin mit "Kopulationsheimen" der Nazis in Zusammenhang gebracht.

"Den Kindern werfe ich überhaupt nichts vor, sie können nichts dafür, wie sie auf die Welt kamen. Ich bin aber skeptisch gegenüber den modernen medizinischen Methoden. Man sollte stärker diskutieren und sich nicht damit befrieden, dass es diese Medizin gibt - und dann tun wir es eben", sagte sie.

Ihr verursache es Unbehagen, dass auf der einen Seite Millionen Kinder in armen Regionen ein entsetzliches Leben führten, Eltern in reichen Regionen dagegen versuchten, auf künstlichem Wege Kinder zu zeugen.

Rede macht viele zornig

Lewitscharoff hatte in ihrer Rede, die Geburt und Tod zum Thema hatte, die Zeugung eines Kindes durch den Geschlechtsakt zwischen Mann und Frau als einzig akzeptablen Weg dargestellt und den Zorn von Schwulen und Lesben auf sich gezogen.

Auch die Berliner Akademie der Künste reagierte schockiert; ihr Verlag distanzierte sich ebenfalls von dem Gesagten.

Der breiten Öffentlichkeit war die Rede erst durch einen am Mittwoch veröffentlichten Offenen Brief des Chefdramaturgen des Staatsschauspiels Dresden, Robert Koall, bekanntgeworden, der Lewitscharoff gefährliche Stimmungsmache und indirekt die Verletzung der Menschenwürde vorwarf. Das Staatsschauspiel organisiert die Dresdner Reden regelmäßig in Kooperation mit der "Sächsischen Zeitung".

Lewitscharoff hatte 1998 für ihren Roman "Pong" den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten. Die Romane "Montgomery" (2003), Apostoloff" (2009) und "Blumenberg" (2011) folgten.

Zuletzt erschien als eine Art Fortsetzung ihres Erstlings "Pong redivivus" mit Illustrationen ihres Mannes Friedrich Meckseper.

Lewitscharoff erhielt unter anderem den Preis der Leipziger Buchmesse, den Kleist-Preis und 2013 den Georg-Büchner-Preis. (dpa)

[18.08.2014, 08:56:41]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Was haben Sie, ...
Herr Kollege Dr. Wolfgang P. Bayerl, inhaltlich zum Diskurs beitragen wollen, außer dass Sie die Parole "KEINE GEBÄHRMASCHINEN" ausgeben.

Denn wenn Sie einerseits sagen: "Frau Sibylle Lewitscharoff ist kinderlos, das gibt ihr kein Recht gegen Mütter zu polemisieren!", können Sie selbst doch nicht über eine Sache schwadronieren, zu der wir beide, Sie und ich, gleichermaßen nicht mal annähernd im Stande sind.

Außerdem konnte Sybille Lewitscharoff gar nicht gegen Mütter polemisiert haben, weil Sie eine gesellschaftliche Diskussion dazu angestoßen hat, was Frauen lieber tun oder eher lassen sollten, wenn sie gerade n i c h t Mütter werden können.

Die individuelle Entscheidungsfreiheit bleibt davon unberührt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
 zum Beitrag »
[15.08.2014, 13:12:15]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Dr. Thomas Georg Schätzler na klar werden Sie jetzt nieder gemacht
ärztliche Hilfe bei Tötung von Embryos (=Abtreibung) JA
ärztliche Hilfe bei Zeugung gesunder Kinder NEIN ?

Das ist das Gegenteil von Ethik, das ist antimenschliche Heuchelei.

Ihre teilweise richtigen "geschichtlichen" Rückblicke sind so relevant wie Frauenprivilegien in Deutschland begründet mit angeblicher "Frauenunterdrückung" in Indien.
Unsere gesellschaftlich-kulturelle Entwicklung hat es nun mal mit sich gebracht, dass Frauen heute später Kinder bekommen als "früher", was ja den Frauen, die das selbst wünschen selbstverständlich zugestanden werden muss. Wenn sie das denn überhaupt wollen.
Kinder ab 30 ist heute schon fast normal, darüber die Nase zu rümpfen ist schon etwas unverschämt, wenn man alles andere vorher uneingeschränkt befürwortet.
Die Verschiebung der Mutterschaft in höheres Alter ist Realität und sollte also konsequenterweise gesellschaftlich begrüßt und unterstützt werden, alle Singels und kinderlose Frauen (und Männer) brauchen das für ihre spätere Rente. "Biologischer" Forteil kann ja durchaus eine bessere Erziehung des Nachwuchses sein.
Frau Sibylle Lewitscharoff ist kinderlos, das gibt ihr kein Recht gegen Mütter zu polemisieren!
Sie übertrifft damit unsere ebenfalls mit Ehrungen überhäufte Alice Schwarzer, i git.

Und nun zur "Geschichte", die endet ja nicht im Mittelalter,
der größte Teil ereignetete sich vor der Sesshaftigkeit und hier konnten die umherziehenden Gruppen buchstäblich keine Gebärmaschinen leisten, Kinder wurden bis zu 5Jahren und länger gestillt.
In der Zeit gab es keine Regelblutung und Antibabypillen waren nicht erforderlich. Das wird ihnen auch heute jede Frau bestätigen, die länger stillt. Die fehlende Regelblutung war damals also das normale.
KEINE GEBÄHRMASCHINEN zum Beitrag »
[22.07.2014, 22:00:12]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Auch wenn viele Zeit-Genossen (und -Genossinnen?) mich jetzt niedermachen möchten ...
ich habe an Frau Sibylle Lewitscharoff einen persönlichen Brief geschrieben:

Sehr geehrte Sybille Lewitscharoff,

ich zögere immer noch, Ihnen zu schreiben. Denn ich finde, Sie haben in der menschlichen Fortpflanzung-Debatte etwas sehr kluges und "Denkt-doch-endlich-mal-nach" gesagt, aber leider viel zu früh aufgegeben. Ich bin zögerlich, weil ich Ihnen keine Vorschriften machen sollte; aber auch, weil ich den Volkszorn derjenigen fürchte, die Weisheit und "political correctness" für sich gepachtet zu haben meinen, um Andersdenkende auszugrenzen.

Ich fand Ihren Beitrag mutig, notwendig, bemerkenswert und umwälzend, einen dringend notwendigen gesellschaftlichen Diskurs anstoßend. PR-mäßig war sicher suboptimal, den primär negativ besetzten Begriff "Halbwesen" zu verwenden - doch an Gottes Allmacht, die Jungfrauengeburt Mariens und die Wiederauferstehung des wundertätigen Herrn glauben noch so viele Menschen, dass auch "Halbwesen" toleriert werden müssten. Doch befinden sich nicht Säuglinge und Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene schon seit Jahrzehnten in einer Art Halbwelt?

Sie werden nur noch wahr genommen über die reproduktiv-steuernde, induzierende, diagnostizierende und planend-katalogisierende Erwachsenen-/Elternwelt. Geschlecht, Intelligenz, Empathie, Charakter, Risikofaktoren, technischer Konzeptions-, Schwangerschafts- und Geburtsablauf bzw. perinatologisches Procedere sind vorhersehbar und vorhersagbar geworden. Kita- und Schulbesuch sind bereits vor der Geburt fest eingeplant. Die Anmeldung beim Sportverein, Studienplatzbewerbungen liegen schon vor der Entbindung in der konzeptionellen Schublade; ebenso, wer einmal die Dissertation schreiben wird.

Was ist für viele unmerklich, für kulturell Reflektierende grundlegend anders geworden?

Frauen haben 13 Ovulationen pro Jahr; Männer "bringen es" auf +/-200 Millionen Spermien pro Ejakulation. Die fertile Lebensphase von Frauen wird gesamtgesellschaftlich kontrolliert, hormonell eingegrenzt und biografisch eng austariert. Chaos, Anarchie, Lust und Begehren im Sexuellen werden hormonell technisiert und entpersonalisiert. Karriere, Macht, Einfluss und psychosoziales Anerkennungsstreben haben bei Männern traditionell und bei Frauen mit einer beispiellosen Aufholjagd sozialpsychologischen Vorrang gewonnen. Dieser Impuls hat jedoch bei beiden "Geschlechtern" (was für ein Wort?) nicht nur Gutes, sondern auch zu Frustration geronnene Sinnlichkeit entwickelt.

Menschheitsgeschichtlich war das für fast ewig andauernde Epochen völlig konträr: Frauen waren vom jugendlichen Alter an bereits 14 Tage vor der Menarche fertil bis zur Menopause. Gesamtgesellschaftliches Ziel war von der Prähistorie bis in die Neuzeit hinein, die weibliche Fertilität vom durchschnittlich 11. bis 40. Lebensjahr so schnell und repetitiv wie möglich für eine möglichst hohe Kinderzahl auszunutzen. Wenn die Frauen nicht mit 25-35 Jahren bereits im Kindbettfieber gestorben waren. Die gigantische Reproduktion von Menschen-"Material" war erforderlich, um nicht auszusterben, Vernichtungsfeldzüge zu überstehen und nicht zuletzt, um gigantische Sakral- und Herrschafts-Bauten der bekannten Hochkulturen zu errichten. Manche davon starben aus - an ökologischem Raubbau, an Klimakatastrophen, an Hybris, an logistischen Fehleinschätzungen, an Entkräftung, Überforderung, Ausbeutung, Hunger, Erschöpfung und fehlendem reproduktivem Nachschub?

Entwicklungsgeschichtlich lebten reproduktive Überproduktionen noch lange fort: Im Mittelalter mit dem institutionalisierten "jus primae noctis" der Fürsten und Lehnsherrn. Der "Lebensborn" der Nazis war ein letzter pervertierter Schachzug im allgemeinen Reproduktionszwang gegen Frauen.
Von daher ist nachvollziehbar, mit welcher euphorischen Begeisterung die perspektivische Entlastung vom Gebärzwang durch Pille, Kondome, Sterilisation, Zyklus- und Fertilitätskontrolle begrüßt und gefeiert wurden (für die pharmazeutische Industrie auch noch d a s Geschäft des Jahrtausends). Kulturgeschichtlich ist diese neue Ära aber nicht mehr als ein Wimpernschlag der Zeitgeschichte des „homo sapiens erectus“. Die Nachteile von entfremdeter Sexualität, jederzeit folgenloser Verfügbarkeit und Präsenz, die Entsinnlichung der Fortpflanzung, die Fertilität zu einem späteren Zeitpunkt „zurückholen“ zu wollen, die „Vergänglichkeit“ der reproduktiven Kompetenz besonders bei Frauen ab 40 wollte zunächst niemand hören und sehen.

Die neuen Perspektiven multidimensionaler Möglichkeiten der Reproduktionsmedizin (IVF im homologen/heterologen System, Eizellen- und Samenspende, Leih-Mutterschaft, Klonen, PID oder interventionelle Begrenzung von Mehrlingsschwangerschaften) demonstrieren die Kehrseite, dass koitale Fortpflanzung demnächst o h n e direkten ärztlichen Beistand nur noch als stigmatisierende Antiquiertheit erlebt wird. Die Generationenfolge verkommt zu medizintechnischem Procedere, der tatsächliche genitale Vollzug verliert sich in virtuellen Internet-Welten mit Austausch von Körperflüssigkeiten nur noch im Reproduktionslabor.

D a s sind die Fragen, die Sie mit Ihrem emotional reflektierenden Statement angestoßen haben. Und die die breite Masse maßlos ängstigenden, möglichen Antworten haben diese furcht- und angstgesteuerten Abwehrreaktionen in Öffentlichkeit, Medien, Politik und Feuilleton ausgelöst. Damit sollte wieder Ruhe “in diesem unseren Lande“ herrschen, mit diesen seltsam „blühenden Landschaften“ in Ost und West?

Doch dürfen Literatur, Philosophie, Kulturwissenschaften und Sozialpsychologie dazu schweigen? Dürfen Bekanntschafts-Anzeigen wie „Einsamer sucht Einsame zum Einsamen“ überhaupt noch formuliert werden? Mittlerweile ist ein Geschlechts- und/oder Zeugungsakt doch nur noch mit qualifiziertem ärztlichem Zeugnis, mit infektiologischer Unbedenklichkeitsbescheinigung in Bezug auf HIV, Hepatitis A+B+C, Chlamydien, humanen Papilloma-Viren (HPV) und dem Ausschluss traditioneller sexuell übertragbarer Erkrankungen wie Lues, Gonorrhoe und haftungsrechtlichen Verzichtserklärungen „lege artis“ möglich.

Dass die Zeiten romantischer Liebesschwüre, die Tragik von Romeo und Julia, die Entsagung von Königin Elisabeth I., die Dramatik von Porgy and Bess längst vorbei sind, merken wir daran, dass es nicht mehr heißt: „Gehen wir zu mir oder zu Dir?“ sondern „kennst Du einen guten Reproduktionsmediziner?“

In der Hoffnung, dass ich Sie mit meinem Schreiben nicht zu sehr genervt und doch wenigstens etwas amüsiert habe, verbleibe ich mit freundlichen Grüßen
Ihr Thomas G. Schätzler

Dr. med. Thomas G. Schätzler
Facharzt für Allgemeinmedizin
Kleppingstr. 24
44135 Dortmund
 zum Beitrag »
[22.07.2014, 18:24:13]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Das mit den "Preisen" kennen wir doch ...
... unsere von allen geliebte (homo-) Alice hat ja das Bundesverdienstkreuz bekommen,
für dem Kampf um die Abtreibung auf AOK-Kosten,
und den Kampf gewonnen.
Sibylle Lewitscharoff wollte hat Alice noch übertreffen.
"Wut" ist ja ethisch inzwischen ein hohe Qualifikation,
nur bei Frauen natürlich. zum Beitrag »

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Luftschadstoffe beeinträchtigen viele Organsysteme

Die Lunge gilt zwar als Eintrittspforte für Schadstoffe aus der Luft, kurz- und langfristige Gesundheitsschäden scheinen jedoch vor allem im Herzkreislaufsystem aufzutreten. mehr »

Kompromiss im Tauschhandel?

18:31 Kaum verkündet, war der Kompromiss zur Pflegeausbildung auch schon wieder vom Tisch. Doch jetzt soll der Koalitionsausschuss eine Einigung bringen. Offenbar bahnt sich ein Handel zwischen CDU und SPD an. mehr »

Für die Union ist Substitution von Ärzten kein Tabu

Nichtärztliche Gesundheitsberufe sollen stärker in die Versorgung eingebunden werden, fordert die Union. Ärztepräsident Montgomery benennt die Fallstricke für solche Pläne. mehr »