Ärzte Zeitung App, 27.03.2014

Singapur

Trinkwasser aus Abwasser

Milliarden Menschen haben nicht genug Trinkwasser. In Ballungszentren wächst das Problem. Der Stadtstaat Singapur hat eine Lösung: Trinkwasser aus Abwasser. Kritiker warnen vor einer Katastrophe.

Trinkwasser aus Abwasser

Vor der Newater-Fabrik der Wasserwerke Singapur: Hier wird aus Abwasser Trinkwasser.

© PUB, Singapore’s national water agency/dpa

SINGAPUR. Das kleine Mädchen rümpft zuerst die Nase, und auch die Mutter schaut ganz skeptisch: Die Tochter soll das Wasser aus der Flasche mit dem lustigen Aufkleber kosten - es sei lupenrein, wenn auch aus Toiletten- und anderem Abwasser hergestellt, beteuert die Betreuerin im Besucherzentrum der Newater-Fabrik in Singapur.

Dann setzt die Kleine an. Und in der Tat: "Das schmeckt ja nach nichts", sagt sie erleichtert. So soll es auch sein.

Singapur feiert den Weltwassertag am kommenden Samstag, jedes Jahr mit Wassersport und Aufklärungskampagnen. Jeden Tropfen Wasser mehr als einmal nutzen, ist die Losung der staatlichen Wasserwerke PUB. Der asiatische Stadtstaat ist Vorreiter der Aufbereitung von Abwasser zu Trinkwasser.

Aus gutem Grund: Das winzige Land fast am Äquator - knapp so groß wie Hamburg - ist zwar mit Regen reich gesegnet, doch fehlt der Platz für Wasserreservoirs. Das gebrauchte Wasser zu recyceln war naheliegend.

Die Akzeptanz in der Bevölkerung ist allerdings so eine Sache. "Dabei ist ja auch Regen nichts anderes als recyceltes Abwasser", sagt die Führerin im Besucherzentrum. Trotzdem fließt auch in Singapur "Newater" - eine Wortspielerei mit "New" (neu) und "Water" (Wasser) - nicht direkt aus den Wasserhähnen.

Der Großteil wird laut PUB in der Industrie, etwa in der Halbleiterproduktion, oder in Klimaanlagen in öffentlichen Gebäuden verwendet. Aber ein kleiner Teil wird auch in die Trinkwasser-Reservate geleitet. Abgefülltes Newater-Wasser gibt es nur im Besucherzentrum.

Singapur begann mit dem "Trinkwasser aus der Kanalisation" 2003. Ein Drittel des Abwassers der 5,7 Millionen Einwohner wird bereits aufbereitet. Das Abwasser wird aus den Wohnsiedlungen durch 48 Kilometer Tunnel zur Aufbereitungsfabrik geleitet. Dort werden täglich 273.000 Kubikmeter "Newater" produziert.

Auch Australien wirbt für das Konzept

Das Wasser wird durch Mikrofilter und Membranen gepresst sowie ultraviolett bestrahlt. Diesen Prozess veranschaulicht die Führerin im Besucherzentrum mit einem Vergleich: "Wenn die Wassermoleküle, die durch die Membranen gehen, so groß wie Tennisbälle wären, wäre ein Östrogenhormon im Vergleich dazu so groß wie ein Fußball, ein Virus so groß wie ein Lkw und ein Bakterium so groß wie ein Haus", sagt sie. "Nichts davon kann durch die feinen Membranen dringen."

Wasser ist in vielen Teilen der Welt knapp. Vier Milliarden Menschen weltweit haben nicht genügend Trinkwasser. Die Landflucht macht das Problem in den größer werdenden Metropolen besonders dringend.

Eine Meerwasser-Entsalzungsanlage brauche dreimal so viel Energie pro Liter Trinkwasser wie die Newater-Produktion, sagen die Singapurer.

Orange County im US-Bundesstaat Kalifornien tut es den Singapurern gleich. Australien wirbt für das Konzept, aber der Widerstand in der Bevölkerung ist noch groß. "Die Auflagen für aufbereitetes Wasser sind höher als für Trinkwasser", sagte Tim Fletcher, Direktor des Instituts für nachhaltige Wasserressourcen an der Monash Universität in Melbourne, dem Sender ABC.

"Wenn wir aufbereitetes Wasser trinken, können wir sicher sein, dass die Qualität mindestens so hoch ist wie bei dem Trinkwasser, das wir heute bekommen, wenn nicht höher."

Der Mikrobiologe und Spezialist für ansteckende Krankheiten Peter Collignon nennt das Konzept "unverantwortlich". "Das Potenzial katastrophaler Folgen für die öffentliche Gesundheit ist da, wenn irgendetwas in diesem komplexen und risikobehafteten (Reinigungs-)Prozess schief geht", warnt er. (dpa)

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[27.03.2014, 14:13:58]
Dr. Horst Grünwoldt 
Trinkwasser-Aufbereitung
Gewiß läßt sich (fast) jedes Gewässer mehr oder weniger aufwendig und kostenintensiv zu Brauch- oder sogar Trinkwasser aufbereiten.
Der reiche Stadtstaat Singapur, der seine Bevölkerung in vielfacher Hinsicht subventioniert oder sogar alimentiert, sollte aber ebenfalls an bewährten Methoden der Tinkwasser-Versorgung und Abwasser-Entsorgung interessiert sein.
Wie in allen tropischen Ländern, gibt es auch dort saisonal eine Zeit des Niederschlags-Überschusses (Regen-/Monsun-Periode) und eine der Trockenzeit. Da heißt es, Vorratswirtschaft auch im lebensnotwendigen Wasserbereich zu treiben.
Wo es nicht die geographische Möglichkeit von Stauseen gibt, sollten die klassischen ober- oder unterirdischen, auf Meeresinseln vielleicht auch schwimmenden Regen-/Süßwasser- Zisternen als Speicherbehältnisse dienen.
Das Regenwasser muß bekanntlich mit dem geringsten Aufwand nutz- und trinkbar gemacht werden, um es von chemischen und mikrobiologischen Kontaminationen zu befreien. Das dürfte bei vielfältig verunreinigten Abwasser schon weitaus schwieriger und teurer, und sogar permanent gesundheitlich risikobehaftet, sein.
Schließlich finden in den warmen Regionen der Welt mit mangelnder Abwasser- und Umwelthygiene immer noch Dreiviertel aller Tropenkrankheiten ihren Infektions- Weg bei Menschen und Tieren via stagnierendes oder fließendes Oberflächenwasser.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock zum Beitrag »

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