Ärzte Zeitung, 04.04.2014

Mix an Praktiken

Die Wunderwelt der Medizin in Vietnam

In Vietnam existieren spirituelle Praktiken mitunter gleichberechtigt neben traditioneller und westlicher Medizin. Nicht selten werden die drei Methoden ergänzend angewandt - zumindest für die Menschen, die es sich leisten können.

Von Nora Luttmer

Die Wunderwelt der Medizin in Vietnam

Verkaufsstand für traditionelle Heilkräuter in Hanoi.

© Kirsten Endres

Tellergroße linh chi-Pilze hängen in offenen Ladentüren. Auf den Gehwegen stehen Säcke mit Bocksdorn-Beeren, getrockneten Longan-Früchten und Weidenborke. Ein süßlich-herber Geruch hängt in der Luft. Die Lan-Ong-Gasse in der Altstadt von Hanoi ist die Gasse der traditionellen Medizin.

"Wir kennen mehrere tausend Heilkräuter", sagt die 82-jährige Vu Thi Nho, die einer Apothekerfamilie entstammt, in der das Wissen von Generation zu Generation weitergegeben wird. "Sie sind die Grundlage für unsere Medizin."

Während der tausendjährigen chinesischen Herrschaft über die Region im heutigen Nordvietnam (111 vor Christus bis 938 nach Christus) wurde die vietnamesische Medizin stark von der chinesischen beeinflusst.

Wie auch in China werden Krankheiten als ein Ungleichgewicht zwischen am und duong (entsprechend den chinesischen yin und yang) interpretiert, das die Lebensenergie hemmt.

Schlechte Winde im Körper

Nora Luttmer

Jahrgang 1973, lebt als freie Autorin in Hamburg. Sie hat Südostasienkunde mit dem Schwerpunkt Vietnam studiert und hält sich seit Mitte der 1990er Jahre regelmäßig in Hanoi auf.

Im Dezember 2013 ist im Berliner Aufbau Verlag Nora Luttmers zweiter Kriminalroman um den Hanoier Kommissar Ly erschienen: "Der letzte Tiger". Darin geht es um ein Riesengeschäft: wilde Tiere als Heilmittel, Aphrodisiakum und Delikatesse.

Nora Luttmer: Der letzte Tiger. Kriminalroman. Broschur, 288 Seiten, ISBN 978-3-7466-2961-2, 9,99 Euro, Aufbau Verlag, Berlin

www.noraluttmer.de

Um die Balance wieder herzustellen, verschreiben die Ärzte nach alten Rezepten hergestellte Medikamente. Ein weiterer Weg zurück zum Gleichgewicht sind Praktiken wie Akupunktur, Moxibustion oder trung gio, wörtlich "Wind fangen".

Dabei wird eine Münze über die Haut gerieben, bis Blutergüsse entstehen. So sollen schlechte Winde, die im Körper alles durcheinander gebracht haben, ausgetrieben werden.

Eine zentrale Rolle spielt die Ernährung. Ebenso wie Stress kann sie das Gleichgewicht beeinflussen. Nahrungsmitteln werden die Eigenschaften heiß und kalt zugeschrieben, was nichts mit der Temperatur oder der Würze zu tun hat, sondern mit der Wirkung des Essens auf den Körper.

Schwere Speisen wie Frittiertes, aber auch Eiscreme, sind heiß; Lotoskerne und Wasserschnecken, Kürbis und Entenfleisch kalt. Über das Essen ist Gesundheitspflege tief im alltäglichen Leben verwurzelt.

"Die traditionelle Medizin können wir in der Regel erfolgreich zur Behandlung von chronischen Leiden einsetzen. Sie stärken das Immunsystem und die allgemeine Gesundheit", sagt Tran Quoc Binh, Leiter des Nationalen Krankenhauses für Traditionelle Medizin in Hanoi.

Ho Chi Minh hatte eine Botschaft

In westlicher Medizin ausgebildete Ärzte wie Nguyen Ngoc Thanh betrachten die traditionelle Branche kritischer. "Ich denke, die Behandlung mit traditioneller Medizin ist oft zu langwierig", erklärt er. "Aber natürlich gibt es Krankheiten wie Grippe oder Gliederschmerzen, gegen die Heilpflanzen hervorragende Wirkung erzielen."

Ho Chi Minh hatte 1955 dazu aufgerufen, die westliche und traditionelle Medizin so gut es geht zu kombinieren, um die bestmögliche Gesundheitsversorgung für das Volk zu erreichen. Vietnam ist eines der wenigen Länder, in dessen nationalem Gesundheitssystem die traditionelle Medizin eine wesentliche Rolle spielt.

Dabei geht es nicht zuletzt ums Geld. Immer noch haben große Teile der Bevölkerung, vor allem auf dem Land, nur einen begrenzten Zugang zu westlicher Medizin. Denn traditionelle Medizin - so das Sprichwort - kostet ein Huhn, westliche Medizin einen Büffel, ein Krankenhausaufenthalt eine ganze Büffelherde.

Finanziell besser situierte Vietnamesen entscheiden von Fall zu Fall, welchen Arzt oder Heiler sie in Anspruch nehmen. Bei akuten Problemen ist dies meist der in westlicher Medizin ausgebildete Arzt. Bei chronischen Krankheiten greift man lieber auf den traditionellen Arzt zurück. Bei psychischen und psychosomatischen Leiden werden spirituelle Heiler hinzugezogen.

Götter, Geister, Ahnen

Die Wunderwelt der Medizin in Vietnam

Thaoistischer Zeremonienmeister behandelt Patientin mit Albträumen.

© Kirsten Endres

Auf dem Altar liegen gekochte Hühner, Mangos und Geldscheine - vietnamesische Dong und amerikanische Dollar. Geschenke für die Gunst aus der spirituellen Welt. Der taoistische Zeremonienmeister, der thay cung, wirbelt mit den Armen, glühende Räucherstäbchen in den Händen.

Er trägt eine rote Robe und einen Hut in Lotusform. Hinter ihm sitzt Frau Ha. Die junge Frau leidet unter Albträumen und Panikattacken. Ha praktiziert wie ein Großteil der Vietnamesen eine Verschmelzung von Konfuzianismus, Buddhismus und Taoismus. Für sie ist die jenseitige Welt bevölkert von Göttern, Geistern und Ahnen.

Wie in der diesseitigen Welt gilt auch hier die Devise, dass man sich Wohlwollen mit Geschenken erkauft. Und die Hilfe der Götter, Geister und Ahnen hat sie gerade dringend nötig. Denn vermutlich haben sie bei ihrem Leiden die Finger im Spiel.

"Psychische und psychosomatische Krankheiten werden in Vietnam oft der spirituellen Welt zugeordnet und dementsprechend behandelt", sagt Kirsten Endres, Ethnologin am Max Planck Institut für ethnologische Forschung in Halle.

Ein einheitliches Konzept, was zu tun ist und welcher Ritualexperte zu Hilfe geholt wird, gibt es nicht. Bei Frau Ha ist es der thay cung, der ihr Schicksal zum Besseren wenden soll. Es hätte genauso gut ein buddhistischer Mönch sein können. Oder ein Geomant, der vielleicht empfehlen würde, die Gräber der Ahnen umzulegen.

Die Ahnen sollten sowieso ab und an befragt werden, ob es ihnen an nichts fehlt. Sind sie unzufrieden, können sie im Leben ihrer Nachfahren einiges aus dem Gleichgewicht bringen. Es gibt kaum jemanden, der nicht regelmäßig aus Papier gebastelte Hondas, Handys und andere Konsumgüter für sie verbrennt. Per Rauchpost in den Himmel.

Kostüme für die Gesundheit

"Wenn einmalige Zeremonien nicht helfen, wird möglicherweise eine karmische Schuld gegenüber der Götterwelt diagnostiziert. Diese kann nur dadurch abgetragen werden, indem man selbst zum Medium wird und mindestens einmal im Jahr ein sogenanntes len dong-Ritual abhält", sagt Endres. Dabei muss ein Medium verschiedene Gottheiten verkörpern, inklusive aufwändigen Kostümen und Opfergaben.

"Das ist dann aber eine noch viel kostspieligere Angelegenheit, für die sich viele hoffnungslos verschulden." Nicht das, woran Ho Chi Minh gedacht hat, als er von der bestmöglichen medizinischen Versorgung für das Volk gesprochen hat. Er hat solche spirituellen Rituale dem Aberglauben zugerechnet.

Bis in die frühen 1990er Jahre versuchten die kommunistischen Machthaber, derartige "rückständige Sitten", wie man sie nannte, auszurotten. Mit wenig Erfolg. Heute ist es auch für einen modernen Städter nicht unüblich, eine Krankheit als Zusammenspiel von spirituellen Faktoren, innerem Ungleichgewicht und einer akuten Infektion zu interpretieren.

Dann lassen sich aus Sicht dieser Menschen Behandlungen aller drei Modelle - traditionell, westlich und spirituell - vereinen, um den maximalen Nutzen für die Gesundheit zu erreichen.

Bestialische Jagd auf das Rhino-Horn

Die Wunderwelt der Medizin in Vietnam

In Vietnam kursiert das Gerücht, das Horn des Nashorns könne Krebs heilen.

© dpa

Der kommerzielle Handel mit vom Aussterben bedrohten Tieren ist in Vietnam verboten. Doch der Glaube an wundersame Heilkräfte hat fatale Folgen.

Leberkranke trinken Bärengalle. Auf Brandwunden trägt man ein Pulver aus Stacheltier-Stacheln und Kurkuma auf. Zu einer zähen Paste eingekochte Tigerknochen werden gegen rheumatische Beschwerden eingesetzt. Der Schlange werden heilende Kräfte bei Hautkrankheiten und Rückenschmerzen nachgesagt. In Alkohol eingelegt soll das Reptil die Potenz steigern.

Vor 20 Jahren hat Vietnam das Washingtoner Artenschutzübereinkommen unterschrieben. Der kommerzielle Handel mit vom Aussterben bedrohten Arten ist verboten. Verkäufern wie auch Konsumenten drohen bis zu sieben Jahren Haft und hohe Geldstrafen. Dennoch ist die Nachfrage größer denn je.

"Die Nachfrage wird angeheizt vom neuen Wohlstand", sagt Vu Thi Quyen, Gründerin der Artenschutzorganisation Education for Nature Vietnam (ENV). Viele Menschen können sich heute Produkte wie Tigerknochenpaste leisten. "Die Leute sind schlecht oder falsch informiert", so die Artenschützerin.

Das beste Beispiel sei das Horn des Nashorns. Die traditionelle Medizin kennt das pulverisierte Horn als Mittel zur Fibersenkung, sonderlich gefragt war es jedoch nie. Es gab immer bessere und günstigere Alternativen. Doch dann kam vor einigen Jahren das Gerücht auf, Nashorn-Horn helfe gegen Kater und vor allem: Es könne Krebs heilen. Seitdem ist Vietnam zum weltweit größten Absatzmarkt geworden.

Was für die einen die Modedroge gegen Kater und mitunter ein Statussymbol ist, ist für die anderen die letzte Hoffnung, den Krebs zu überleben. In Vietnam erliegen sehr viele Kranke ihrem Krebsleiden. Bei akuten Krankheiten suchen zwar alle, die es sich irgendwie leisten können, ein reguläres Krankenhaus auf.

Aber die Chance, dort rechtzeitig eine Therapie zu erhalten, ist gering, nicht zuletzt, weil die technischen Voraussetzungen fehlen. So stehen im ganzen Land mit seinen rund 90 Millionen Menschen gerade einmal 25 Geräte zur Strahlenbehandlung bereit. Da wundert es nicht, dass auf dem Schwarzmarkt in Hanoi aktuell rund 6800 Euro pro 100 Gramm Rhino-Horn gezahlt werden, mehr als für Gold.

Der Nachschub kommt vor allem aus Südafrika, wo 2012 bereits 668 Nashörner von Wilderern getötet wurden. Die Nachfrage wächst dramatisch. Weit über 700 waren es im vergangenen Jahr. Zum Vergleich: von 2000 bis 2007 waren es insgesamt 120 Tiere. Auch durch Museen und zoologische Sammlungen ziehen die Diebe inzwischen auf der ganzen Welt, um ausgestopften Exemplaren die Hörner abzuschlagen.

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