Ärzte Zeitung, 12.06.2014

Katzenmeiers Analyse zur Fußball-WM

Die Sorgen des Physiotherapeuten

Kaum einer kennt die deutsche Nationalelf so gut wie Adolf Katzenmeier. Von 1974 bis 2008 saß er als Physiotherapeut bei vielen Turnieren mit auf der Trainerbank. Für die "Ärzte Zeitung" beschreibt Katzenmeier, was er vom deutschen Team bei der WM in Brasilien erwartet.

Von Adolf Katzenmeier

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Zwei, die sich immer gut verstanden haben: Adolf Katzenmeier (r.) und Nationalspieler Lukas Podolski.

© Sven Simon / dpa

Du siehst, wie ein Spieler stürzt und hast sofort eine Ahnung, um welche Verletzung es sich handeln könnte. Als Marco Reus am vergangenen Freitag beim Länderspiel gegen Armenien nach einem Zweikampf unglücklich stürzte, da saß ich vor dem Fernseher und habe sofort an einen Syndesmoseriss gedacht.

Die Art des Sturzes legte das einfach nahe. Der Fuß knickt um, der Körper fällt mit seinem kompletten Gewicht nach - und das war's. Schade für Reus und die Mannschaft, aber er ist jung und er wird eine neue Chance bekommen. Andere Spieler haben vor ihm ähnliche Erfahrungen gemacht.

Ich erinnere mich an Olaf Thon, der mit einem Muskelfaseranriss in der Wade zur Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko angereist war. Wir hatten damals keinen Zweifel: Wir würden Olaf rechtzeitig fit machen fürs Turnier. Den Faseranriss hatten wir im mittleren Teil der Wade lokalisiert, beim Training legten wir dem Mann von Schalke 04 einen aufwändigen sogenannten Hülsenverband an, bei dem der Fuß frei bleibt.

Doch dann kam die böse Überraschung: Bei einer Drehbewegung, vermutlich durch einen Stoppeffekt der Stolle ausgelöst, riss die Muskelfaser erneut - exakt an derselben Stelle. Das war's für Olaf, frustriert reiste er aus Mexiko ab, ohne einen einzigen Einsatz.

Die Zeit heilt viele Wunden. Genau vier Jahre später sehe ich ihn bei der WM 1990 in Turin anlaufen. Im Kampf um den Einzug ins Finale kann er als letzter deutscher Schütze beim Elfmeterschießen gegen England den Weg ins Endspiel ebnen. Treffer, Sieg. Millionen Zuschauer an den Fernsehern jubeln - so schön kann Fußball sein.

Fast alles deutet darauf hin, dass Manuel Neuer nach seiner Schulterverletzung im deutschen Kasten stehen wird. Dass er so schnell wieder fit geworden ist, ist ohne Zweifel dem tollen Einsatz der medizinischen Abteilung des DFB und dem Physiotherapeutenstab zu verdanken.

Ein wenig Sorgen mache ich mir dennoch: Die Schultern sind für den Torwart von fundamentaler Bedeutung, hoffentlich geht alles gut.

Klar ist, dass es bei der WM in Brasilien viele Hitzeschlachten geben wird. Ich erinnere mich noch gut an die WM 1994 in den USA, als Deutschland gegen Südkorea in Dallas bei etwa 50 Grad Celsius auf dem Platz spielte. Und man darf nicht vergessen, dass uns auch 2006 bei der WM im eigenen Land die Hitze stark zu schaffen machte.

Die USA werden und zu schaffen machen

Unser damaliger Trainer Jürgen Klinsmann hatte eine Botschaft für die Spieler parat, die ihm so wichtig war, dass er sie überall, selbst auf den Toiletten unseres Quartiers aushängte: Sie lautete: "Trinken, trinken, trinken!"

In Brasilien wird die Botschaft von Jogi Löw und dem Betreuerstab kaum anders sein. Vor vielen Jahren war ich dort mit unserer Nationalmannschaft auf einer Länderspielreise. Die Temperaturen sind extrem hoch - ebenso wie die Luftfeuchtigkeit. Die Verdunstung des Schweißes ist der wichtigste Mechanismus, um Überhitzung zu vermeiden.

Bei hoher Luftfeuchtigkeit ist die Luft weitgehend mit Wasserdampf gesättigt, deshalb kann weniger Schweiß verdunsten. Er läuft am Körper herab. Das hat gravierende Folgen für die Leistungsfähigkeit. Doch unsere Jungs werden das in Griff bekommen.

Es gibt ein Spiel unserer Mannschaft in der Vorrunde, dem ich mit einiger Sorge entgegensehe. Es ist die Begegnung gegen die USA. Jürgen Klinsmann wird sein Team optimal gegen uns einstellen. Und man darf nicht vergessen, dass er mit Berti Vogts einen hochkompetenten Berater an seiner Seite hat. Dieser Gegner wird uns schwer zu schaffen machen.

2008 habe ich meine Arbeit für den DFB beendet. Zwei Spieler aus dieser Zeit sind auch heute noch im Team, an die ich mich besonders gerne erinnere. Da ist zum einen mein Freund Lukas Podolski, der mir gegen Armenien sehr gut gefallen hat, und da ist Miroslav Klose, dem ich herzlich zum 36. Geburtstag gratuliere. Unglaublich, wie er in diesem Alter noch so tolle Leistungen bringen kann.

Am Ende wird in Brasilien nicht das Können allein Maßstab für den Erfolg sein. Im Halbfinale und Finale entscheiden Kleinigkeiten - und ein wenig Glück gehört auch dazu.

Zweimal - 1974 und 1990 - durfte ich als Physiotherapeut an der Seitenlinie mit dabei sein, als Deutschland Weltmeister wurde. Wir können es auch diesmal packen. Ich drücke unseren Jungs und dem gesamten Betreuerstab die Daumen!

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