Ärzte Zeitung, 18.07.2014

Reiterhof

Urlaub von Schmerz und Leid

Auf einem Reiterhof in Nordhessen schöpfen Kinder neuen Mut. Die Freizeit mit den Tieren lässt sie die Strapazen langwieriger Krebstherapien vergessen.

Von Per Schröter

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Nach dem Frühstück und nach dem Mittagessen steht für die Kinder in der Freizeit Reiten auf dem Programm.

© Per Schröter

GROSSALMERODE. "Das gehört nun mal dazu", sagt Mirco mit einem Lächeln im Gesicht. Obwohl der Zwölfjährige eine große Schaufel voller Mist vor sich her trägt, leuchten seine Augen. Ihm macht die Arbeit mit den Pferden sichtlich Spaß.

Und als Mirco wenig später auf dem Rücken seiner Lieblingsstute Loona sitzt und der Ausritt endlich beginnt, könnte die Welt für ihn kaum schöner sein.

Das war bis vor Kurzem noch anders. Wie die meisten der übrigen 17 Kinder im Alter zwischen sechs und 14 Jahren, die eine Woche auf dem Reiterhof Hirschberg im nordhessischen Großalmerode verbringen, litt auch Mirco an Krebs.

Die Kinder sind Patienten der onkologischen Unikliniken in Köln und Bonn. Sie haben lange Klinikaufenthalte hinter sich. Einige von ihnen waren an Leukämie erkrankt, andere an Hirntumoren.

Nach der langwierigen Chemotherapie gelten Mirco und die anderen Teilnehmer zwar als kuriert, aber die Zeit im Krankenhaus war für ihre Familie und sie selbst extrem belastend. "Hier machen die Kinder erstmals wieder Urlaub vom Schmerz", sagt Sozialpädagoge Matthias Vogt, Förderkreis für krebskranke Kinder und Jugendliche aus Bonn.

Wie sein Kollege Dirk Zurmühle vom Förderverein für krebskranke Kinder Köln und Kunsttherapeutin Sabine Dick ist Vogt seit Jahren als Betreuer bei den Reiterfreizeiten dabei. "Wir erleben häufig, dass der Umgang mit den Tieren die Kinder wieder enorm mobilisiert", so Vogt.

"Wenn wir von Zuhause wegfahren, haben wir viele kleine Mäuse im Bus sitzen, wenn wir zurückkommen, sind sie alle groß und stark", meint Sabine Dick. Die Arbeit mit den Pferden und das Wegsein von Zuhause bringe viel für das Selbstvertrauen der Kinder.

Eltern genießen die Zeit

"Für viele Eltern ist es enorm schwer, für diese Zeit loszulassen und ihre Kinder nach einer so schweren Zeit mit einer derart engen Bindung plötzlich nicht mehr um sich zu haben", sagt Vogt. Aber auch sie lernten das nach einigen Tagen schätzen und genössen es, wieder einmal etwas Zeit für sich alleine zu haben.

Auf dem Reiterhof Hirschberg ist der Tagesablauf für die Kinder stets gleich. Nach dem gemeinsamen Frühstück treffen sie sich mit zwei Reitlehrerinnen und besprechen, welche Pferde an diesem Tag geritten werden und welches Programm ansteht. Zur Wahl stehen Reiten auf dem Reitplatz (oder bei schlechtem Wetter in der Halle), Voltigieren oder ein Ausritt.

Nach dem Mittagessen geht es in die nächste Reit-Runde, wobei das Striegeln und Aufzäumen der Tiere immer dazugehört. "In den Pausen beschäftigen sich die Kinder am liebsten noch mit den anderen Tieren auf dem Hof", sagt Vogt. Abends wird gespielt, gegrillt oder eine Disco veranstaltet, für die sich die Mädchen besonders schick machen.

Seit 1993 veranstalten die beiden Fördervereine die Freizeiten, finanziert werden sie seither vom Arzneimittelhersteller Grünenthal sowie über weitere Spenden.

Das Projekt startete zunächst ausschließlich mit jungen Patienten der Uniklinik Köln, seit 1995 sind auch Patienten der Bonner Klinik dabei. Insgesamt haben bereits 370 Kindern teilgenommen.

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