Ärzte Zeitung App, 04.09.2014

Ebola

Kein Raum für andere Patienten

Ebola beansprucht die ohnehin raren Gesundheitszentren in den betroffenen Regionen Afrikas für sich. Für Gebärende oder für Patienten, die eigentlich leicht zu behandeln wären, ist kein Platz mehr.

Von Andrea Barthélémy

BERLIN. Tag für Tag klopfen hochschwangere Frauen beim Ebola-Notfallzentrum von Ärzte ohne Grenzen (MSF) in Monrovia an und bitten verzweifelt um Hilfe. Sie kommen nicht wegen einer möglichen Ebola-Infektion. Die Frauen wissen schlicht nicht, wo sie ihr Kind zur Welt bringen sollen.

In Liberias Hauptstadt liegt das öffentliche Gesundheitswesen am Boden, viele Krankenhäuser sind geschlossen. Das Personal ist selbst an Ebola erkrankt oder geht nicht mehr zur Arbeit - aus Angst, selbst zu erkranken.

Eine fatale Situation, sagen die Helfer. "Das hat zur Folge, dass es nun auch immer mehr Menschen gibt, die an behandelbaren Krankheiten wie Malaria oder Durchfall sterben. Und bei Geburten gibt es kaum noch Möglichkeiten für Kaiserschnitte", sagt Mariano Lugli, Direktor für Internationale Einsätze der Hilfsorganisation.

 Viele Schwangere entbinden aus Angst vor Ansteckung gleich zu Hause und ohne ärztliche Hilfe. "Aber bei Komplikationen haben sie keine Chance. Auch viele Babys sterben deshalb während oder kurz nach der Geburt", sagt Lugli.

Als die Seuche vor Monaten in Guinea ihren Anfang nahm, wurden dort viele lokale Gesundheitsstationen zunächst bewusst geschlossen.

"Denn viele Leute steckten sich dort aus Unwissenheit an. Erst mussten die Helfer trainiert und Schutzmaterial bereitgestellt werden", berichtet Lugli, der im April selbst in Guinea im Einsatz war. Doch mit der schnellen Ausbreitung ließ sich kaum Schritt halten.

In Guinea hat sich die Lage momentan etwas stabilisiert, in Liberia und Sierra Leone aber schaukelt sie sich weiter hoch. Allein in der Kalenderwoche 35 wurden Hunderte Neuinfektionen registriert - und die Dunkelziffer ist hoch. "In Monrovia etwa kennen wir wahrscheinlich nur ein Drittel der Infektionen", sagt Lugli.

Schon jetzt platzt die jüngst aufgebaute 120-Betten-Isolierstation aus allen Nähten, wurde auf 160 Betten erweitert - und muss dennoch Patienten abweisen. Sie ist eines von fünf speziellen Ebola-Behandlungszentren, die MSF in Guinea, Sierra Leone und Liberia betreibt - und damit bisher ganz allein vor Ort aktiv ist.

Neue Strategien für Angehörige

"Am schwierigsten ist es, dort Kinder zu behandeln. Man kann wegen der Schutzanzüge wenig Kontakt zu ihnen herstellen und muss sie von ihrer Familie trennen. Das ist schlimm. Manche Infizierte kommen ja auch in einem noch guten Zustand zu uns, können noch laufen. Doch dann verschlechtert sich ihre Situation rapide, sie sterben in der Isolation", sagt Lugli.

Jetzt arbeitet die Hilfsorganisation an neuen Strategien, um die Angehörigen einzubinden und den Kontakt zu den Erkrankten zu ermöglichen. "Aber dazu brauchen wir dringend mehr Manpower", betont er.

"Nach einem Erdbeben wäre es undenkbar, dass es nur so wenige Orte gibt, an denen Frauen sicher ihr Kind zur Welt bringen oder auch Menschen mit lebensbedrohlichen Erkrankungen behandelt werden können", sagt auch Lindis Hurum, die Notfallkoordinatorin der Hilfsorganisation in Monrovia.

"Das ist nicht nur ein Ebola-Ausbruch. Es ist ein humanitärer Notfall und erfordert die gesamte Skala humanitärer Hilfe", stellte Hurum klar .

Die WHO habe trotz Warnungen viel zu spät reagiert. Jetzt müssten die westlichen Regierungen sich dringend einschalten, fordert MSF.

"Das, was die Vereinten Nationen oder Nichtregierungsorganisationen hier leisten können, reicht nicht aus. Die Seuche ist immer drei Schritte voraus. Wir brauchen dringend Menschen mit Expertise, die anpacken und schnell neue Isolierstationen aufbauen und auch betreiben können", fordert Lugli. "Wir haben schon viel zu viel wertvolle Zeit verloren", so ihre Kritik.

Jan Eliasson, Vize-Generalsekretär der UN, hat unterdessen klargestellt, dass der Ebola-Ausbruch in Westafrika eine der schwersten Gesundheitskrisen sei, die die Vereinten Nationen je zu bewältigen hatten. (dpa)

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