Ärzte Zeitung, 12.09.2014

Extra-Kurs

Prostituierte und der Sex mit Behinderten

Noch nie einen Kuss, Zärtlichkeit oder auch Sex erlebt zu haben - das ist für nicht wenige Menschen mit einer Behinderung normal. Speziell ausgebildete Prostituierte helfen ihnen, diesen Teil des Lebens für sich zu entdecken.

Von David Ganek

Prostituierte und der Sex mit Behinderten

Prostituierte "Karin Engel" liebkost den behinderten Roland.

© Ebener / dpa

NÜRNBERG. Roland ist 60 Jahre alt. Vor wenigen Monaten hatte er zum ersten Mal in seinem Leben Sex. Denn Roland ist behindert. Für Menschen mit Handicap ist es oft normal, noch nie einen Kuss bekommen oder gar mit jemandem geschlafen zu haben.

Helfen kann ihm nun eine Prostituierte. Karin Engel machte im vergangenen Jahr bei einem Kurs mit, den die Beratungsstellen Pro Familia und Kassandra in Nürnberg organisiert hatten. Darin lernte sie, worauf sie beim Sex mit Behinderten achten muss.

Mit einer Größe von zwei Metern ist Roland (Name geändert) für manche Menschen schon furchteinflößend groß. Wenn er spricht, dann nicht mehr als einen sorgfältig überlegten Satz.

Er hat nie gelernt, wie das funktioniert: Eine Frau ansprechen, mit ihr einen Kaffee trinken gehen, ihre Hand halten. Roland hatte keine Kindergarten-Freundin und auch keine Jugendliebe.

"Willst du Geschlechtsverkehr?"

Auf andere Menschen einzugehen, zuzuhören, Bedürfnisse zu erkennen und aufzugreifen - das ist ihm fremd. "Einmal in der Lebenshilfe", erinnert Roland sich, "da gab es eine Frau". Die hat ihm gefallen. Seine Frage, die erste und einzige: "Willst du mit mir Geschlechtsverkehr machen?"

Roland ist körperlich und geistig behindert. Als seine Mutter vor 20 Jahren starb, nahm ein befreundetes Ehepaar den damals 40-Jährigen auf.

Sie hielten ihn jedoch wie ein gefährliches Tier hinter Stahltür, Riegel und Vorhängeschloss auf dem Dachboden. Nur zum Arbeiten durfte Roland raus. Das Gehalt steckte das Paar bis auf ein kleines Taschengeld für sich ein.

Als sie nicht mehr mit ihm zurechtkamen, ließen sie Roland einweisen. Das Gericht bestimmte Beate Münster (Name geändert) zu seiner Betreuerin. Roland erfuhr zum ersten Mal in seinem Leben, wie es ist, selbstständig zu sein: zuerst im Heim, heute in seiner eigenen Wohnung. Auf einmal durfte er auch Wünsche äußern.

Bei einem Krankenhausaufenthalt wird bei ihm das Klinefelter-Syndrom diagnostiziert. Roland hat ein überzähliges X-Chromosom. Teil der Behandlung war die Gabe von Testosteron, weil die Hoden bei dieser Krankheit nicht genug Sexualhormone produzieren.

Nachdem er wieder zu Hause war, betrug die erste Telefonrechnung 4000 Mark. Sexualität war ein Thema geworden, das er auch nicht mehr vor seiner Betreuerin verheimlichen konnte. Sie ließ die 0190-Nummern sperren.

Aber Roland wünschte sich, doch wenigstens einmal Sex zu erleben. Rolands Betreuer fragten bei der Polizei an. Sie wollten ihn in ein Bordell bringen. Doch dann erfuhren sie von Simone Hartmann.

Hartmann ist stellvertretende Leiterin der Schwangeren- und Sexualberatungsstelle Pro Familia. Immer wieder hält sie Vorträge zum Thema Sexualität und Behinderung. "Wir haben immer wieder Anfragen von Eltern, die ganz klar signalisiert bekommen, dass ihr Kind Sex erfahren möchte", sagt sie.

FC-Bayern-Bettwäsche verschwindet

Zusammen mit der Prostituiertenberatungsstelle Kassandra bot Hartmann im vergangenen Jahr einen Kurs für Prostituierte an. Karin Engel, wie sie sich bei der Arbeit nennt, nahm mit drei anderen Frauen und zwei Männern an dem Kurs teil.

Sie lernte dabei viel über Behinderungen und Krankheiten, aber auch, wie sie Quittungen ausstellt, die Betreuer abrechnen können. Von Oktober an wird es einen zweiten solchen Kurs für Prostituierte geben. Teilnehmerinnen kommen von weit her, sogar aus dem Ruhrgebiet.

"Bei der Begegnung steht nicht der Akt an sich im Vordergrund", erklärt Engel. "Es ist ein ganz besonderer Umgang miteinander, viel achtsamer und respektvoller." Sie helfe Roland, einen Teil von sich zu entdecken, der ihm vorher verschlossen war.

Roland lernt nun, sich auf andere einzulassen. Karin Engels Besuche hätten ihn verändert, sagt seine Betreuerin. Seine Wohnung sei inzwischen ordentlicher. Er achte mehr auf ein gepflegtes Auftreten. "Neulich hat er mir in die Jacke geholfen und mich dann gefragt, wie es mir geht. Ich dachte, ich spinne. Das hätte er früher nie gemacht." Sogar die FC-Bayern-Bettwäsche ist jetzt bei Damenbesuch tabu.

Trotz allem, was sich verändert hat, sagt Roland: "Was mir immer wieder durch den Kopf geht: Ich möchte statt der Frau Engel eine richtige Partnerin haben." Eine, mit der er reisen könnte, frühstücken gehen oder einfach ein Buch lesen. (dpa)

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