Ärzte Zeitung, 29.10.2014

Auszeichnung

Trauma-Therapeuten helfen Flüchtlingen

73 Ärzte kümmern sich um Flüchtlinge, die zwar körperlich unversehrt, aber mit tiefen seelischen Narben aus Syrien nach Deutschland gekommen sind. Dafür wird das Projekt "Balsam" der Charité nun ausgezeichnet.

Von Angela Misslbeck

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Syrische Flüchtlinge sind häufig schwer traumatisiert, auch wenn sie keine sichtbaren Wunden davongetragen haben. Um sie kümmern sich Therapeuten an der Charité.

© Julian Stratenschulte / dpa

BERLIN. Der Bürgerkrieg in Syrien hinterlässt auch bei körperlich unversehrten Flüchtlingen Spuren. Ihnen soll das Projekt "Balsam" der Berliner Uniklinik Charité helfen, das mit dem mit 50.000 Euro dotierten Förderpreis der Else Kröner-Fresenius-Stiftung ausgezeichnet wurde.

Das Projekt soll die psychische Gesundheitsversorgung von traumatisierten syrischen Flüchtlingen in Jordanien verbessern. Dazu bildet die Charité in Zusammenarbeit mit dem jordanischen Gesundheitsministerium und der Hilfsorganisation "Help - Hilfe zur Selbsthilfe" in der jordanischen Hauptstadt Amman Psychologen, Psychiater und Allgemeinmediziner zu Trauma-Therapeuten aus.

73 Ärzte wurden seit Beginn des Projektes im Juli 2013 ausgebildet. Sie behandeln nun traumatisierte Kinder und Erwachsene in Flüchtlingscamps und Gesundheitszentren.

Arabischsprachige Spezialambulanz unterstützt

Die Charité unterstützt die Trauma-Therapeuten zudem mit fortlaufender Beratung durch ihre arabischsprachige Spezialambulanz. Außerdem versorgt die Charité sie mit Medikamenten. Das Projekt wird derzeit aus Mitteln des Auswärtigen Amtes finanziert.

Im nächsten Schritt sollen junge Menschen aus Syrien, Jordanien und Israel in Deutschland gemeinsam als Trauma-Therapeuten ausgebildet werden.

Das diene "auch dem Ziel, die arabisch-israelische Verständigung zu fördern", sagt Professor Malek Bajbouj von der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am CBF, der das Hilfsprogramm koordiniert. Das Preisgeld soll für die Ärzteausbildung verwendet werden.

Laut Charité halten sich in Jordanien derzeit mehr als 600.000 Flüchtlinge auf. Viele von ihnen sind traumatisiert. Etwa jeder Vierte braucht den Charité-Angaben zufolge eine psychologisch-psychiatrische Behandlung.Insgesamt haben nach Angaben diverser Hilfsorganisationen bislang mehr als sieben Millionen Menschen im syrischen Bürgerkrieg ihr Zuhause verloren.

6,45 Millionen Menschen auf der Flucht

Etwa 2,9 Millionen von ihnen sind ins Ausland geflohen und als Flüchtlinge registriert. Innerhalb Syriens befinden sich nach Angaben von UNHCR, dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen, weitere 6,45 Millionen Menschen auf der Flucht.Viele sind bereits als Flüchtlinge aus Palästina nach Syrien gekommen und wurden nun erneut zu Flüchtlingen.

Unzählige Familien seien zerrissen worden, und Frauen hätten nicht selten schwere Gewalt erfahren, berichtete Lousie Aubin vom UNHCR beim Humanitären Kongress in Berlin. "Es gab nie einen größeren Bedarf an materieller und humanitärer Hilfe", sagte sie.

Dabei bleibe der Zugang nach Syrien schwierig. Nach Angaben der Hilfsorganisation Medicins du Monde riskieren Helfer ihr Leben, um ins Land zu kommen.

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