Ärzte Zeitung, 07.11.2014

Wendezeit für deutsche Ärzte

Kaum zu glauben: Cap Anamur wollte kurz nach der Wende Ärzte als Helfer in die DDR schicken. Als die Mauer fiel, überschlugen sich die Ereignisse - auch im Gesundheitswesen. Wir haben in alten Ausgaben der "Ärzte Zeitung" interessante Geschichten gefunden.

Von Christoph Fuhr

Sommer/ Herbst 1989: In den Wirren vor und nach der Öffnung der Mauer verlassen etwa 4000 Ärzte und 8000 Pflegekräfte die DDR. Die Ärzte Zeitung macht die Fluchtwelle immer wieder zum Thema.

16. November 1989: In vielen Bundesländern haben sich nach dem Mauerfall Ärzte gemeldet, die bereit sind, in der DDR für kurze oder auch längere Zeit zu arbeiten, um die medizinische Versorgung zu sichern. Karsten Vilmar, Präsident der Bundesärztekammer, fordert, dass sich zunächst die Rahmenbedingungen in der DDR ändern müssten, "damit es Kollegen aus dem Westen überhaupt zugemutet werden kann, in die DDR zu gehen".

20. November: Die Ärzte Zeitung weist West-Ärzte darauf hin, dass sie bei Behandlung von Patienten aus der DDR dringend gehalten sind, sich den Personalausweis vorlegen zu lassen.

21. November 1989: Die Ärzte in der DDR wollen einen eigenen Verband gründen. Das Interesse bei einer Veranstaltung in der Charité ist groß. 1500 Mitgliedsanträge liegen vor.

21. November 1989: Die Ärzte Zeitung analysiert: "Die medizinische Versorgung in der DDR steht vor ihrem Zusammenbruch. Ein Zustand, der nach Auffassung ehemaliger DDR-Ärzte nicht erst seit einigen Monaten, sondern bereits seit Jahren besteht." Medizinische Engpässe seien nicht nur durch den Massenexodus, sondern auch durch alte und verkrustete Strukturen der Gesundheitsversorgung ausgelöst worden.

27. November 1989: Das DDR-Gesundheitsministerium warnt: Im gesamten Land gibt es nur noch zwei neurochirurgische Abteilungen, die tatsächlich funktionieren.

30. November 1989: Die Ausgabestelle für Medikamente der "Deutschen Ärztegemeinschaft für medizinische Zusammenarbeit" in Westberlin, die kostenlos Arzneimittel an DDR-Bürger vergibt, ist am Ende ihrer Kapazitäten angelangt. Tag für Tag holen sich hier 600 Menschen ihre Arzneien ab. In der Ärzte Zeitung wird um Spenden gebeten.

1. Dezember 1989: Klinikärzte der DDR gründen eine Initiativgruppe für eine umfassende Neugestaltung der Charité. Pflichtkurse für Marxismus-Leninismus etwa, bis dahin unabdingbar für eine Promotion, sollen abgeschafft werden.

4. Dezember 1989: Deutsch-deutsche Verhandlungen in Bonn: Westdeutsche Ärzte sollen in der DDR ihre Weiterbildung machen können. Dafür leistet Bonn keine finanzielle Unterstützung, bezahlt aber im Gegenzug die Kosten für komplizierte Operationen an DDR-Bürgern in westdeutsche Kliniken. West-Ärzte können sechs bis zwölf Monate in der DDR arbeiten. Bezahlung in Ost-Währung. Sozialversicherung und Kosten für Familienangehörige übernimmt der Westen.

11. Dezember 1989: Das Notärztekomitee Cap Anamur will Ärzte in die DDR schicken. Für sechsmonatige Einsätze will das Komitee mit monatlich 900 DM das gleiche wie bei Einsätzen in Entwicklungsländern zahlen.

13. Dezember 1989: Der Marburger Bund bekundet seine Solidarität mit Ärzten, die aus der DDR geflohen sind. Sie seien keine Konkurrenten für im Westen ausgebildete und arbeitslose Kolleginnen und Kollegen.

15. Dezember 1989: Der Hartmannbund hält nichts von der Entsendung westdeutscher Ärzte in die DDR. Im Osten gebe es immer noch eine größere Ärztedichte als etwa in Holland.

3. Oktober 1990: Einigungsvertrag tritt in Kraft. In letzter Minute einigen sich Krankenkassen und KBV auf einen Honorarvertrag für die neuen Länder: Punktwert 6,1 Pfennig, Sonderregelungen für Polikliniken mit Fallpauschalen, 20 Prozent Ausgabenanteil für die ambulante Versorgung, Honorarabschlag für ärztliche Leistungen, die Bürger der neuen Länder im Westen in Anspruch nahmen.

3. Oktober 1990: Im Einigungsvertrag wird klargestellt, dass "die Niederlassung in freier Praxis mit dem Ziel zu fördern ist, dass der freiberuflich tätige Arzt maßgeblicher Träger der ambulanten Versorgung wird".

4. Oktober 1990: :Kuratorium Deutsche Altershilfe: Die DDR ist mit Heimplätzen für alte Menschen besser versorgt als die Bundesrepublik.

31. Dezember 1990: Etwa 13 Prozent der in der DDR ambulant arbeitenden Ärzte sind in eigener Niederlassung tätig.

1. Januar 1991: Das bundesdeutsche Krankenversicherungsrecht gilt jetzt auch in den neuen Bundesländern.

Lesen Sie dazu auch:
25 Jahre Mauerfall: "Die Mauer geht auf? Damit macht man keine Witze!"

Schreiben Sie einen Kommentar

Überschrift

Text

Körperlich aktive Kinder werden seltener depressiv

Bewegen sich Kinder viel, entwickeln sie in den kommenden Jahren seltener depressive Symptome. Viel körperliche Aktivität könnte daher präventiv wirken. mehr »

Generelle Landarztquote ist vom Tisch

Der Masterplan Medizinstudium 2020 ist in trockenen Tüchern. Länder können, müssen aber keine Zulassungsquote für Landärzte in spe festlegen. mehr »

Star Trek und die Ethik der Medizin

Ärztliche Fortbildung sind immer dröge Veranstaltungen? Eine Veranstaltung in Frankfurt ist der medizinethischen Wertewelt von Raumschiff Enterprise auf den Grund gegangen - und zeigt, was Ärzte aus der Serie lernen können. mehr »