Ärzte Zeitung, 01.12.2014

Keine Idylle

Leben auf dem Land mit HIV

Auch nach vielen Aufklärungskampagnen gilt HIV bei vielen Menschen noch immer als Virus der Großstädte und Homosexuellen. Wie lebt es sich HIV-positiv mit Familie auf dem Land?

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Keine Idylle: Gerade auf dem Land haben HIV-Positive noch oft mit Diskriminierung zu kämpfen.

© Julian Stratenschulte/dpa

BERLIN/WOLFENBÜTTEL. Zehn Monate lebt Susanne Voges mit ihrer Familie in dem kleinen Dorf bei Wolfenbüttel, da kommt nach einer harmlosen Leistenoperation die Diagnose: HIV-positiv. Ihre Kinder sind drei, fünf und sieben Jahre alt damals, 2008, und ein halbes Jahr zuvor ist ihre Ehe zerbrochen.

Was Susanne Voges dann erlebt, zeigt, wie wenig auch heute noch viele Menschen in Deutschland über HIV und Aids wissen - und wie aus diesem Nichtwissen alltägliche Diskriminierung wird. Aufklären wollen Experten und Betroffene auch am Welt-Aids-Tag am heutigen 1. Dezember.

"Mein Ex-Mann stammt aus dem Dorf und erzählte herum, dass ich HIV-positiv bin. Danach wollte eigentlich keiner mehr etwas mit mir zu tun haben." Noch heute ist der 34-Jährigen anzumerken, wie sich das wohl anfühlte damals - als zur Geburtstagsfeier der Kinder kein einziger Gast kam oder der Schuldirektor sie via Brief zum klärenden Gespräch zitierte.

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Susanne Voges musste auf dem Land gegen Widerstände kämpfen.

© Ole Spata/dpa

 "Er wollte wissen, ob meine Kinder jetzt die anderen Schüler anstecken, zum Beispiel beim Niesen. Viele Eltern würden sich Sorgen machen", erzählt Voges.

Dabei war längst klar: Keines der Kinder ist infiziert. Susanne Voges hatte sich erst nach der Trennung von ihrem Mann bei einem One-Night-Stand angesteckt.

"Die Kinder haben am meisten gelitten", sagt Voges heute. Denn auch sie selbst war zunächst voller Panik, die Krankheit weiterzugeben. "Am Anfang habe ich mich nicht mehr getraut, sie zu streicheln, zu küssen oder mit ihnen zu kuscheln. Ich war fast soweit, dass ich sie weggeben wollte, um sie zu schützen."

Doch Stück für Stück wird der jungen Frau klar, dass im Alltag keinerlei Ansteckungsgefahr besteht. "Ich konnte meinen Kindern damals nur nicht erklären, warum es manche Vorsichtsmaßnahmen gibt.

Ich hab ihnen erzählt: Mama hat giftiges Blut." Heute, wo kuscheln und schmusen längst wieder an der Tagesordnung sind, kann sie darüber fast lächeln.

"Abends habe ich geheult"

Hinzu kommt: Schon vor ihrer HIV-Ansteckung war Voges an Krebs erkrankt, musste ins Krankenhaus. "Schon da hatten die Kinder große Angst, mich zu verlieren. Dann ging der Papa weg. Dann kam meine Infektion."

Woher kam die Kraft, immer weiterzumachen? "Auch das waren die Kinder", sagt Voges. "Abends hab ich geheult, aber morgens musste ich weitermachen."

Dossier der Ärzte Zeitung

Zur Diskriminierung von Menschen mit HIV hat die Ärzte Zeitung ein umfassendes Dossier erstellt. Darin auch ein Interview zum Anhören mit einem Schwerpunktarzt, der erläutert, was beim Umgang mit diesen Patienten wirklich zu beachten ist. Außerdem finden sich dort Videos mit einem Betroffenen und einer auf HIV-Patienten spezialisierten Apotheke.

Zwei Freunde von vorher 20 sind ihr geblieben, auch die Beziehung zu ihrer Mutter ist enger geworden. Gewappnet mit dieser Unterstützung kämpft sich Voges durch den Alltag. Und auch aus der ein oder anderen Depression, denn sie verträgt die HIV-Medikamente schlecht. Schließlich geht sie in die Offensive.

"Ich fing an, offen mit meiner Infektion umzugehen. An der Schule hatte ich einen Info-Elternabend vorgeschlagen - das hat der Direktor aber abgewiegelt. Also hab ich die Eltern persönlich aufgeklärt. Immer, wenn die Kinder sich doch mal verabreden konnten, bin ich mit hin und hab erzählt. Mit mulmigem Gefühl", erinnert sie sich.

Die Situation bessert sich schlagartig, als Voges der örtlichen Zeitung ein Interview gibt - und darin offen von ihrer ausgegrenzten Situation erzählt.

Tratsch und Beleidigungen

Auch wenn es längst nicht alle Familien mit HIV so drastisch trifft, sind Voges‘ Erfahrungen kein Einzelfall. Im Sommer veröffentlichte die Deutsche Aids-Hilfe (DAH) Daten zur Diskriminierung von Menschen mit HIV. Mehr als drei Viertel der 1148 Befragten gaben an, solche Erfahrungen im zurückliegenden Jahr gemacht zu haben - von Tratsch über Beleidigungen bis hin zu tätlichen Angriffen.

 30 Prozent hatten sich von ihrer Familie zurückgezogen, aus Angst vor Zurückweisung. "Diskriminierung ist für Menschen mit HIV eher die Regel als die Ausnahme", sagt Kerstin Mörsch von der DAH. Eine HIV-Selbsthilfe-Konferenz in Kassel zeigte: Vor allem in ländlichen Gebieten besteht noch Aufklärungsbedarf.

Für Susanne Voges ist das Leben heute einfacher, obwohl die Kinder noch immer besondere Unterstützung brauchen und auch die Krebserkrankung zurückgekehrt ist.

Ihr neuer Partner ist in allen Aufs und Abs bei ihr geblieben und die ehrenamtliche Arbeit in der HIV- und Aidsaufklärung gibt ihr Auftrieb. "Mein großer Sohn hat sogar schon gefragt, wann ich endlich in seiner Schule einen Vortrag halte", sagt Voges.

Und vor Ort sei noch einiges zu tun. "Es gibt viele Leute mit HIV hier in der Gegend. Aber oft wissen es die Familien von ihnen gar nicht." Sie zögert kurz. "Hätte ich es damals für mich behalten können, hätte ich das wahrscheinlich auch gemacht." (dpa)

[02.12.2014, 15:29:55]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
Was ist nun genau die "Diskriminierung"?
Der one-night-stand mit einem AIDS-Infizierten oder das reale AIDS-Risiko?
Dank Rita Süßmuth und politischen Zeitgenossen hat ja nun jeder Deutsche das Recht, NICHT zu wissen dass er Träger dieser ansteckenden (noch) unheilbaren Erkrankung ist
und damit auch das Recht, diese unkontrolliert zu verbreiten.
Das Ausland lacht sich kaputt über uns.
Die Kinder tun mir auch leid. zum Beitrag »

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