Ärzte Zeitung, 20.02.2015

Reportage

Wenn Lachen beim Heilen hilft

Lachen ist gesund, doch Erwachsene tun dies viel zu selten. Die Disziplin des Lachyogas hilft deshalb, das innere Kind zu wecken. Ein lustiges Unterfangen, aber auch medizinisch wertvoll.

Von Jana Kötter

Wenn Lachen beim Heilen hilft

Die "Lach-Kette": Durch dasWackeln des Nachbarbauches erhalten die Seminarteilnehmer ein völlig ungewohntes Körpergefühl - und einen neuen Anlass, zu lachen.

© Kötter

FRANKFURT/MAIN. Es braucht nicht viel, um Laurenz Menzinger zum Lachen zu bringen. Mit schelmischem Grinsen langt er in den unsichtbaren Tiegel in seiner Hand, schmiert eine kräftige Portion der edlen "Lach-Creme" auf sein Gesicht - und bricht in schallendes Gelächter aus.

"Die ist so teuer und so wirksam, das kann man sich gar nicht vorstellen", regt Menzinger das Gedankenspiel an und tunkt seinen Finger gleich noch ein Stück tiefer in den imaginären Tiegel.

Um ihn herum tun es ihm die Anderen sofort gleich, hier und da ertönt Gekicher, andere lachen schon lauthals los.

Und das alles dank der sonderbaren Creme, die die erwachsenen Frauen und Männer in ihrer Vorstellungskraft in ihrem Gesicht verteilen. "Jawoll, lasst mal richtig eure Fantasie spielen", ruft Menzinger motivierend durch das Gelächter im Raum.

Fantasie hat Laurenz Menzinger allerhand. Vor vier Jahren gründete der Frankfurter seinen eigenen Lachclub. Seither trifft er sich jeden Mittwochabend mit Gleichgesinnten, um zu lachen. Unter seinen Gästen sind frisch getrennte Frauen, gestresste Banker und auf den ersten Blick steif wirkende Wirtschaftsprüfer.

Heute steht er in königsblauer Hose und grünem Hemd, geschmückt von einer leuchtend gelben Moosgummi-Blume, vor 14 Männern und Frauen und lehrt das Konzept der "Laughter Yoga International University", der internationalen Universität für Lachyoga.

Aus der Sicht eines Achtjährigen

Seinen Alltag als Personalberater lässt der Lachyoga-Ausbilder in seinen Seminaren hinter sich. "Luftgitarrenwettbeweeerb!" Menzinger dreht Rockmusik auf, schlägt selber die ersten Akkorde an. Einige Teilnehmer tun es ihm gleich, packen zögerlich ihre Luftgitarre aus. Kurz darauf rutschen die ersten auf den Knien durch den Frankfurter Seminarraum.

Tatsächlich sind es diese kindlichen Übungen - die Lach-Creme, die Luftgitarre -, die den Kern des Lachyogas ausmachen. "Wissenschaftliche Studien belegen, dass Kinder bis zu 400 mal am Tag lachen", erklärt Menzinger, "bei uns Erwachsenen sind es dann nur noch 15 mal."

Genau hier setzt das Lachyoga an, indem sich die Praktizierenden in die kindliche Stimmung eines Achtjährigen versetzen und so ganz verspielt lachen können.

Erfunden wurde die Bewegung 1995 von dem indischen Arzt und Yogalehrer Dr. Madan Kataria. Sein Motto, das die "Laughter Yoga International University" auch 20 Jahre später verbreitet: "Man braucht keinen Humor, um zu lachen."

Sprechgesang hilft beim Aufwärmen

"Hoo hoo, ha ha ha" - im Sprechgesang stimmen die Seminarteilnehmer die Lach-Silben an. Dazu wird im Takt geklatscht. Die Männer und Frauen stehen sich im kleinen Kreis gegenüber, schon ein Blick in das grinsende Gesicht des Gegenübers kann da reichen, um in einen Lachanfall auszubrechen. Wie ein Mantra wiederholt der Kreis dabei die wenigen Silben, immer lauter und schneller werdend.

"Diese Sprechgesänge können helfen, erste Hemmungen der Teilnehmer abzubauen und ein erstes Unwohlsein zu beenden", erklärt Menzinger im Anschluss seinen Schülern. Neben den verspielten Übungen und Atem- und Dehnübungen bilden sie einen großen Teil einer Lachyoga-Stunde.

Im Zentrum steht dabei die Gesundheit: Nicht nur positive Gefühle würden durch das gemeinsame Lachen freigesetzt, erklärt Menzinger. "Zusätzlich nehmen wir dank der besonderen Atmung während des Lachens ein Vielfaches an Sauerstoff auf."

Mit Sonnengruß, Baum und anderen traditionellen Yoga-Übungen hat das Lachyoga aber nichts zu tun. Tatsächlich ist die Bedeutung des Atmens die wohl größte Gemeinsamkeit zwischen den oft ruhigeren Yoga-Formen und dem lauten Lachyoga.

Nach Katarias Theorie ist die Wirkung des Lachens dabei unabhängig vom Grund. Wissenschaftlich ist das bisher jedoch nicht bewiesen, sagt Professor Barbara Wild, Chefärztin der Fliedner Klinik Stuttgart. Sie hat über das Phänomen der emotionalen Ansteckung habilitiert.

"Um zu untersuchen, warum beispielsweise ein Lächeln ansteckend sein kann, habe ich vor 15 Jahren eine spezielle Kernspintomografen-taugliche Videokamera entwickelt." Gemeinsam mit einem amerikanischen Kollegen begann sie mithilfe der Kamera, verschiedenen Personen im Kernspintomografen lustige Bilder oder Cartoons zu zeigen.

Das Ergebnis: Ein willkürliches Lächeln unterscheidet sich, betrachtet man die Reaktionen im Hirn, eindeutig vom wahren, erheiterten Lächeln.

"Während bei Ersterem die Gebiete aktiv sind, die auch für die willkürliche Motorik zuständig sind, ist es beim erheiterten Lächeln das limbische System."

Wohlfühlen in der Gruppe

Was die Wirkung des Lachyogas angeht, ist Wild deshalb zunächst einmal "skeptisch"- auch wenn sich ihre Untersuchungsergebnisse bisher nur auf das Lächeln und nicht auch auf das laute Lachen beziehen.

"Was beim Lachyoga allerdings passiert", gibt die Ärztin für Neurologie und Psychiatrie sowie Psychotherapie zu bedenken, "ist, dass das anfängliche willkürliche Lachen schnell mit einer Erheiterung einhergeht.

Es hat ja schon etwas Komisches an sich, wenn eine Gruppe Erwachsener komische Geräusche von sich gibt. Und man darf natürlich nicht vergessen, dass es sich um eine Gruppenaktivität handelt, die guttut." Außerdem, und das sei sowohl im Lachyoga als auch im von ihr angebotenen Humortraining das Wichtigste, geben sich die Teilnehmer einer solchen Stunde die "Erlaubnis, Dinge mit Humor zu betrachten" (siehe auch Interview unten).

Tatsächlich würde wohl manch ein Außenstehender sagen, die Übungen an diesem Wochenende seien kindisch. Die "Rückenschmerz-Übung" etwa, bei der die Teilnehmer gebeugt gehen und eine Hand ins Kreuz legen, als hätten sie fürchterliche Schmerzen. "Aber die lachen wir einfach weg", muntert Menzinger auf, und geht, lächelnd und winkend, auf seine Schüler zu.

Dass Schmerzen im wahren Leben zwar nicht einfach weggelacht werden können, am alten Sprichwort "Lachen ist die beste Medizin" trotzdem etwas dran ist, davon ist Dr. Martina Götz überzeugt.

"Chronische Schmerzen haben ja immer etwas mit Stress zu tun", sagt die Orthopädin, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Dr. Michael Gschwind eine Gemeinschaftspraxis für ganzheitliche Haltungs- und Bewegungsdiagnostik- und -therapie in Frankfurt betreibt. "Der Stress muss dabei auch gar nicht greifbar sein."

Gemeinsam mit ihrem Kollegen verfolgt Götz deshalb aber "ein anderes Konzept, um Schmerzen zu behandeln"; in ihrer Praxis wenden die Mediziner viele regulative Praktiken an.

"Auch Entspannungstechniken spielen eine große Rolle", sagt Götz. Das könne etwa das "Herunterfahren" des Stresses durch Musik sein, das könnte in Zukunft aber auch ein Element aus dem Lachyoga sein.

Wichtig sei es, dem Patienten wieder beizubringen, auch die positiven Dinge zu sehen und zu fühlen und so auch die Selbstheilungskräfte des eigenen Körpers anzuregen.

"Eine Diagnose", erklärt Dr. Michael Gschwind, "ist mehr als nur ein Röntgenbild. Wir betrachten das Zusammenspiel von Körper, Geist und Seele, was mitunter ein sehr komplexes sein kann."

Losgelöstes Tanzen

Kurz darauf tanzen die beiden Kollegen, mit Rasseln bepackt, losgelöst inmitten der Gruppe. Denn Entspannungstechniken und das Fühlen des eigenen Körpers spielen im Lachyoga ebenfalls eine bedeutende Rolle.

"Auf den Körper hat eine Lach-Stunde sehr positive Effekte", vermittelt Menzinger seinen Schülern. Dem Körper werde aufgrund des Lachens und dessen spezieller Atmung extrem viel Sauerstoff zugeführt, gleichzeitig schieße die Luft mit bis zu 100 Stundenkilometern aus dem Körper.

"Das Zwerchfell ist massiv in Aktion, die Bauchmuskulatur wird trainiert, der Lymphabtransport angeregt", so der Lehrer.

Nur bei wenigen Patienten ist die Technik kontraindiziert. "Bei schlimmen traumatischen Erfahrungen kann es Probleme bei der Anwendung von Lachyoga geben, etwa wenn jemand als Kind sehr schlimm ausgelacht wurde", erklärt Menzinger.

Gesprochen wird während seiner Übungen übrigens kaum. Nur "Gibberisch" wird hin und wieder gesprochene, eine Fantasiesprache, die an das Brabbeln von kleinen Kindern erinnert.

Die Männer und Frauen gehen aufeinander zu, flüstern sich - grrschgrbtalamanablubbr - etwas zu, fangen an zu kichern. Kurz darauf sind sie erneut in ekstatisches Gelächter verfallen.

Die positiven Effekte des Lachyoga kennt Gaby Zetzsche aus eigener Erfahrung. "Mir ging es psychisch nicht gut, als ich vor zwei Jahren das erste Mal den Lachclub von Laurenz Menzinger besuchte", erzählt die Teilnehmerin. "Ich kam aus einer Trennung und war am Boden zerstört.

Eigentlich bin ich mit Tränen in den Augen zur ersten Lach-Stunde", erinnert sie sich. Schnell habe ihr das regelmäßige Treffen mit anderen geholfen, wieder Licht zu sehen.

Zukünftig will sie ihre eigene Lachyoga-Gruppe gründen - und das Wissen um die "heilende Kraft" der Technik weitergeben.

Barbara Wild: "Humor in der Praxis hilft auch dem Arzt"

Wenn Lachen beim Heilen hilft

"Humor kann jeder lernen", sagt Professor Barbara Wild.

© Privat

Humor sollte in der Beziehung zum Patienten eine viel größere Rolle spielen, findet Professor Barbara Wild, Chefärztin der Fliedner Klinik Stuttgart. Im Interview mit der "Ärzte Zeitung" erklärt sie, warum.

Ärzte Zeitung: Frau Professor Wild, Sie forschen seit 15 Jahren zum Thema "Humor in der Medizin". Ist denn tatsächlich etwas dran an dem Sprichwort "Lachen ist die beste Medizin"?

Prof. Barbara Wild: Spontan würde ich darauf antworten: Ja, klar! Wenn Sie allerdings eine wissenschaftlich fundierte Antwort haben wollen, muss ich darauf hinweisen, dass das Lachen ganz unterschiedliche Ursachen haben kann. Wenn man beispielsweise jemanden auslacht oder verlegen ist, lacht man ja auch. Gut tut es erst, wenn das Lachen mit Erheiterung verbunden ist.

Wie definieren Sie Humor?

Wild: Humor geht über das eigentliche Lachen hinaus. Humor ist eine Charaktereigenschaft, die es ermöglicht, auch widrige Lebenssituationen mit einer heiteren Gelassenheit zu begegnen. Der Humor hat auch eine soziale Komponente, also die Tatsache, dass es jemandem gelingt, andere zu begeistern.

Und das kann jeder lernen?

Wild: Ich denke schon, dass das jeder lernen kann. Sicherlich ist das eine sehr individuelle Sache: Einer ist vielleicht besser, Witze zu erzählen, während der andere spielerisch humorvoll ist. Der Dritte wiederum hat vielleicht ein Gespür dafür, wann er wem was sagen kann, ist stärker in der sozialen Komponente. Aber ich glaube nicht, dass es jemanden gibt, der gar keinen Humor hat. Natürlich kann es aber sein, dass die Fähigkeit zur Freude, zum Mitschwingen, bei schwer depressiven Menschen verlorengeht. Sie haben oft nicht den inneren Raum, den man braucht, um die Perspektive zu wechseln und Dinge mit Humor zu betrachten. Doch ich glaube, dass man das auch wieder lernen kann.

Inwiefern können Hausärzte Humor im Umgang mit Patienten nutzen?

Wild: Ich glaube, dass unheimlich viele Hausärzte schon immer den Humor anwenden. Ohne genau zu wissen, was sie dabei machen, denke ich, dass ein guter Hausarzt immer in der Lage ist, eine emotionale Bindung zu seinem Patienten aufzubauen- und da gehört immer auch ein Stück Humor dazu. Ich glaube, dass viele von ihnen mal etwas Ironisches sagen, ihre Patienten zum Lachen bringen, ihre Patienten so aufmuntern. Aber natürlich wäre es schön, wenn das noch öfter und noch bewusster gemacht würde.

Könnten davon auch die Ärzte selber profitieren?

Wild: Ich bin mir sicher, dass ein humorvoller Umgang mit dem Patienten auch dem Arzt guttut. Es gehört zur Psycho-Hygiene dazu, Humor zu pflegen. Es gibt eine Studie zum Burn-Out-Risiko unter kanadischen Ärzten. Dazu gehört ja immer, wie man mit dem durchaus stressigen Alltag umgeht. Einige fressen den Stress in sich hinein, was natürlich keine gute Möglichkeit ist. Die, die humorvoll reagieren und gemeinsam mit dem Patienten oder im Gespräch mit Kollegen humorvolle Punkte in verschiedenen Situationen identifiziert haben, hatten weniger Punkte auf der Burn-Out-Skala. Im Alltag kann es manchmal schon helfen, innezuhalten, tief durchzuatmen und sich zu fragen: "Was könnte denn jetzt das Witzige an dieser Situation sein?" Viele Hausärzte, die ich kenne, machen das aber bereits. Psychotherapeuten haben da eher Hemmungen, so humorvoll mit ihren Patienten umzugehen.

Sie gelten als leidenschaftliche Witzesammlerin. Was ist Ihr Liebling?

Wild: Ach, mein Lieblingswitz wechselt immer. Aber ein Klassiker, den ich immer wieder erzähle und den ich immer noch gut finde, ist der: "Es geht das Gerücht um, dass der Bär ein Buch hat, in dem steht, wer sterben muss. Also kommt eines Tages das beunruhigte Reh zum Bär und fragt: ,Stehe ich auch drin?‘ Der Bär nickt - und das Reh, erschrocken wie es ist, fällt tot um. Kurz darauf kommt der Dachs: ,Bär, von Mann zu Mann, stehe ich auch in deinem Buch?‘ Als auch er ein ,Ja‘ hört, verkriecht er sich in seiner Höhle und wird nie mehr gesehen. Als nächstes kommt der Spatz angeflogen. ,Bär, stehe ich auch in dem Buch?‘ Der Bär antwortet: ,Ja.‘ - ,Kannst Du mich nicht einfach rausstreichen?‘- ,Ok.‘"

Das Interview führte Jana Kötter

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