Ärzte Zeitung, 17.02.2015

Zur Fassenacht

Prävention, bleib‘ uns im Fasching gestohlen

Nein, wir haben überhaupt nichts gegen Prävention. Und wir unterstützen gerne Menschen, die sich für Prävention engagieren. Doch jetzt ist Karnevalszeit und wir hauen voll auf den Putz. Bis Aschermittwoch kann uns die Prävention gestohlen bleiben!

Von Christoph Fuhr

Prävention, bleib‘ uns im Fasching gestohlen

Hoch die Tassen! An Fastnacht dürfen wir die allgegenwärtige Prävention auch ruhig mal vergessen.

© Frederik von Erichsen/dpa

NEU-ISENBURG. Jetzt schunkeln sie wieder, rufen Helau und Alaaf und fragen bei ihren Prunksitzungen: "Wolle mer se rinlosse?" Sie ziehen die ganze Welt durch den Kakao, qualmen dabei wie die Schlote, tanzen und saufen sich die Hucke voll.

Morgens wachen sie dann mit fürchterlichem Kater auf, trinken literweise Kaffee, schicken zwei ASS hinterher und ziehen frohgemut wieder zum Feiern auf die Piste.

Bis Aschermittwoch geht das so. Und nicht wenige von uns machen mit. Ja, wir wissen, dass dieses Lotterleben nicht gesund ist und gegen jede Regel von Prävention verstößt! Nein, wir haben nichts gegen Prävention!

Nur, zum Donnerwetter nochmal, jetzt im Karneval, da kann sie uns wirklich mal gestohlen bleiben! Wir sind Jecken, machen durch bis morgen früh und singen Bums Fallera, und damit basta!

Die Allmacht der Prävention

Die Allmacht der Prävention wird den Menschen doch das ganze Jahr über verkündet: Schlaganfallprävention, Herzinfarktprävention, Krebsprävention, Diarrhoeprävention, Fußpilzprävention, Knochenbruchprävention, Burn-out-Prävention.

Und natürlich Demenzprävention, um das Allerschlimmste zu verhindern, was einem steuerzahlenden Mitbürger überhaupt passieren kann: dass er die Bedeutung von Prävention fürs Leben im Allgemeinen und Konkreten schlicht und ergreifend vergisst.

Man wird den verantwortlichen Politikern in Deutschland vorwerfen müssen, dass sie es bisher versäumt haben, den Menschen ein theoretisches Fundament zu vermitteln, das den Präventionsgedanken für jedermann einfach und schlüssig erklärt.

Warum bitte, kann man nicht mit präzisen, eingängigen Erläuterungen arbeiten, die jeder kapiert:

"Prävention als Prinzip der frühzeitigen Identifizierung und Bekämpfung pathogener Faktoren basiert auf dem Pathogenese-Modell der Neuzeit, das Antonovsky ausdrücklich nicht nur als komplementär, sondern auch als polar zum Salutogenese-Modell versteht."

Dieser aus unserer Sicht extrem lehrreiche, bei einer Konferenz in Hannover 2004 formulierte Satz erfüllt alle Ansprüche, um dem Volk endlich entscheidende Einsichten zu vermitteln! Und dass Aaron Antonovsky kein Innenverteidiger von Hannover 96, sondern ein inzwischen gestorbener Medizinsoziologe ist, dürfte sich ja wohl auch dem größten Deppen schnell erschließen.

Wir geben ehrlich zu, dass die Vertreter des Präventionsgedankens es in unserem Land wirklich schwer haben. Ihnen werden an jeder Ecke Knüppel zwischen die Beine geworfen. Warum zum Beispiel gibt es eigentlich analog zur Pflege keinen "Präventionsbedürftigkeitsbegriff"?

Die Erklärung ist einfach: Weil dieses innovative Wort dem "Pflegebedürftigkeitsbegriff" in seiner Länge und Umständlichkeit klar den Rang ablaufen würde!

Acht Silben gegen neun Silben, 27 gegen satte 32 Buchstaben, da läuten in der Pflege-Riege die Alarmglocken, diese Vokabel gönnen sie den Präventionslobbyisten nicht.

Und die Gegner der Prävention lauern überall, sogar in deutschen Cafés. Dort trinken ganze Heerscharen von älteren Damen Tag für Tag ihren Sherry, rauchen Zigaretten und denken sorgenvoll darüber nach, wie die Welt wohl aussieht, wenn alle Menschen Prävention betreiben.

Ohne Krankheit gäbe es keine Gespräche

Dann gäbe es am Ende keine Krankheiten mehr und ihnen ginge im Café schlagartig der Gesprächsstoff aus. Eine Vision, die den alten Menschen Angst macht.

Wirklich Angst aber kann man bekommen, wenn man sich das tragische Schicksal einiger asiatischer Männer vor Augen hält, deren mangelnde Präventionsbereitschaft mit Blick auf ihr Triebleben fatal bestraft wurde.

In ihrer 2013 mit dem lg-Nobelpreis der Harvard-University ausgezeichneten Arbeit "Chirurgisches Management einer Epidemie von Penisamputationen in Thailand" erläutern Kasian Bhanganada und seine Wissenschaftskollegen erfolgreich erprobte Techniken, um amputierte Penisse wieder anzunähen, die gehörnte Ehefrauen ihren Männern rabiat abgeschnitten hatten.

In einem speziellen Fall aber konnten die Experten nicht mehr helfen: Da war der Penis teilweise bereits von einer Ente gefressen worden.

Präventives Denken hätte bei dem am Ende schrecklich bestraften Opfer so ausgesehen: "Nein, ich gehe nicht fremd. Ich weiß um die körperliche und geistige Überlegenheit meiner Gattin.

Ich will nicht, dass sie meinen Schniedel abschneidet und wütend unserem Hausgeflügel zum Fraß vorwirft, wenn alles auffliegt."

Man bedenke: Dieser Thailänder könnte heute noch mit intakten Genitalien unterwegs sein, hätte er nur rechtzeitig die Bedeutung der Prävention verinnerlicht!

Schluss jetzt. Ob mit oder ohne Penis - wir überlassen die thailändischen Männer ihrem Schicksal und möchten es mit unseren Überlegungen zur Theorie und Praxis der Prävention an dieser Stelle belassen.

Liebe Leserinnen und Leser: Am Aschermittwoch ist alles vorbei. Und bis dahin soll uns die Prävention schnurzpiepegal sein. Jeder entscheidet selbst, ob er sich noch einmal ins Karnevalsgetümmel stürzt.

Und wir versprechen: In die Ärzte Zeitung wird bald wieder Seriösität einkehren. Narrhalla-Marsch!

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