Ärzte Zeitung, 27.07.2015

Afrikas Frauen

Gift für die Schönheit

Millionen afrikanischer Frauen hängen einem fragwürdigen Ideal nach: je heller der Ton ihrer Haut, desto schöner. Doch die billigen Cremes zum Bleichen haben oft schwere gesundheitliche Folgen.

Gift für die Schönheit

"Meine Haut verträgt keine Sonne mehr", sagt Anu Julius.

© Sam Olukoya / dpa

LAGOS/KAPSTADT. Die erste Creme zum Bleichen ihrer Haut kaufte Anu Julius auf Empfehlung ihrer Schwester. Die hatte ihr nahegelegt, etwas gegen ihre dunkle Hautfarbe zu tun. Nur vier Wochen später begannen Julius Arme und Beine zu jucken, die Haut im Gesicht spannte.

"Meine Haut verträgt keine Sonne mehr. Es brennt", sagt die 29-Jährige. "Wenn ich raus gehe, muss ich einen Schirm benutzen", berichtet die Friseurin in ihrem Salon in der nigerianischen Wirtschaftsmetropole Lagos.

Trotzdem zeigt sie sich zufrieden mit dem Ergebnis. "Meine Haut sieht glatt und schön aus, und meinem Freund gefällt es." Die Warnsignale ignoriert sie.

Drei von vier Frauen in Nigeria verwenden nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) rezeptfreie Mittel, um ihre Haut zu bleichen. Und das, obwohl bekannt ist, dass die billigen Cremes schwere Nebenwirkungen haben können. Auch in Togo nutzen 59 Prozent der Frauen regelmäßig solche Mittel, in Südafrika jede dritte und in Mali jede vierte.

Dabei enthalten die meisten der in Afrika erhältlichen Cremes verbotene und hochgiftige Inhaltsstoffe wie Quecksilber, Hydrochinon und Steroide, die eine Hyperpigmentierung, schwere irreparable Hautschäden und im schlimmsten Fall sogar Krebs verursachen können, warnt die WHO.

Die südafrikanische Hautärztin Nonhlanhla Khumalo hatte bemerkt, dass immer mehr ihrer Patientinnen nach jahrelangem Gebrauch solcher Mittel mit den Folgen zu kämpfen haben. Khumalo setzte sich für ein Labor an der Universität von Kapstadt ein, dass sich auf die Erforschung giftiger Inhaltsstoffe in Hautpflegeprodukten spezialisiert.

Im Mai öffnete die Einrichtung ihre Türen. Seitdem hat die Hautärztin 29 Bleichmittel aus Kapstädter Geschäften getestet. Ergebnis: Fast alle enthalten verbotene Inhaltsstoffe - nicht selten in großer Menge.

"Am Anfang lassen die Mittel die Haut heller aussehen, was den Anreiz für die Käufer erhöht", erklärt Khumalo. "Doch dann treten bald die ersten Nebenwirkungen auf, und der Schaden ist meist irreparabel."

Cremes sind ihr größtes Geschäft

Selbst an Kapstadts Bahnhof, nur wenige Kilometer vom Labor entfernt, bieten zahlreiche kleine Läden eine große Auswahl der fragwürdigen Mittel an. Sie tragen Namen wie Fair and White, White Express, Extreme Glo, Carowhite, Black & White, Dynamiclair und Skinlight. Ein 75-Milliliter-Fläschchen ist schon für umgerechnet 2,30 Euro zu haben.

Ladenbesitzerin Giselle Madioko hat die verschiedenen Behälter, Flaschen und Tuben gut sichtbar platziert. Die Cremes kommen aus der Elfenbeinküste, aus Kamerun und dem Kongo, aber auch aus Indien. "Hautbleichmittel sind mein größtes Geschäft", sagt Madioko. Sie selbst benutze die Cremes schon seit zehn Jahren und habe noch nie Nebenwirkungen verspürt, behauptet sie.

"Mit meinen Cremes passiert ihnen nichts." Doch bei näherem Hinschauen wirkt ihr Teint fahl und gesprenkelt mit vielen kleinen dunklen Flecken - einem Merkmal von Hyperpigmentierung.

Nicht selten sind die giftigen Inhaltsstoffe auf den Verpackungen deutlich sichtbar aufgeführt, doch die Kunden scheint das nicht abzuschrecken.

Das Schönheitsideal, wonach ein hellerer Braunton angeblich schöner ist, ist so stark, dass viele Afrikanerinnen die Warnungen schlicht ignorieren. Einen Teil dazu beigetragen haben auch Magazine und die Werbung. Sie machen die Haut von Berühmtheiten am Computer heller und erhöhen so den Druck auf die Frauen.

Zudem unterstützt eine Reihe afrikanischer Stars das Bleichen der HautDie Sängerin Nomasonto Maswanganyi, in ihrer südafrikanischen Heimat als "Mshoza" bekannt, sorgte 2011 für Aufruhr. Sie hellte ihre Haut medizinisch um einige Farbtöne auf und gab bekannt, sie fühle sich nun schöner und selbstbewusster.

Sich die Haut zu bleichen sei eine persönliche Entscheidung, genauso wie eine Brustvergrößerung oder eine Nasenkorrektur, argumentierte Mshoza.

Als die nigerianisch-kamerunische Musikerin Dencia im vergangenen Jahr eine eigene Kosmetikproduktlinie zur Hautbleichung Namens "Whitenicious" auf den Markt brachte, rissen ihr die Kundinnen das Mittel förmlich aus den Händen. .

Die Empörung wäre riesig

"Sich die Haut aufzuhellen, ist hier eine echte Aussage, genauso wie Haarverlängerungen und gepflegte Kleidung", sagt Bintou Dembele, die in der Textilindustrie in der malischen Hauptstadt Bamako arbeitet. Auch sie habe vor ihrer Hochzeit Bleichmittel benutzt, sagt die 33-Jährige.

"Das gehört hier dazu, wenn man heiratet. Meine Haut hat gebrannt, und am Ende musste ich aufhören, weil ich einen Ausschlag bekam", erinnert sie sich.

Die Creme sei mit dem Rauchen vergleichbar, sagt Dembele. Man wisse um die Risiken und tue es dennoch. "Du gehst einfach davon aus, dass es irgendjemand anderen trifft, nur nicht dich selbst.

"Sie glaubt nicht, dass sich an dieser Einstellung so schnell etwas ändern wird: Sie glaubt: "Sollten die Cremes verboten werden, wäre die Empörung riesig." (dpa)

[31.07.2015, 15:48:24]
Dr. Horst Grünwoldt 
Bleeching
In Westafrika ist die "claire peau" mindestens bei Frauen so beliebt, wie in Asien. Wenn die Weiblichkeit Vietnams sich auf dem Moped im Tropenklima lange, dünne Handschuhe überzieht und einen breiten Mund- und Nasenschutz trägt, dann sind die alleine als Bräunungs-Schutz gedacht. Schließlich wird man dann nicht mit einer Reisbäuerin verwechselt! Jedenfall bleibt so der natürliche helle Teint als Schönheitssymbol weitgehend erhalten.
Obwohl nach meinen langjährigen Beobachtungen als E- Helfer in Westafrika die Frauen von Natur her (hormonell bedingt?) eine weniger dunkle Haut als Männer aufweisen, habe ich schon vor 35 Jahren als Hygienedoktor mit Schrecken auf den Märkten die schädlichen Quecksilber-Seifen, Chinolin- und Cortison-Salben als Bleichungsmittel für die Haut vorgefunden; neben überlagerten Hoechster "Pennicillin"-Injektions-Ampullen (Pulver) in der Tropensonne zur oralen Aufnahme mit Wasser...
Danach habe ich meiner damaligen togoischen Freundin gesagt, daß ihre schöne Elfenbein-Haut für einen Yowo (Ewe-Sprache: weißer Mann) viel attraktiver als die kakaofarbene, fleckig gebleichte aussieht!
Aber noch schlimmer: Die gleichen "Kosmetika" finden sich auch bei uns in D in den sog. Afro-Shops!
In Frankfurt am Main habe ich natürlich schon in den 80er Jahren als Amtstierarzt meine Lebensmittel-Kontrolleure, die auch für den Vollzug der Kosmetik-Verordnung zuständig sind, auf das gesundheitlich-toxikologische Problem angesetzt und die Mittel außer Verkehr ziehen lassen mit Bußgeld-Androhungen.
Ein weiteres Problem der öffentlichen Hygiene in unserer Zivilisation ist für mich seit einiger Zeit - das "Aufblühen" der orientalischen "Shischa"- Salons. Da sollten mal die Veterinär- und Gesundheits-Ämter den gesundheitlich höchst bedenklichen "Bedarfs-und Genuß-Gegenstand" Wasserpfeife in´s Visier nehmen.
Es kommt dabei zu allerletzt auf den individuellen Wechsel des Mundstücks an, sondern vielmehr auf den ständigen Wasseraustauch im Behälter; und erst recht des massiv kontaminierten "Atemschlauches".
Darin dürften sich ansonsten jede Menge Mikroorganismen schleimig anreichern, die dem Speichel-Reflux der vorherigen Raucher in den unhygienischen Riffel-Schlauch entstammen; und dann als Rauch/Wasser-Aerosol wieder vom Nachfolger inhaliert werden. So hatte ich mir mal in Instanbul eine sechsmonatige Bronchitis "eingefangen".
Wer dennoch auf die entspannende Prozedur des Shischa-Rauchens in einer Salon-Atmosphäre auf einem Diwan mit dem Apfel- oder Pflaumen-Aroma nicht verzichten möchte, der sollte aus hygienischen Gründen wenigstens sein eigenes Mundstück und den Inhalations-Schlauch mitbringen; und natürlich jedesmal auf den einfachen H2O- Wechsel im Tank achten.
Dr. med. vet. Horst Grünwoldt, Rostock
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