Ärzte Zeitung, 27.08.2015

Bad Kreuznach

Radonstollen ist Vorreiter in puncto Barrierefreiheit

Wer in seiner Mobilität eingeschränkt ist, muss auch bei der Therapie auf Barrierefreiheit achten. Gut zu erreichen ist da der Radonstollen in Bad Kreuznach. Als europaweit erste Einrichtung dieser Art wurde er für seine Barrierefreiheit ausgezeichnet.

Von Matthias Wallenfels

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Therapiesitzung im Radonstollen Bad Kreuznach.

© Acuradon

BAD KREUZNACH. Barrierefreiheit wird im Gesundheitswesen leider noch viel zu selten gut, geschweige denn ausreichend, umgesetzt. Dabei spielt sie für viele Patienten im Versorgungsalltag eine große Rolle.

Nun zeigt ausgerechnet der Acuradon Heilstollen in Bad Kreuznach, wie die Umsetzung funktionieren könnte. Er ist dafür mit dem Zertifikat "Reisen für Alle - Barrierefreiheit geprüft" der Rheinland-Pfalz Tourismus GmbH ausgezeichnet worden.

Der Heilstollen wurde nach Betreiberangaben im Rahmen des Projekts "Barrierefreies Rheinland-Pfalz" als einer von rund 80 Betrieben des Bundeslandes für seine Barrierefreiheit prämiert.

Besonders das Land Rheinland-Pfalz habe sich zum Vorreiter für barrierefreien Tourismus in Deutschland entwickelt, so Staatsministerin Eveline Lemke (Grüne) anlässlich der Zertifikatsübergabe. Der Radonstollen sei die europaweit einzige Option für eine vollständig barrierefreie Radonschmerztherapie.

Mehr als 8000 Sitzungen jährlich

Jährlich werden in dem Sanitätsrat Dr. Jöckel-Stollen mehr als 8000 Sitzungen absolviert. "Der Zugang zum Stollen in Bad Kreuznach ist fast ebenerdig und so auch für mobilitätseingeschränkte Patienten problemlos zu bewältigen. Die Therapie selbst ist ebenso einfach, da es keiner aufwändigen und anstrengenden Einfahrt bedarf: Es geht lediglich einige Meter in den Berg hinein und dann können die Patienten eine Stunde auf einer bequemen Liege entspannen," beschreibt Elmar Willebrand, geschäftsführender Gesellschafter des Betreibers AccuMeda, die Zugangssituation.

Damit sei es auch Menschen mit eingeschränkter Beweglichkeit, Rollstuhlfahrern oder Menschen, die Angst vor engen Räumen oder einer Überwärmung haben, uneingeschränkt möglich, die Radontherapie zur Schmerzbehandlung anzuwenden, ohne dass aufwändige Zugangsvoraussetzungen zu erfüllen wären.

1912 habe der Apotheker Dr. Karl Aschoff das Radonvorkommen im Bad Kreuznacher Stollen entdeckt und es für medizinische Zwecke verwendet. Seitdem werde Radon als traditionelles Kurheilmittel in Bad Kreuznach genutzt - meist in der Kombination mit weiteren Kuranwendungen.

Schon vor 103 Jahren sei der Zugang barrierefrei gewesen, auch wenn dieser Begriff noch gar nicht geprägt gewesen war. Die Therapie erfolgte damals in einem eigens errichteten Inhalatorium vor dem Stollen, der allerdings kriegsbedingt zerstört worden sei. Nach dem Wiederaufbau sei die Therapie in den Stollen verlegt worden. Seit 1974 inhalieren die Patienten demnach direkt im Bergwerk in dem ebenerdig angelegten Stollen.

Seit 2013 stehe der Radonstollen unter der neuen Leitung des Nuklearmediziners Dr. Andreas Zöller, der über langjährige Erfahrung auf dem Gebiet der Schmerzbehandlung im Zusammenhang mit Radio-Nukliden verfügt.

Breites Indikationsspektrum

Das radioaktive Radon wird nach Betreiberangaben im "Sanitätsrat Dr. Jöckel"-Stollen, dem einzigen Radonstollen in Deutschland, in geringen, medizinisch wirksamen Dosen inhaliert. Es kommt zum Einsatz bei chronischen Erkrankungen wie Rheumatoider Arthritis, Morbus Bechterew, Fibromyalgie, Arthrosen, Psoriasis, Sklerodermie, degenerativen Erkrankungen des Bewegungsapparates sowie chronischen Muskel- und Gelenkschmerzen nach Operationen.

Das radioaktive Gas Radon, das als natürlicher Bestandteil in der Atemluft enthalten ist, trete im Inneren des Berges auf, werde mithilfe von Filtertechnik von seinen Zerfallsprodukten gereinigt und in den Therapiestollen geleitet.

So werde gewährleistet, dass die Patienten die medizinisch notwendige Menge reinen Radons für eine erfolgreiche Schmerztherapie inhalierten, ohne sich möglichen Risiken auszusetzen.

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