Ärzte Zeitung, 20.08.2015

100. Todestag von Paul Ehrlich

Wie ein zerstreuter Eigenbrötler Medizin-Geschichte schrieb

Heldenhaft und kurios - das war das Leben von Paul Ehrlich. Vor 100 Jahren ist der "Vater der Immunologie und Chemotherapie" gestorben. Doch noch heute kann die Wissenschaft beim Blick auf sein Lebenswerk viel lernen.

Von Jana Kötter

Wie ein zerstreuter Eigenbrötler Medizin-Geschichte schrieb

Sein Labor war sein Zuhause: Der Medizin-Nobelpreisträger Professor Paul Ehrlich soll hier sieben Tage die Woche gearbeitet haben. Vor 100 Jahren starb er im hessischen Bad Homburg.

© Paul-Ehrlich-Institut /dpa

FRANKFURT / MAIN. Pauca sed matura - viel arbeiten, wenig publizieren, dies war einer der Grundsätze Paul Ehrlichs.

Als Wissenschaftler wollte er nur das Wissen weitergeben, das er eindeutig und ohne Zweifel belegen konnte. Ehrlich war ein Freund der klaren Tatsachen - und der lateinischen Sprache. Im Fach Deutsch hingegen kassierte der Nobelpreisträger einst eine Sechs.

Bei einem Blick auf seine Person zeigt sich: Paul Ehrlich war nicht nur Wissenschaftler, er war auch ein Unikum. Und es sind genau diese Geschichten über den Medizin-Nobelpreisträger, die viele nicht kennen, die zu seinem Erfolg als Forscher jedoch bedeutend beigetragen haben.

Am 20. August 1915 starb Professor Paul Ehrlich an einem Herzinfarkt im hessischen Bad Homburg. Bis zu seinem Tod hatte er wesentliche Grundlagen der modernen Medizin geschaffen. "Ehrlich war auf vielen Gebieten bereits relativ nah an dem Wissen, das wir heute haben", sagt Professor Florian Greten, Ehrlichs Nachfolger als Direktor des Georg-Speyer-Hauses, anlässlich seines 100. Todestages.

"Ehrlich färbt am längsten"

In den 61 Jahren seines Lebens hat der Forscher dabei nicht nur eigene Sätze geprägt, sondern viel wurde auch gesprochen über diesen eigenbrötlerischen Mann, der sich scheinbar völlig der Wissenschaft verschrieben hatte: "Ehrlich färbt am längsten" etwa war solch ein Satz.

Oft hörte man seine Mitarbeiter diesen Satz tuscheln, ebenso wie die Menschen auf der Straße, die an den erleuchteten Fenstern vorbeigingen, wenn Ehrlich bis tief in die Nacht über dem Mikroskop gebeugt saß und mit der in seinen Kindheitstagen aufgekommenen Färbetechnik Blutzellen einfärbte.

Das Labor war sein liebster Ort - neben seinem Studierzimmer, in dem er inmitten von Aufzeichnungen, Bücherstapeln und Notizzetteln völlig allein saß. "Für Besuch wäre ohnehin kein Platz gewesen, da sich auf jeder erdenklichen Sitzmöglichkeit die Bücher stapelten", sagt Professor Fritz Sörgel mit einem Lächeln.

Der Leiter des Instituts für Biomedizinische und Pharmazeutische Forschung in Nürnberg gilt als profunder Kenner Ehrlichs, er organisiert internationale Kongresse über Ehrlich und hat auch schon ein Theaterstück und ein Musical über ihn geschrieben. "In Frankfurt war Ehrlich deswegen übrigens auch nicht sonderlich beliebt", so Sörgel, "denn Bücher oder sonstige Unterlagen, die er sich auslieh, erhielten die Besitzer nie mehr zurück."

Ein Eigenbrötler

Paul Ehrlich kam 1854 in Strehlen auf die Welt – als Sohn eines Likörfabrikanten und königlichen Lotterie-Einnehmers.

Notiert hat Ehrlich seine Gedanken und Ideen, wo immer er war – hatte er kein Papier zur Hand, durchaus auch auf Kragen oder Manschetten seiner Mitarbeiter.

Die Schule hat Ehrlich im Rückblick „immer als drückende Last empfunden“, vor allem das Fach Deutsch: Hier kassierte er einst eine Sechs.

Das Labor war sein Zuhause – er arbeitete an sieben Tagen die Woche.

Seinen Dackel nahm er mit ins Labor – und nannte jeden Dackel wie den alten: „Männe“.

Paul Ehrlich war extrem zerstreut – so zerstreut, dass er in der Droschke stets einen Zettel zurückließ: „Sollte ich etwas vergessen haben, so bitte ich um Nachlieferung in die Westendstraße“.

Ehrlich, der 1854 im schlesischen Strehlen auf die Welt kam, bezeichnete sich selber einst als "Feind der großen Geselligkeit" und einen Liebhaber klarer Tatsachen.

Sein Lebenswerk ist eng mit der Rhein-Main-Region verbunden: Über Göttingen und Berlin kam Ehrlich 1899 nach Frankfurt, wo er zunächst das "Institut für Serumforschung und Serumprüfung" leitete, das spätere Paul-Ehrlich-Institut in Langen. Seine größten Erfolge hatte er am "Institut für Experimentelle Therapie",aus dem später das Chemotherapeutische Forschungsinstitut Georg-Speyer-Haus wurde.

Mit der Gründung der Frankfurter Universität 1914 war er zum ersten Ordinarius für Pharmakologie und Experimentelle Therapie berufen worden. "Paul Ehrlich gehört zu den Wissenschaftspionieren der Goethe-Universität", lobte Universitätspräsidentin Professorin Birgitta Wolff während eines akademischen Festakts zum 100. Todestag am Mittwochnachmittag.

"Er hat entscheidenden Anteil daran, dass sich die Goethe-Universität in der Gründungsphase und danach zu einem Magneten für weitere innovative Forscherpersönlichkeiten entwickelt hat."

In der Tat liest sich Ehrlichs Lebenswerk nicht nur wie ein Kuriositätenkabinett, sondern viel mehr noch wie eine Heldengeschichte. Die Erstbeschreibung der Mastzellen, die Ehrlich‘sche Reagenz, die Beschreibung von "Lastwagen" - also dem, was heute als Carriersystem bezeichnet wird: All das sind nur wenige Beispiele seiner wissenschaftlichen Verdienste. Laut Sörgel ist es dabei fast verwunderlich, dass Ehrlich lediglich einen Nobelpreis verliehen bekommen hat.

Erhalten hatte er diesen für seine Seitenkettentheorie: Mittels seitlicher Rezeptoren erkennen Zellen Krankheitserreger und Giftstoffe, binden sie nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip an sich und machen sie so unschädlich - Ehrlich lieferte mit seiner Entdeckung eine frühe Beschreibung des Immunsystems.

Suche nach den "Zauberkugeln"

Was viele nicht wissen: Paul Ehrlich führte auch die erste Leberbiopsie an der Charité durch. Gesucht wurde damals ein Mensch, der sich diesen Schritt zutraute - Paul Ehrlich war genau dieser Gesuchte, trotz seines jungen Alters von nur 30 Jahren. Sein primärer Antrieb war auch dabei aber die Forschung, nicht in erster Linie die Behandlung des Patienten.

Auch Vorlesungen sah der passionierte Forscher als leidige Pflichtübung an. "Studenten hat er aus der Vorlesung oftmals regelrecht herausgeekelt", erzählt Sörgel.

Sein Steckenpferd war dabei stets die Arzneimittelforschung. Im Fokus stand dabei die Suche nach den "Zauberkugeln", wie er die entwickelten Pharmaka selbst nannte. Sein Ziel: Sie sollten nur für die erkrankten Zellen giftig sein, nicht aber für die gesunden. Und spezifisch sollten sie sein, überall im Körper präsent, aber nur dort einschlagen, wo sie gebraucht werden.

Nach unzähligen Versuchsreihen mit diversen Pharmaka erfand er Salvarsan, das erste wirksame Therapeutikum gegen Syphilis und das erste systematisch entwickelte Chemotherapeutikum überhaupt.

Ein moderner Wissenschaftler

Gerade heute, in Zeiten der Diskussion um Antibiotikaresistenzen, sind Ehrlichs erste Antibiotika aktueller denn je. Dabei ist erstaunlich, welch fortschrittliche Gedanken der Wissenschaftspionier bereits damals aufgriff - noch heute sind sie zum Teil in der öffentlichen Debatte.

So hat Ehrlich etwa bereits 1910 in einem Brief auf die Problematik hingewiesen, dass Tiertests lediglich an gesunden Tieren durchgeführt würden - dies jedoch nicht der Absicht entspreche, mit entwickelten Pharmaka kranke Menschen heilen zu wollen.

"Als leidenschaftlicher Forscher, der auch unkonventionelle Wege ging, ist Paul Ehrlich auch für uns heutige Wissenschaftler ein Vorbild", sagte die Frankfurter Universitätsprofessorin Wolff zu Ehrlichs 100. Todestag. Fast wäre Ehrlich nach dem Antritt seiner Professur an der Goethe-Universität sogar einer ihrer Vorgänger geworden. Rektor zu sein, lehnte er da jedoch bereits aus gesundheitlichen Gründen ab.

Trotz all seiner Eigenheiten - zeitlebens hat Paul Ehrlich auch Charakteristika gezeigt, die heutigen Forschern Vorbild sein können, meint Wolff: Teamgeist etwa. Denn Ehrlich war, so sehr er die Einsamkeit liebte, nie Einzelkämpfer: Er hatte sich ein breites Forschungsnetzwerk aufgebaut, korrespondierte regelmäßig mit Behörden und Vertretern der chemischen Industrie auf der ganzen Welt. Wolff nennt Ehrlich einen "Netzwerker auf höchstem Niveau".

Das Besondere: Das Netzwerk von Ehrlich begrenzte sich keinesfalls nur auf die universitären Kreise. Seine Wissenschaftspolitik war stets eine, die die universitären Bestrebungen mit außeruniversitären Akteuren verband.

"Erfinder der modernen E-Mail"

Auch bei seinen Mitarbeitern zeigte der Vorgesetzte eine sehr moderne - wenn auch nicht unbedingt erstrebenswerte - Eigenschaft, wie Ehrlich-Kenner Sörgel schmunzelnd erzählt: Auf sogenannten Blöcken habe Ehrlich regelmäßig Anordnungen erteilt. Etwa erwarte er "noch den Heilversuch, sofern derselbe in zwei Tagen zu realisieren wäre, was ich durchaus für möglich halte". Mit dieser Kontrolle über seine Mitarbeiter könnte man Ehrlich gar als "Erfinder der modernen E-Mail" bezeichnen, meint Sörgel.

Hessens Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) meint, dass für außergewöhnliche Leistungen wie sie Ehrlich geleistet hat, vier Faktoren nötig sind: wissenschaftliche Exzellenz, Kreativität und Durchhaltevermögen als persönliche Voraussetzungen, plus die institutionellen Rahmenbedingungen als vom Staat zur Verfügung gestellte Infrastruktur.

Das wünsche er auch heutigen Wissenschaftlern, sagte er während der akademischen Feier an der Goethe-Universität Frankfurt: "Freude am Forschen, Durchhaltevermögen - und das Gefühl, nicht immer alles morgen abliefern zu müssen."

Themen sind noch immer aktuell

Doch nicht nur menschlich kann Ehrlichs Lebenswerk Vorbild sein. Auch seine Forschungsschwerpunkte sind auch 100 Jahre nach seinem Tod keinesfalls aus der Mode gekommen: "Paul Ehrlich war Mitbegründer der modernen Immunologie. Mit dem Salvarsan hat er einen ganz wesentlichen Pflock in die Chemotherapie geschlagen. Seine Färbemethoden sind die Basis der modernen Mikroskopie", sagt Professor Emil Reisinger, Infektiologe aus Rostock, Präsident der Paul-Ehrlich-Gesellschaft. "Auf allen drei Gebieten wird bis heute weiter geforscht."

Politik und Wissenschaft erkennen das durchaus an: Am 22. November findet in der Frankfurter Paulskirche eine Gedenkfeier mit Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) statt, und am 23. und 24. November betrachtet ein wissenschaftliches Symposium Ehrlichs Ideen aus heutiger Sicht. Das Erbe des eigenbrötlerischen Wissenschaftlers wird in der Medizin damit auch in Zukunft eine entscheidende Rolle spielen.

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