Ärzte Zeitung, 07.09.2015

Schlaue Kleidung

Turnschuh hilft Patienten beim Schleifebinden

Technik in der Kleidung ist mehr als nur Lifestyle. Sie wird auch immer wichtiger, um älteren Menschen im Alltag zu helfen. Forscher aus dem Südwesten haben jetzt einen selbstschließenden Schuh entwickelt.

VILLINGEN-SCHWENNIGEN. Sich nie mehr bücken müssen - zumindest nicht zum Schuhe zubinden. Einfach in den Sneaker steigen, per App die Schnürsenkel schließen und dann noch bestimmen, wie fest die Schnürsenkel angezogen werden sollen. Das ist der Traum von Forschern aus Villingen-Schwenningen und Pirmasens.

Seit zwei Jahren tüfteln sie an einem selbstschließenden Schuh für hilfsbedürftige Menschen oder den Lifestyle-Bereich. Damit liegen sie voll im Trend. Denn immer mehr Kleidung besteht nicht nur aus Stoff, sondern aus Technik.

An der Schuhlasche haben die Wissenschaftler einen Motor angebracht, der auf Knopfdruck die Schnürsenkel aufrollt und ins Innere des Schuhs zieht.

Erst auf dem Röntgenbild fällt auf, was die Entwicklung - außer dem Schnürmechanismus - so besonders macht: "Der Energy Harvester", sagt Forscher Klevis Ylli.

Eine halbe Stunde muss ein Mensch schnell gehen, bis er genug Energie erzeugt hat, damit sich der Schuh beim nächsten Mal wieder schließen kann.

Magnete schwingen beim Gehen

Das 50 Gramm schwere Gerät, das sich in der Sohle unter der Ferse befindet, soll den Strom für die selbstschließenden Schuhe produzieren. "Das Ganze funktioniert mit dem physikalischen Prinzip der Induktion", sagt der Wissenschaftler.

Magnete bewegen sich mit den Schwingbewegungen der Füße an Spulen vorbei. Weil die Forscher noch mit der Energie-Ausbeute ringen und den "Harvester" kleiner machen wollen, soll der Schuh auch per Funk mit Energie geladen werden können.

Der sportliche Sneaker passt zu den Mode-Trends: "Es gibt kaum noch Menschen, die keinen Sport treiben. Das spiegelt sich in der Mode wider", sagt Gerd Müller-Thomkins, Geschäftsführer des Deutschen Mode-Instituts in Köln.

Kleidung werde immer praktischer. Beim Thema Sportlichkeit sei auch ein selbstschnürender Sneaker kein Widerspruch. "Sonst bräuchten wir auch keine atmungsaktiven Stoffe", sagt er. Kleidung müsse heute immer mehr können.

Zielgruppe mit Einschränkungen

Es gibt T-Shirts für Marathonläufer, die Vitamine übertragen können, und Strumpfhosen gegen Cellulitis.

"Damit Sportmarken ihren Innovationsvorsprung sichern können, reicht es nicht, wenn ein Bekleidungshersteller alle zwei Jahre eine neue Form und Farbe herausbringt. Da wird gefragt: Und was kann Ihr Schuh noch?", sagt Müller-Thomkins.

Der selbstschnürende Schuh ist ein öffentliches Projekt, mit dem das Institut für Mikro- und Informationstechnik in Villingen-Schwenningen und das Prüf- und Forschungsinstitut Pirmasens vor zwei Jahren gestartet sind.

"Zielgruppen sind auch ältere und hilfsbedürftige Menschen", sagt Ylli. Und dieser Markt hat Zukunft. Bis 2060 wird in Deutschland voraussichtlich jeder dritte Einwohner älter als 65 Jahre sein.

"Alte Menschen sollen möglichst lange in ihren eigenen Wänden bleiben", sagt Roland Sing, Vizevorsitzender des Sozialverbands VdK. Neue Konzepte im Sinne des Ambient Assisted Livings (AAL) können dabei eine große Hilfe sein.

Darüber hinaus können sie aber auch helfen, die Pflege zu erleichtern. Heute gibt es dafür schon praktische Dinge wie selbstabschaltende Herde oder Hemden, die Daten über den Gesundheitszustand des Trägers übermitteln.

Offiziell ist das ungewöhnliche Schuh-Projekt schon abgeschlossen. Momentan legen die Forscher noch nachträglich Hand an, "weil wir mit der Optik des Schnürmechanismus noch nicht zufrieden sind", sagt Ylli.

Ein fertiges Produkt sei der Schuh dann aber immer noch nicht. "Die Industrie muss Interesse bekunden, weiter zu forschen. Das zeichnet sich zwar ab, aber ob es eine Fortsetzung gibt, muss sich zeigen", sagt er.

Die Forscher aus dem Südwesten sind mit ihrer Idee nicht allein: Schon im 25 Jahre alten Film "Zurück in die Zukunft II" schlüpft der Held in einen selbstschließenden Turnschuh.

Ein Nike-Designer hatte Anfang 2014 auf einer Konferenz in New Orleans angekündigt, ein solches Modell im Jahr 2015 herauszubringen. Nike selbst wollte sich dazu nicht äußern. (dpa)

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