Ärzte Zeitung, 08.10.2015

Krankheitsrisiken

Die Folgen eines ungesunden Lebens werden unterschätzt

Fettiges Essen, zu viel Alkohol und Zigaretten: Wer einem ungesunden Lebensstil frönt, erhöht das Risiko, krank zu werden. Viele Bundesbürger unterschätzen die Gefahr, zeigt eine Umfrage.

Von Matthias Wallenfels

Die Folgen eines ungesunden Lebens werden unterschätzt

Burger und Bier: Regelmäßig konsumiert, erhöht sich das Risiko, vorzeitig zu sterben.

© Guy Erwood / fotolia.com

NEU-ISENBURG. Durch gezielte Lebensstiländerungen können Männer und Frauen generell darauf hinwirken, länger und vor allem gesünder zu leben - das ist bekannt.

Doch setzt eine bewusste Lebensstiländerung zur Reduktion der Risikofaktoren eine gewisse intrinsische und/oder extrinsische Motivation - zum Beispiel durch ärztlichen Rat - voraus.

Eine richtige Einschätzung der Relevanz bestimmter Risikofaktoren kann hier naturgemäß einen unterstützenden Effekt haben.

Aber gerade bei der Kompetenz der Einschätzung haben viele Deutsche anscheinend Defizite. So unterschätzen Männer die Gefahren eines ungesunden Lebenswandels häufiger als Frauen.

Das geht aus einer repräsentativen TNS-Emnid-Studie hervor, die der Lebensversicherer Canada Life in Kooperation mit dem Arzt und Risikoforscher Professor Klaus Heilmann durchgeführt hat.

Ein Großteil der Deutschen verkennt demnach gerade die Risiken, die sie durch ihre Lebensführung selber beeinflussen können. Das sind Steilvorlagen für die Umsetzung des im Juli in Kraft getretenen Präventionsgesetzes in den Alltag.

1005 Bundesbürger ab 14 Jahre wurden befragt, für wie wahrscheinlich sie den Eintritt von Risiken einer falschen Ernährung, mangelnder Bewegung sowie von Rauchen und Alkoholkonsum, aber auch dem Konsum harter Drogen halten.

"Den wenigsten ist wirklich bewusst, dass eine ungesunde Lebensführung gravierende gesundheitliche Probleme wie Adipositas, Herz-Kreislauf-Krankheiten, Diabetes oder Krebs zur Folge haben kann", so Heilmann.

Fehlernährung am häufigsten unterschätzt

Nach Heilmanns Berechnungen stirbt einer von 110 Menschen in Deutschland auch an den Folgen einer unausgewogenen oder zu fetthaltigen Ernährung.

Die Diskussion um eine Fettsteuer hin oder die Ernährungsampel her: Mit 81 Prozent schätzen vier Fünftel dieses Risiko trotzdem falsch ein; zehn Prozent gehen von einem Risiko von eins zu einer Million aus.

Trotz aller Nichtraucherschutzgesetze, Rauchverbote in der Gastronomie oder auch Warnhinweise auf Zigarettenpackungen steht auf Rang zwei der Fehleinschätzung laut Studie das Risiko, durch regelmäßiges Rauchen mit mehr als 20 Zigaretten pro Tag vorzeitig zu sterben (1:180).

Rund 72 Prozent unterschätzten dieses Risiko. In der Spitze geht ein Prozent der Befragten von einem Risikofaktor von eins zu zehn Millionen aus.

Der Konsum harter Drogen landet mit einer Fehleinschätzungsquote von 66 Prozent auf Platz drei der Hitliste. Das errechnete Risiko betrage 1:215. Immerhin 14 Prozent der Befragten gingen dagegen davon aus, es betrage 1:100.000.

Hier kann spekuliert werden, ob die medial aufmerksam begleitete Diskussion um die politisch auch teils gewollte Freigabe von Cannabis, das in vielen Kreisen weiter zu den harten Drogen zählt, zu dieser Einschätzung beiträgt.

Fast jeder Zweite für Alkoholrisiken sensibilisiert

Der Bewegungsmangel (Risiko 1:760) auf Platz vier wird von 59 Prozent der Studienteilnehmer als Risikofaktor unterschätzt. Am meisten sensibilisiert scheinen die Deutschen - als Bierbrauer- und Weinbauernation - für die Gefahren des regelmäßigen Alkoholkonsums.

So unterschätzten 53 Prozent das Risiko (1:650), vorzeitig zu sterben, wenn sie regelmäßig mehr als einen Liter Bier oder einen halben Liter Wein je Tag trinken (für Frauen hälftige Mengen). Das könnte zum Teil auf Aufklärungskampagnen von Krankenkassen wie auch vom Verband der privaten Krankenversicherer zurückzuführen sein.

Was das Risiko betrifft, vor dem 65. Lebensjahr von verschiedenen Krankheiten betroffen zu sein, unterschätzen die Befragten mit 83 Prozent am meisten das Risiko (1:340), an Alzheimer und Demenz zu erkranken.

An zweiter Stelle steht mit 76 Prozent die Fehleinschätzung in puncto Insultrisiko (1:250), gefolgt vom Herzinfarkt (1:225) mit 72 Prozent auf Rang drei und Krebs (1:160) auf dem vierten Platz (70 Prozent).

Da die Studienteilnehmer nicht nach der Quelle für die individuelle - in den meisten Fällen falsche - Risikoeinschätzung gefragt wurden, fällt es schwer, konkrete Handlungsempfehlungen abzuleiten.

Auch wäre es sinnvoll gewesen, zu fragen, ob sie sich in Kenntnis des realen Krankheitsrisikos eine Lebensstiländerung vorstellen könnten oder diese konkret planen.

Heilmann zieht lediglich das Fazit, Verbraucher müssten aufgezeigt bekommen, wo die Realrisiken liegen. Dies kann als Appell an Krankenversicherer verstanden werden.

Angesichts des Auftraggebers verwundert es nicht, dass er es als zentrale Aufgabe von Assekuranzen ansieht, Risiken zu managen. In der Studie betont er letztlich, Verbraucher benötigten "sinnvolle und bezahlbare Angebote zur Abdeckung biometrischer Risiken".

[09.10.2015, 19:27:37]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
@Kerstin Sommer, grüne bildungsferne Besserwisser wie Sie haben uns gerade noch gefehlt.
Die zerstören unsere Gesellschaft am gründlichsten.
Was verstehen Sie schon von "Atommüll"?
Sorgen Sie sich lieber um ihren eigenen Hausmüll.
Und das schon viel zu lange, siehe 1986:
https://www.youtube.com/watch?v=MhMk8NzwI5g

 zum Beitrag »
[09.10.2015, 14:39:31]
Kerstin Sommer 
Reizthema
5, nun 6 Kommentare zur Wischi Waschi Studie, Bandscheiben-Skandal = 0 Kommentare.

Inwieweit werden die Folgen von Fehlbehandlungen, Unter- oder Überversorgung unterschätzt, gerne in Relation zu den hier genannten. Würd' lieber den Ball flach halten.
Vielleich noch dazu bedenken - Übernutzung unseres Lebensumfeld Planet Erde, den ganzen Industrie- und Agrargiften bis hin zum ungelösten Atommüll Thema...

Na ja, ist ja besser seinen eigenen Stress irgendeiner pauschalen Gruppe von faulen, fressenden, saufenden, rauchenden, am besten noch rumhurenden Subkultur aufzubürden, bzw. zu verurteilen.

Ekelhafte Polemik im hübschen Studiengewand...
 zum Beitrag »
[08.10.2015, 21:27:45]
Dr. Wolfgang P. Bayerl 
ein praktisch tätiger Arzt der einige Jahre Beruf auf seinem Puckel hat,
benötigt nicht unbedingt eine Lebensversicherungsstatistik um darüber urteilen zu können.
Was sind denn Zivilisationskrankheiten anderes,
als Bewegungsmangel, Überernährung und "Genussmittel" aller Art? zum Beitrag »
[08.10.2015, 15:09:55]
Cordula Molz 
wozu auch?
So lange der durchschnittliche Deutsche keinen größeren Ansporn hat, sich lebensfreundlicher und gesünder zu verhalten, als sein eigenes Wohlbefinden, das er vermutlich schon länger gar nicht mehr kennt, so lange wird sich kaum was ändern.
Bislang ist es doch für die meisten so, dass man die Verantwortung für die Gesundheit gerne dem Arzt überlassen möchte und diesen dafür verantwortlich macht, wenn es einem nicht gut geht und die Pillen nicht helfen. Möglicherweise ein Resultat unseres "Gesundheitssystems", für welches diese Bezeichnung einfach nicht stimmt.  zum Beitrag »
[08.10.2015, 13:51:23]
Dr. Thomas Georg Schätzler 
Kann man es sich wirklich so einfach machen?
Inhaltlich schwächeln die Datenerhebungen und Schlussfolgerungen der repräsentativen TNS-Emnid-Studie sehr, die der Lebensversicherer Canada Life in Kooperation mit dem Arzt und Risikoforscher Professor Klaus Heilmann durchgeführt hat. Denn Risiko-Folgenabschätzungen und deren selbst wissenschaftlich höchst umstrittene Hypothesenbildung sind nun mal wirklich kein Kriterium für Laien-Befragungen. Die können auch nicht die Wahrscheinlichkeit für einen Jackpot im Lotto von 1:94.000.000 abschätzen, spielen aber trotzdem jede Woche.

Wesentlich m o d i f i z i e r b a r e kardiovaskuläre Risikofaktoren setzen erkenntnistheoretisch eine Flexibilität zwischen Ist und Soll voraus. Dabei sind aber gerade Rauchen, Hochdruck, Adipositas, Diabetes, erhöhtes Cholesterin u n d Bewegungsmangel progredient wirksame Risikofaktoren, die am w e n i g s t e n einer Verhaltensmodifikation zugänglich sind.

Also gerade k e i n e Risiken, die durch Soll-Vorschriften der Lebensführung selbst beeinflusst oder modifiziert werden könnten. Und k e i n e Steilvorlagen für die Umsetzung des im Juli in Kraft getretenen Präventionsgesetzes im Alltag. Denn dort ist die inhaltliche oder gar honorarmäßige Anerkennung der Beteiligung von Vertragsärzten explizit ausgeschlossen worden.

In den USA haben Forscher die Ergebnisse einer großen Telefonbefragung (?) analysiert, mit der über 500.000 US-Bürger im Alter zwischen 45 und 79 Jahren ihre Angaben zu persönlichen Risikofaktoren gemacht hatten - "Cardiovascular Mortality Associated With 5 Leading Risk Factors: National and State Preventable Fractions Estimated From Survey Data" von S. A. Patel et al. [Ann Intern Med 2015; 163(4): 245-253].

Die theoretischen Ergebnisse der Wissenschaftler waren ebenso abgehoben-waghalsig wie spekulativ-abstrakt: Wären sämtliche Risiko-Komponenten des Rauchens (1), der Adipositas (2), des Bluthochdrucks (3), des hohen Cholesterins (4) und des erhöhten Blutzuckers (5) (metabolischen Syndroms) zu eliminieren, könnten rein rechnerisch dadurch 39,6 Prozent der allgemeinen bzw. 56,5 Prozent der kardiovaskulären Todesfälle verhindert werden.

Das Ganze ist jedoch eine Theorie-lastige "Milchmädchen"-Rechnung und in jedem Fall auf Deutschland n i c h t übertragbar. In den USA leben 2015 geschätzt 321,24 Millionen, bei uns in Deutschland mittlerweile gut 82 Millionen Menschen. In Annäherung an http://de.statista.com/statistik/daten/studie/19320/umfrage/gesamtbevoelkerung-der-usa/
Doch an Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie KHK und Schlaganfall sterben in den Vereinigten Staaten jährlich etwa 780.000 Menschen, in Deutschland dagegen rund 340.000. Damit ist schon die jährliche Sterberate deutlich unterschiedlich: In den USA 0,243 Prozent pro Jahr vs. 0,419 Prozent pro Jahr in Deutschland. Sie liegt um den Faktor 1,7-fach h ö h e r!

Inhaltlich schwächeln aber auch die USA-spezifischen Schlussfolgerungen. Wesentlich m o d i f i z i e r b a r e kardiovaskuläre Risikofaktoren setzen wie gesagt auch dort erkenntnistheoretisch eine Flexibilität zwischen Ist und Soll voraus. Dabei sind aber gerade Rauchen, Hochdruck, Adipositas, Diabetes, erhöhtes Cholesterin u n d Bewegungsmangel progredient wirksame Risikofaktoren, die am w e n i g s t e n einer Verhaltensmodifikation zugänglich sind.

Die abschließend eher bescheidenen Schlussfolgerungen der US-Studie im Original: "Conclusion - Major modifiable cardiovascular risk factors collectively accounted for half of cardiovascular deaths in U.S. adults aged 45 to 79 years in 2009 to 2010. Fewer than 10% of cardiovascular deaths nationally could be prevented if all states were to achieve risk factor levels observed in the best-performing states."

Das heißt, w e n i g e r als 10 Prozent nationaler kardiovaskulärer Todesfälle könnten verhindert werden, wenn alle US-Bundesstaaten das Niveau der Risikofaktoren jener Bundesstaaten erreichen würden, die dabei am besten abgeschnitten haben.

Doch die meisten Menschen in Deutschland wie auch in den USA frönen eher dem möglichst bewegungs- und anstrengungslosen "Fressen, Saufen, Rauchen" bzw. dem Übergewicht, bis der Arzt kommt.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

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[08.10.2015, 13:31:04]
Rudolf Hege 
Einfache Diagnose - schwierige Therapie
Wie so oft - und nicht nur in der Medizin - ist die Diagnose einfacher, als die Therapie. Abgesehen von der Problematik der "richtigen Ernährung" stellt sich die Frage, ob "gesunder Lebensstil" nach Schema F für jeden der gleiche ist. Es gibt ja durchaus sehr widersprüchliche Ergebnisse von Studien. Wollte man sie alle berücksichtigen, wird das Fenster "gesunder Lebensweisen" recht klein - oder aber sehr individuell. Das zeigen auch die Erfahrungen aus der Praxis, die man so im Laufe der Jahre macht. zum Beitrag »
[08.10.2015, 08:17:29]
Dr. Joseph Kuhn 
Risiken und Präventionsmöglichkeiten
Dass unsere subjektive Risikowahrnehmung oft genug fehlgeht, ist bekannt. Es ist sinnvoll, darauf immer wieder einmal aufmerksam zu machen. Allerdings ist ein erkannter Risikofaktor nicht stets zugleich auch ein praktikabler Präventionsansatz. Eine ungesunde Ernährung stellt sicher einen relevanten Risikofaktor dar (Klaus Heilmann stützt sich bei der Bewertung des objektiven Risikos hier vermutlich auf die Global Burden of Disease-Studie 2010 für Deutschland, www.healthmetricsandevaluations.org, die allerdings nicht unproblematisch ist) und dieser Risikofaktor mag unterschätzt werden. Aber was wäre die richtige Ernährungsweise? Die Ernährungsfachleute wechseln ihre Empfehlungen so schnell wie andere das Hemd, nicht allzu viel ist wirklich evidenzbasiert. Beim Rauchen scheint es einfacher. Der Risikofaktor lässt sich vermeiden, indem man sich keine Zigarette ansteckt. Aber hier gilt es zu bedenken, wie eng das Rauchen mit der sozialen Lage verknüpft ist, dass es offensichtlich Teil eines soziokulturellen Habitus ist, der nicht ganz so einfach auf Empfehlung hin abgelegt werden kann, von den bekannten Entwöhnungsproblemen ganz abgesehen. Dennoch ist Klaus Heilmanns Studie, wie gesagt, verdienstvoll. Als Ergänzung vielleicht von Interesse: Subjektive Wirksamkeitsvorstellungen zur Prävention: http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2015/09/26/die-wirksamkeit-von-praeventionsmassnahmen/ zum Beitrag »

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