Ärzte Zeitung, 02.09.2015

Afghanistan

Die Angst vor dem nächsten Bombenanschlag

Bomben, Granatsplitter, Kugeln - Ärzte in afghanischen Krankenhäusern behandeln täglich Kriegsopfer. Nicht selten versorgen ausländische Organisationen die Patienten, doch das internationale Interesse am Konflikt droht zu schwinden.

Die Angst vor dem nächsten Bombenanschlag

Gewalt ohne Ende: Zivile Opfer eines Bombenanschlags in Kabul.

© Anadolu Agency/dpa

KABUL. Es ist zwei Uhr morgens, als Luca Radaelli einen kurzen Blick durch das weiße Tor des Kabuler Krankenhauses wirft. Der Italiener entschuldigt sich sofort, zum Reden ist jetzt keine Zeit.

"Ich bin sehr beschäftigt. Drinnen herrscht das Chaos", sagt er und verschwindet wieder im Inneren des Gebäudes.

Er muss sich um 90 Opfer eines schweren Bombenanschlags kümmern, die in das chirurgische Zentrum für Kriegstraumaopfer in der afghanischen Hauptstadt eingeliefert wurden. Unter den Opfern sind hauptsächlich Frauen und Kinder.

"Wir hatten im vergangenen Jahr 146 Prozent mehr Opfer als 2010", sagt Radaelli, der Afghanistan-Leiter der italienischen gemeinnützigen Organisation Emergency, bei einem weiteren Besuch.

"In den ersten sieben Monaten dieses Jahres haben wir schon 30 Prozent mehr Opfer als 2014." Allein im Juli wurden 362 Patienten im Kabuler Krankenhaus behandelt - ein Rekord für das Zentrum.

Im Einsatz seit 1994

Seit 1994 leistet die humanitäre Organisation Emergency zivilen Armuts- und Kriegsopfern medizinische Hilfe.

In Afghanistan gründete sie ihr erstes Krankenhaus 1999 im Pandschir-Tal im Nordosten des Landes. Zwei Jahre später wurde die Einrichtung in Kabul eröffnet. Ein ehemaliger Kindergarten aus der Sowjet-Ära wurde dafür umfunktioniert.

In den Krankenhäusern und etlichen kleineren Kliniken der Organisation in dem Krisenland sind insgesamt 1500 Menschen beschäftigt, 40 davon aus dem Ausland. "Die Situation ist sehr instabil, die Kämpfe werden immer schlimmer", erklärt Radaelli. Die Zivilbevölkerung sei immer stärker von der Gewalt betroffen.

Nicht selten sind es die Jüngsten, die besonders unter der Situation zu leiden haben. So wie der acht Jahre alte Naeem, der auf der Intensivstation liegt.

An seinem Bett wacht sein besorgter Onkel Abdul Rahim.

"Er spielte mit seinem Cousin in der Nähe einer Straße", erinnert sich der 60-Jährige aus der südöstlichen Provinz Paktika. "Er fand eine Bombe und fing an, damit zu spielen. Er wusste aber nicht, um was es sich handelte."

Immer mehr verletzte Kinder

Die Bombe explodierte, der Junge verlor seine rechte Hand und erlitt schwerste Verletzungen im Gesicht. Sein Kopf ist komplett bandagiert, nur eine kleine Öffnung lässt erahnen, wo Nase und Mund sind. Ob er jemals wieder sehen kann, wissen die Ärzte noch nicht.

"Jedes Jahr werden mehr Kinder verletzt", sagt Roberto. Laut den Vereinten Nationen haben Frauen und Kinder in diesem Jahr in Afghanistan besonders unter konfliktbezogener Gewalt zu leiden.

Zwischen Januar und Juni sind demnach 23 Prozent mehr Frauen und 13 Prozent mehr Kinder getötet oder verletzt worden als im Vorjahreszeitraum.

Einrichtungen wie das Emergency-Krankenhaus in Kabul veranschaulichen, wie dringend humanitäre Hilfe in Afghanistan benötigt wird.

Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz und Ärzte ohne Grenzen leiten ähnliche Einrichtungen in verschiedenen Teilen des Landes. Im vom Roten Kreuz geführten Mirwais-Krankenhaus in der südafghanischen Stadt Kandahar wurden im letzten Jahr rund 250.000 Menschen behandelt.

"Die Verletzungen sind schlimmer denn je, weil Straßenbomben und Minen eingesetzt werden", sagt Radaelli. Hinzu kommen die weiten Wege zu einem Krankenhaus.

"Manchmal brauchen Patienten drei Tage, um hierher zu reisen." Der Rückzug der internationalen Truppen aus Afghanistan und die immer geringere Finanzhilfe bereiten Radaelli Sorgen. (dpa)

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