Ärzte Zeitung, 08.09.2015

Welttag

Das wachsende Problem von Analphabetismus

In Deutschland ist etwa jeder siebte Erwachsene "funktionaler Analphabet". Und es könnten noch mehr werden. Die Unesco rückt das Thema am 8. September mit dem "Weltalphabetisierungstag" in den Fokus.

Von Werner Herpell

Das wachsende Problem von Analphabetismus

Problem Sprache: Rund 7,5 Millionen "funktionale Analphabeten" soll es in Deutschland geben.

© Yantra / fotolia.com

BERLIN. Viele Jahre saß bei Tim-Thilo Fellmer "immer die Angst im Nacken, aufzufliegen". Der Grund: Er konnte kaum lesen und schreiben.

Heute gilt der einstige Analphabet als Musterbeispiel, wie sich das im Beruf und im Alltag belastende Defizit überwinden lässt: Der 47-jährige Hesse schreibt Kinderbücher wie "Fuffi der Wusel", wirbt in Vorträgen für Alphabetisierung, ist Mutmacher für Betroffene.

Rund 7,5 Millionen "funktionale Analphabeten" gibt es in Deutschland. Die Zahl stammt aus der "leo.-Level-One-Studie" der Uni Hamburg von 2011. Danach gibt es bundesweit doppelt so viele Menschen mit erheblichen Lese- und Schreibproblemen wie zuvor angenommen.

Obwohl sie meistens zur Schule gegangen sind, können mehr als 14 Prozent aller Erwachsenen zwischen 18 bis 64 wegen stark begrenzter Lese- und Schreibfähigkeiten "nur eingeschränkt am gesellschaftlichen Leben teilhaben", so das Servicebüro "Lesen & Schreiben - Mein Schlüssel zur Welt".

Knapp 60 Prozent davon sind erwerbstätig - oft, wie früher Tim-Thilo Fellmer, mit der andauernden Furcht, mit ihrem Problem ertappt zu werden.

Männer sind häufiger betroffen

Menschen gelten als "funktionale Analphabeten", wenn sie zwar Buchstaben, Wörter und einfache Sätze lesen und schreiben können, jedoch Mühe haben, zusammenhängende Texte zu lesen und zu verstehen. 58 Prozent davon haben Deutsch als erste Sprache gelernt (4,4 Millionen). Männer sind mit 60 Prozent häufiger betroffen als Frauen.

Analphabetismus im engeren Sinne betrifft laut Studie in Deutschland gut vier Prozent der Erwerbsfähigen - etwa 2,3 Millionen Menschen.

Sie können nur einzelne Wörter lesen, verstehen und schreiben - nicht aber ganze Sätze. Rund 300.000 Menschen hierzulande können nicht mal ihren Namen richtig schreiben.

Gründe können soziale Probleme oder mangelnde Unterstützung in der Schule sein. Oft konnten schon die Eltern nicht ausreichend lesen oder schreiben.

Beruflich kann das Defizit gravierende Folgen haben, zum Beispiel bei der Berufswahl - und dazu führen, dass die finanzielle Situation prekär wird.

Mit dem Welttag der Alphabetisierung der Vereinten Nationen erinnert die UN-Kulturinstitution Unesco Jahr für Jahr am 8. September an ein globales Problem: "Weltweit können etwa 774 Millionen Menschen nicht lesen und schreiben", heißt es in der offiziellen Mitteilung. "Fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen und Mädchen."

Dekade für Alphabetisierung

Gerade erst haben die Koalitionspartner CDU/CSU und SPD im Bundestag die schwarz-rote Regierung aufgefordert, "eine "Nationale Dekade für Alphabetisierung" auszurufen".

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz, Brunhild Kurth (beide CDU), sagte verstärkte Bemühungen zu. Denn sie frage sich: "Reichen Angebot und Nachfrage und die bisherigen Maßnahmen zur Alphabetisierung noch aus?"

Bund und Länder nehmen viel Geld für das Thema in die Hand - und es dürfte noch mehr werden. Allein Sachsen stelle in der zweiten Förderperiode 15 Millionen Euro für sieben Jahre bereit, sagt die Dresdner Kultusministerin Kurth.

Das Bundesbildungsministerium startete vor vier Jahren eine Initiative mit rund 20 Millionen Euro, die 2015 ausläuft. Für eine Info-Kampagne stellte das Ressort weitere 5 Millionen Euro bereit.

Das Thema wird auch angesichts aktueller weltpolitischer Entwicklungen in Deutschland noch an Bedeutung gewinnen. Hunderttausende Flüchtlinge kommen nach Deutschland.

Viele von ihnen sind gut ausgebildet, doch auch Analphabeten sind unter den Neuankömmlingen. Diese seien aber wohl gut zu erkennen, sagt Kurth.

"Wenn die Erwachsenen in Deutschkurse gehen oder die Kinder in eigenen Klassen unterrichtet werden - dann bemerkt man schnell, ob es sich um Analphabeten handelt. Hier haben wir eine große Chance", sagte sie. (dpa)

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