Ärzte Zeitung, 09.10.2015

Sabah aus Syrien

Nierenkrank und auf der Flucht

Vor gut einem Jahr bekam die neunjährige Sabah in Aleppo gerade eine Dialyse, als das Krankenhaus angegriffen wurde. Sabah und ihre Mutter mussten fliehen, das Mädchen mit Dialyseschlauch im Hals.

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Zahlreiche Familien mit Kindern kommen in diesen Tagen in Mitteleuropa an - so wie diese auf dem Wiener Hauptbahnhof.

© Alex Halada / dpa

ALEPPO/BONN. Sabahs Nieren arbeiten nicht mehr richtig. Die Zehnjährige braucht dringend eine Dialyse - doch während der Blutwäsche wird ihr Krankenhaus im syrischen Aleppo angegriffen und die junge kurdische Jesidin muss mit ihrer schwangeren Mutter fliehen.

Nach der kräftezehrenden Flucht findet Sabah - sie wog gerade einmal 16 Kilo - Hilfe am Universitätsklinikum Bonn. Die dortigen Kindernephrologen ergreifen die notwendigen Sofortmaßnahmen, eine Dialyse ist aber erst einmal nicht mehr notwendig.

Seitdem betreuen sie die schwer Nierenkranke, die seit kurzem in Bonn auch zur Schule geht.

Ausgelöst wurden die Nierenprobleme durch eine Refluxerkrankung, So hatte Sabah häufiger eine Nierenbeckenentzündung und ihre Nieren vernarbten. Lange blieb die Erkrankung in ihrer Heimat unerkannt, so dass Sabah vermutlich über Jahre medizinisch unzulänglich behandelt wurde.

Flucht durchs Minenfeld

"Dabei waren und sind engmaschige Untersuchungen absolut erforderlich. Denn aufgrund ihrer fortgeschrittenen Grunderkrankung kann Sabah auch hier in Deutschland wieder dialysepflichtig werden und auch eine Nierentransplantation kann anstehen", sagt Professor Dr. Bernd Hoppe, Leiter des Schwerpunktes pädiatrische Nephrologie und Oberarzt in der Allgemeinen Pädiatrie des Universitätsklinikums Bonn.

Zweimal war Sabah bisher in Syrien akut auf eine Dialyse angewiesen, so auch im August 2014 als ihr Krankenhaus in Aleppo angegriffen wurde.

Ihre schwangere Mutter und Sabah mussten Hals über Kopf fliehen. Es blieb noch nicht einmal die Zeit, den Dialyseschlauch am Hals zu entfernen.

Mit einer Gruppe von Ärzten erreichten sie nach einer beschwerlichen und hektischen Reise die Türkei. Dabei mussten sie auch ein Minenfeld durchqueren. Von dort aus ergatterten Mutter und Tochter innerhalb von zehn Tagen Plätze in einem Flugzeug nach Deutschland, nachdem die Mutter ihren letzten Schmuck verkauft hatte.

Am 16. September des vergangenen Jahres landeten sie am Flughafen Köln/Bonn und die zu der Zeit Neunjährige wurde kurz darauf in die Bonner Uni-Kinderklinik eingeliefert. "Ich war so froh, dass wir es hierher geschafft hatten und meine Tochter eine Chance hatte", sagt die 37-jährige Mutter.

Infektion blieb aus: "Ein Wunder"

"Sabah hatte ganz viel Glück. Es ist ein Wunder, dass unsere Patientin keine Infektion am Zugang des Dialyseschlauches oder eine Blutinfektion hatte", sagt Dr. Markus Feldkötter, Kindernephrologe und Oberarzt in der Allgemeinen Pädiatrie des Universitätsklinikums Bonn.

Daher sei es sehr wichtig gewesen, nach Erhalt der ersten Blutwerte den Katheter zu entfernen und anschließend die Nierenfunktion der kleinen Patientin zu stabilisieren.

Seither braucht Sabah keine künstliche Dialyse mehr. Trotzdem haben ihre Ärzte Vorkehrungen getroffen, sie sind darauf eingestellt, sofort bei Bedarf eine Blutwäsche durchführen zu können.

"Ich wünsche mir, dass sie wieder ganz gesund wird", sagt Sabahs Mutter. Seit kurzem geht das junge Mädchen in die Schule und sie lernt gerne.

Großer Dank für die Ärzte

Was die deutsche Sprache betrifft, bekam sie schon vorher aus dem privaten Umfeld Unterstützung. Derzeit leben sie und ihre Mutter mit ihrem kleinen Bruder, der Anfang März am Universitätsklinikum Bonn geboren wurde, in einem kleinen Zimmer in einem Flüchtlingsheim.

Beide danken den Ärzten, dem Klassenlehrer und der Nachhilfelehrerin, die ihnen geholfen haben. Jetzt hofft die Mutter, bald eine Wohnung zu finden.

"Dies ist sehr wichtig. Denn in einer solchen Massenunterkunft kann sich Sabah leicht infizieren und bei jeder noch so kleinen Infektion ist eine akute, dialysepflichtige Verschlechterung möglich", sagt Hoppe. Langfristig hoffen Mutter und Tochter endlich den Vater und drei ältere Geschwister, die noch in Syrien sind, wieder in die Arme zu schließen. (eb)

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