Ärzte Zeitung, 23.10.2015

Ärzte in der Nazi-Zeit

Kammergeschichte voller Widersprüche

Nach der NS-Machtübernahme überschlugen sich in der hessischen Ärzteschaft die Ereignisse.

Von Pete Smith

Kammergeschichte voller Widersprüche

Erforschen die Geschichte der Kammer Hessen: Benno Hafeneger, Lucas Frings, Markus Felke, Siegmund Drexler (v.l.).

© Landesärztekammer Hessen

Die Geschichte der organisierten Ärzteschaft in Hessen reicht bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. 1876 konstituierte sich der "Hessische ärztliche Zentralausschuß", ein Vorläufer der heutigen Landesärztekammer, dessen Delegierte aus regionalen ärztlichen Vereinen im Auftrag der damaligen Obermedizinaldirektion gewählt wurden.

Mit der Reform der staatlichen Medizinalorganisation im Großherzogtum Hessen sowie der Gründung von ärztlichen Kreis- und Stadtvereinen war die Absicht verbunden, die Mitwirkung der Ärzte in der öffentlichen Gesundheitspflege zu verankern und ihr eine Organisationsform zu geben.

Zentrales Informationsorgan war das 1891 gegründete "Korrespondenzblatt der ärztlichen Vereine des Großherzogtums Hessen", das 1920 eingestellt wurde.

Am 9. Juli 1924 wurde die "Hessische Ärztekammer" als öffentlich-rechtliche Berufsvertretung der hessischen Ärzte gegründet, der zunächst 20 Mitglieder angehörten. Erster Vorsitzender war der Geheime Sanitätsrat Dr. Karl Habicht, dem 1928 Sanitätsrat Dr. Karl Brüning nachfolgte.

Der 1. Hessische Ärztetag fand vom 11. bis 13. September 1926 in Bad Nauheim statt. Im selben Jahr erschien auch das erste "Hessische Ärzteblatt" als offizielles Organ der "Hessischen Ärztekammer", dessen Schriftleitung ab 1930 Dr. Carl Oelemann inne hatte.

Einige Themen des Blatts muten durchaus modern an, beispielsweise die "Not der Ärzte", die Arbeitslosigkeit unter Jungärzten infolge von zu vielen Medizin-Studienplätzen, der Kampf gegen Alkohol, die Impfdebatte und die Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten.

Jüdische Ärzte wurden entrechtet

Unmittelbar nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 vollzogen beide hessische Ärztekammern eine radikale Umstrukturierung im Sinne der neuen Ideologie. Durch Verordnung vom 22. April 1933 wurde allen jüdischen und kommunistischen Ärzten in Deutschland die Kassenzulassung entzogen.

Zu dieser Zeit waren zwischen 15 und 16 Prozent aller Ärzte im Deutschen Reich jüdischer Abstammung.

Infolge ihrer systematischen Entrechtung und Verfolgung emigrierten oder flohen viele jüdische Ärzte, andere wurden deportiert und ermordet. In den Unterlagen, die den am Projekt beteiligten Wissenschaftlern zur Verfügung stehen, findet sich darüber nur wenig, einzig die Abmeldungen jüdischer Ärzte in dieser Zeit erlauben Rückschlüsse auf das Ausmaß ihrer Entrechtung.

"Abteilung für Rassenpflege

Bereits im Oktober 1933 waren die hessischen Ärztekammern "gleichgeschaltet" und beschrieben in ihren ersten Beschlüssen den Weg, den man künftig gehen wollte. Die Ärztekammer des Volksstaats Hessen gründete beispielsweise eine "Abteilung für Erbgesundheits- und Rassenpflege", während die Ärztekammer für die Provinz Hessen-Nassau ihre Mitglieder aufforderte, an Veranstaltungen zur Rassenpolitik teilzunehmen und "die in jahrelangem opfervollem Kampf dem Führer treu ergebenen SA-Männer durch eine Geldspende zu unterstützen".

Mit Otmar Freiherr von Verschuer und seinem Doktoranden Josef Mengele wirkten zwei der berüchtigtsten Rassehygieniker der NS-Zeit bis 1942 in Frankfurt am Main.

Nach dem Krieg veranlasste die US-Militärregierung eine umfangreiche Entnazifizierung der hessischen Ärzte und gefährdete dadurch, zumindest deren Meinung nach, die medizinische Versorgung der Bevölkerung im kriegszerstörten Land.

Warnungen vor einem medizinischen Notstand sind im Nachlass von Dr. Carl Oelemann wiederholt zu finden. Er war Präsident der Ärzteschaft Groß-Hessens von 1946 bis 1956. Bereits im Dezember 1945 wurde mit der Errichtung des Landes Groß-Hessen (später Hessen) die "Ärzteschaft Groß-Hessens" gegründet, deren erster Präsident Dr. Paul Hofmann wurde, ein zum evangelischen Glauben konvertierter Jude, der während der Novemberpogrome 1938 vorübergehend ins KZ Buchenwald verschleppt worden war.

Paracelsus-Medaille für außerordentliche Verdienste

Sein Nachfolger wurde im Juli 1946 Oelemann, der ein Jahr später auch Vorsitzender der in Bad Nauheim gegründeten "Arbeitsgemeinschaft Westdeutscher Ärztekammern", der Vorläuferorganisation der heutigen Bundesärztekammer, wurde.

Unter Oelemann gelang es der hessischen Ärzteschaft 1956 nach langem Kampf auch endlich, eine Landesärztekammer Hessen als Körperschaft öffentlichen Rechts einzurichten. Für seine Verdienste um das Ansehen der Ärzte erhielt Oelemann 1956 die Paracelsus-Medaille, also die höchste Auszeichnung der deutschen Ärzteschaft.

Die Arbeit an der Studie geht weiter. Professor Benno Hafeneger, Hochschullehrer für Erziehungswissenschaften und außerschulische Jugendbildung an der Philipps-Universität Marburg, sowie dessen Mitarbeiter Marcus Velke (M.A.) und Lucas Frings (B.A.) haben Zwischenergebnisse vorgelegt, die neugierig machen auf die Endfassung dieser Untersuchung.

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