Ärzte Zeitung, 23.11.2015

In Frankfurt

Ausstellung zum 100. Todestag zeigt, wie Paul Ehrlich forschte

"Arsen und Spitzenforschung" heißt die Ausstellung zum 100. Todestag von Paul Ehrlich in Frankfurt am Main. Besucher erhalten einen Überblick über das wissenschaftliche Werk Ehrlichs, und sie erfahren mehr über den Menschen hinter dem Nobelpreisträger.

Von Michael Hubert

Ausstellung zum 100. Todestag zeigt, wie Paul Ehrlich forschte

Blick in eine Vitrine der Ausstellung: Die Exponate sind unter anderem aus New York entliehen.

© Michael Hubert

FRANKFURT / MAIN. Ganz schön chaotisch - das könnte der erste Eindruck von Besuchern der Ausstellung "Arsen und Spitzenforschung - Paul Ehrlich und die Anfänge einer neuen Medizin" sein.

Denn der Mediziner, Forscher und Nobelpreisträger sitzt auf seinem Originalstuhl inmitten von Büchernstapeln, Zeitschriften und wissenschaftlichen Artikeln.

Es ist der Nachbau eines bekannten Fotos, das Ehrlich zeigt. Die integrierte Hörstation spielt Nachrufe von Wegbegleitern wie etwa Emil von Behring ab.

Anlass für die Ausstellung in Frankfurt am Main ist der 100. Todestag Ehrlichs am 20. August. Sie war zuvor bereits im Medizinhistorischen Museum der Charité in Berlin zu sehen.

Ehrlich färbt am längsten

Die Ausstellung

Zu sehen sind 220 Originalobjekte

Unter den 30 Leihgebern sind das Rockefeller Archive Center in Sleepy Hollow, New York, das Paul-Ehrlich-Institut in Langen und das Georg-Speyer-Haus in Frankfurt am Main.

Geöffnet ist die Ausstellung dienstags bis sonntags von 10 bis 17 Uhr, mittwochs bis 21 Uhr. Sie läuft noch bis 3. April 2016.

Weitere Informationen gibt es auf www.historisches-museum.frankfurt.de.

In den fünf farblich unterschiedenen Bereichen der Ausstellung ist vieles rund, genau wie im Leben Ehrlichs: etwa die Petrischale, das Okularbild im Mikroskop, die Zigarre. In den eingelassenen Vitrinen sind Fläschchen mit Farben zu sehen, dem ersten Forschungsbereich Ehrlichs.

Ergebnisse waren hier die Entdeckung der Mastzellen oder die Ehrlich-Reaktion in Urinproben als Hinweis auf eine Typhus-Infektion. Aus dieser Zeit stammt auch der Spruch "Ehrlich färbt am längsten", mit dem seine Mitarbeiter die unendlichen Versuchsreihen kommentierten.

Ehrlich war Mitbegründer der Immunologie, seinem zweiten Forschungsbereich. Durch seine Optimierung des Behring'schen Diphtherie-Serums gelang es, dem "Würgeengel der Kinder" einen Großteil seines Schreckens zu nehmen.

Das ausgestellte Feuchtpräparat des Pharynx eines an Diphtherie verstorbenen Kindes veranschaulicht diesen Schrecken. Mit seiner Seitenkettentheorie erklärte Ehrlich die Bildung von Antikörpern, in der Ausstellung deutlich gemacht anhand einer Videoanimation.

Für seine immunologische Forschung erhielt Ehrlich 1908 den Medizin-Nobelpreis. Die Originalurkunde ist ausgestellt. Dokumentiert ist auch, dass Ehrlichs Genie zunächst verkannt wurde. So äußerte einer seiner Professoren: Der kleine Ehrlich ist ein guter Färber, aber sein Examen wird er nie machen.

Jagd führt zum Salvarsan

Die "Jagd nach der Zauberkugel" ist der dritte Forschungsteil. Der Mediziner war überzeugt davon, dass es gegen Krankheiten chemische Substanzen gibt, die (fast) frei von Nebenwirkungen sind. Seine Jagd führte ihn zum Salvarsan ("heilendes Arsen"), dem ersten Antibiotikum gegen die weitverbreitete Syphilis.

Zahlreiche Exponate drehen sich um die korrekte Handhabung und Injektion der Substanz, die Nebenwirkungen und die Krankheit selbst. Es fehlt auch nicht der "Salvarsan-Skandal", in dem den Farbwerken Hoechst als Hersteller des Arzneimittels die immense Gewinnspanne vorgehalten wird.

Zudem wurde die Wirksamkeit ebenso angezweifelt, wie die Nebenwirkungen bei unsachgemäßem Gebrauch in den Vordergrund gestellt wurden. Das alles zu Beginn des 20. Jahrunderts und ganz ohne GBA, IQWiG und AMNOG.

So durch und durch Wissenschaftler Ehrlich auch war, die Samstage gehörten dem Krimi, denn samstags wurde die "Kriminal-Wochenschrift" ausgeliefert. Seiner Sekretärin zufolge konnten nur spannende Kriminalgeschichten den Forscher von der wissenschaftlichen Arbeit ablenken.

Ein Brief des britischen Arztes und Schriftstellers Arthur Conan Doyle ("Sherlock Holmes") an Paul Ehrlich schließt diesen Teil der Biografie.

Keine ordentliche Professur

Ausgestellt sind auch der Federhalter und Monogrammstempel, den Ehrlich zur Konfirmation - so nannten die Reformjuden in Deutschland die Bar Mitzwa - erhalten hatte. Trotz seiner Erfolge in der Forschung und der Entwicklung von Arzneimitteln erhielt Paul Ehrlich keine ordentliche Professur an einer deutschen Uni.

Dies war Ausdruck der Benachteiligung jüdischer Wissenschaftler im Kaiserreich. Zum Christentum konvertieren wollte Ehrlich jedoch nicht, auch wenn es ihm Vorteile gebracht hätte. Erst mit der Errichtung der Stiftungsuniversität Frankfurt 1914 erhielt er einen Lehrstuhl für Experimentelle Therapie und Pharmakologie.

In der Satzung hieß es: Die Konfession darf keine Rolle bei der Besetzung von Stellen und Lehrstühlen spielen. Zweidrittel des Gründungskapitals stammten von jüdischen Spendern.

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