Ärzte Zeitung, 20.11.2015

Sonderausstellung

Aids-Aufklärung mal anders

Eine Sonderausstellung in Dresden zeigt Aids als Medienereignis in den 1980er und frühen 1990er Jahren. Bei "Aids - Nach einer wahren Begebenheit" stehen dabei 240 Plakate aus aller Welt im Mittelpunkt - und eine ganz persönliche Frage.

Von Luise Poschmann

AIDS-Aufklärung mal anders

Auf roten Sitzkissen können Besucher das Gesehene sacken lassen.

© Oliver Killig

Dresden. Am Anfang steht eine Frage, die die Gästeführerin im Deutschen Hygiene-Museum in Dresden den Besuchern stellt. Es ist dieselbe, mit der auch der kroatische Kunsthistoriker Vladimir Cajkovac an Menschen herangetreten ist, bevor er die dort aktuelle Sonderausstellung konzipierte. "Welche Bilder kommen Ihnen in den Kopf, wenn Sie an Aids denken?"

Die Antworten sind mal unterschiedlich, oft sind sie ähnlich: Tod, Homosexualität, Drogen, Kondome oder die Farbe Rot. "Woher kommen diese Bilder?" war die Frage, die Cajkovac nun wiederum sich selbst stellte.

Eine Antwort versucht jetzt seine Ausstellung in dem traditionsreichen Museum zu geben. Sie trägt den Titel "Aids - Nach einer wahren Begebenheit" und ist noch bis zum 21. Februar 2016 zu sehen.

AIDS-Aufklärung mal anders

1985 Aids macht Sex zu einem Risiko. Mithilfe von Aufklärungskampagnen soll die Gefahr der Krankheitsübertragung minimiert werden. 1985 veröffentlicht die Deutsche AIDS-Hilfe ihr erstes Plakat. Es wirbt für Safer Sex.

© Deutsche AiDS-Hilfe

Es ist eine multimediale Inszenierung, die den Besucher zumeist chronologisch durch ein Thema führt, das noch immer ein Tabu ist. Im Zentrum stehen dabei 240 Plakate aus aller Welt, die dem enormen Fundus des Deutschen Hygiene-Museums entnommen sind.

Das beherbergt in seinen Archiven nämlich rund 10.000 Plakate aus 147 Ländern, die sich alle rund um Aids und HIV drehen.

Selbsthilfegruppen und Verbände klärten auf

Bis heute ist AIDS eine unheilbare Infektionskrankheit mit oft tödlichem Ausgang, ihre Diagnose war seit jeher ein Schock. Und zwar nicht nur für den Patienten, sondern auch für die Familie, Nachbarn, die Gesellschaft, Medizin und Politik. Aids berührt grundlegende Fragen des Zusammenlebens, der Sexualität, Schuld, Scham, Verantwortung und Fürsorge. Oft wurde lieber darüber geschwiegen.

So waren es zuerst auch nicht offizielle Stellen, die öffentlich über Aids aufklärten, sondern vor allem Selbsthilfegruppen und Schwulenverbände.

Ein Plakat der 1982 gegründeten Gay Men's Health Crisis aus New York, einer der weltweit ersten Betroffenen-Organisationen, zeigt im Jahr 1986 zwei nackte, wohlgeformte, männliche Oberkörper, die einander zugewandt sind. Geworben wird für den Gebrauch von Kondomen, offensichtlich richtet sich die Botschaft an Homosexuelle.

Auffällig ist, was das Bild nicht zeigt, ebenso wie die meisten Darstellungen aus dieser Zeit: Es gibt keine Gesichter, die Männer bleiben anonym. Auch sind ihre Körper perfekt und nicht von der Krankheit gezeichnet.

Krankheit der Homosexuellen?

AIDS als Krankheit der Homosexuellen, Prostituierten und Drogenabhängigen ist das Bild, das in den ersten Jahren von der Krankheit vermittelt wird. Einigen gilt Aids als Strafe Gottes für ein sündhaftes Leben, etliche Verschwörungstheorien ranken sich darum.

"Die Krankheit der Anderen" heißt auch der erste Abschnitt in der Ausstellung - die breite Gesellschaft fühlt sich nicht betroffen.

Doch das ändert sich rasant, je mehr Menschen erkranken. Prominente offenbaren sich, Behörden veröffentlichen erste eigene Plakate. Einige werden als zu harmlos verschmäht, andere landen wieder in den Schubladen.

Unter anderem wird auch die Darstellung eines Kondoms in einer Damenhandtasche verboten, das 1987 vom Department of Health in New York konzipiert worden war. Es rufe zum Sex mit wechselnden Partnern auf, so der Vorwurf.

Als Reaktion auf die jahrelange Untätigkeit und das zuerst beharrliche Schweigen der Behörden entwickelt die Gruppe ACT UP ab 1987 radikale Plakatkampagnen, die mit dem Slogan "silence = death" auch direkt Politiker wie den damaligen US-amerikanischen Präsidenten Ronald Reagan für Aids-Tote verantwortlich machen.

Sie bedienen sich dabei sogar des Symbols für Homosexuelle in der NS-Zeit; den sogenannten Rosa Winkel, den sie für ihre Zwecke allerdings um 180 Grad drehen.

Kritische Auseinandersetzung

Der Fall des mit HIV infizierten Teenagers Ryan White bringt eine weitere Wende in der öffentlichen Wahrnehmung der Krankheit. Denn er bekam Aids 1985 durch eine Bluttransfusion und galt damit als selten "unschuldiges" Opfer, ebenso wie mit HIV infizierte Babys.

Die Krankheit bekommt zunehmend ein Gesicht, auch auf zahlreichen Plakaten. Aids ließ sich nicht mehr ignorieren.

Um 1990 entstehen die ersten Symbole und Bilder, die bis heute die Vorstellung von Aids stark prägen: Die rote Schleife, eine auf Schock ausgelegte Kampagne des Modeherstellers Benetton und auch der Kinofilm "Philadelphia", der sich als erster Hollywood-Streifen und mit prominenter Besetzung im Jahr 1993 kritisch mit dem Umgang mit an Aids erkrankten Homosexuellen auseinandersetzte.

An einigen Stellen wird die Ausstellung durch Videosequenzen aus unterschiedlichen Filmen und Aufklärungsvideos ergänzt. Auch Kunst und Dokumente spielen eine Rolle.

Vielfältige Visualisierung

Eine vollständige mediale Durchdringung des Themas in die Gesellschaft hinein bleibt das Museum durch den Schwerpunkt auf das Plakat zwar schuldig. Dennoch gelingt es, die Darstellung von AIDS im Wandel der Zeit zu zeigen.

Deutlich wird dies zum Beispiel eindrucksvoll am Plakat "Kann ich dich zu Safer Sex verführen?" des niederländischen Aids-Aktivisten Martin Schenk aus dem Jahr 1995. Schenk - der ein Jahr später starb - posiert selbstbewusst mit nacktem Oberkörper und lächelt in die Kamera. Seine Brust, Arme und Beine sind aber schwer vom Kaposi-Sarkom, einem Aids-typischen Hautkrebs, gezeichnet.

Die Visualisierung des Virus selbst ist international vielfältig. Sie reicht von Aids als Schlange (Marokko) über Stachelbomben (Sansibar) bis hin zu fiktionalen Monstern (USA) oder einer überdimensionierten Krake (Kuwait). Einige von ihnen wirken - sicher oft unfreiwillig - skurril.

Der Eindruck, den sie hinterlassen, zeigt aber auch, in welchem interessanten Zwischenstadium sich das Thema in Deutschland befindet. Einerseits sind etliche Aspekte Historie, andererseits gab es 2014 bundesweit 3200 neue HIV-Infektionen. Von abgeschlossener Geschichte kann also keine Rede sein.

Für den Kurator Cajkovac ist diese Schwelle gewollt und reizvoll. Ältere Besucher sollten ihre Erinnerungen auffrischen, jüngere ihre Vorurteile testen und ihr Wissen überprüfen, erklärt Cajkovac.

Eigene Bilder finden

Im letzten Raum sind Plakate noch einmal thematisch gebündelt unter Schlagwörtern wie "Familie", "Kondom" oder "Medikamente". Sie wirken wie ein Konglomerat aus noch nicht gezeigten Bildern, noch nicht gesagten Dingen, noch nicht zur Schau gestellten Kreativität der Gestalter.

So ist es gut, dass große, knallrote Sitzsäcke in dem Raum dazu einladen, noch einmal den Blick über die Vielfalt der Plakate schweifen zu lassen und zu überprüfen, welches Bild einem nun, nach dem Betrachten der vielfältigen Ausstellung, beim Schlagwort Aids in den Kopf kommt.

Lesen Sie dazu auch:
Interview: Ärzte sprachen von Aids-Patienten als "Aussätzigen"

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