Ärzte Zeitung, 04.12.2015

Eilke Brigitte Helm

Aids-Ärztin der ersten Stunde

Professor Eilke Brigitte Helm nahm sich Aids-Patienten an, als die Krankheit noch weitgehend unbekannt war – und Diskriminierung den Umgang dominierte. Jetzt verabschiedet sich die Frankfurter Ärztin in den Ruhestand.

Von Pete Smith

Aids-Ärztin der ersten Stunde

Immer im Einsatz für Aids-Patienten: Professor Eilke Brigitte Helm in der Infektiologie der Uniklinik Frankfurt.

© Markus Bickel

FRANKFURT/MAIN. Im Haus 68 des Universitätsklinikums Frankfurt am Main herrscht im Spätwinter 1987 Alarmstimmung. "Durch die unsinnige Aktion in Bayern bricht unsere Ambulanz demnächst zusammen", schreibt Professor Eilke Brigitte Helm am 13. März 1987 an Professor Johanna L'age-Stehr vom Robert-Koch-Institut in Berlin.

"Die Zahl der Patienten hat exorbitant zugenommen. Verglichen mit dem Anstieg der Erkrankungszahlen sind die Reaktionen der Krisenbewältiger, sprich Klinikchef und Politiker, sehr langsam. Bis heute haben wir immer noch keine offizielle Unterstützung bekommen."

Mit der "unsinnigen Aktion" ist jener "Maßnahmenkatalog" gemeint, mit dem der CSU-Politiker Peter Gauweiler, Staatssekretär im Bayrischen Innenministerium, auf Grundlage des Bundesseuchengesetzes die Aids-Epidemie eindämmen will.

Wer "ansteckungsverdächtig" sei, gemeint sind männliche und weibliche Prostituierte sowie "intravenös Drogensüchtige", habe "Vorladungen des Gesundheitsamtes Folge zu leisten und die erforderlichen Untersuchungen zu dulden".

Notfalls mit körperlicher Gewalt

Professor Eilke Brigitte Helm

Aids-Ärztin der ersten Stunde

© Smith

1936 in Nürnberg geboren, hat sie 1956 in Kassel ihr Abitur absolviert. Von 1957 bis 1964 studierte sie in Frankfurt am Main Medizin. Nach ihrem Abschluss arbeitete sie als Medizinalassistentin, bevor sie ab 1978 als Oberärztin am Zentrum der Inneren Medizin des Frankfurter Universitätsklinikums tätig wurde, wo sie sich bis 2003 schwerpunktmäßig den Infektionskrankheiten unter Einschluss der HIV-Infektion widmete..

Der Titel ihrer 1969 vorgelegten Dissertation lautete „Keime der Aeromonas-Gruppe als Erreger menschlicher Erkrankungen“. Ihre Habilitation erfolgte 1976 zum Thema „Antibakterielle Aktivität von Antibiotika in Körperflüssigkeiten“. Von 1983 an war sie Honorarprofessorin, später Mitglied des Nationalen Aids-Beirates und Mitherausgeberin der Loseblattsammlung „Aids und die Vorstadien“, einer Publikation des Springer-Verlags.

Auszeichnungen hat Professor Eilke Brigitte Helm viele erhalten: 1987 das Bundesverdienstkreuz, 1992 den Hessischen Wissenschaftspreis und den Heinz-Ansmann-Preis für Aids-Forschung, 1997 die Ehrenplakette der Stadt Frankfurt am Main und 2003 das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland. (smi)

Zum Schutz der bayrischen Volksgesundheit müssen "Ansteckungsverdächtige" einen HIV-Antikörper-Test über sich ergehen lassen, wozu sie notfalls auch mit körperlicher Gewalt gezwungen werden können.

Fällt der Test positiv aus, dürfen Betroffene weder Blut noch Sperma, Organe oder Gewebe spenden, Prostituierte keine Freier mehr bedienen und Mütter ihre Kinder nicht mehr stillen.

Bei "nachweisbarer Uneinsichtigkeit" können HIV-Positive "abgesondert" werden, für sie sollen "geeignete Absonderungseinrichtungen" eingerichtet werden.

Kaum ist der Maßnahmenkatalog publik, fliehen etliche HIV-Patienten über die bayrisch-hessische Grenze nach Frankfurt am Main.

Im Haus 68, wo unter Leitung von Professor Wolfgang Stille und seiner Oberärztin Professor Eilke Brigitte Helm eine Ambulanz zur Betreuung und Behandlung von Menschen mit HIV und Aids eingerichtet worden ist, müssen sie nicht fürchten, kriminalisiert zu werden. Zudem ist die Frankfurter Ambulanz Vorreiter im Kampf gegen Aids.

Professor Eilke Brigitte Helm hat bereits 1982 die ersten Patienten behandelt und die damals nahezu unbekannte Erkrankung wissenschaftlich beschrieben - als erste Ärztin in Deutschland.

An die Verdienste der bedeutendsten deutschen Pionierin im Kampf gegen Aids haben Kollegen und Weggefährten aus Anlass eines wissenschaftlichen Symposiums zur Verabschiedung von Professor Helm in Frankfurt am Main erinnert. Eigentlich wollte man sie mit diesem Symposium überraschen.

"Aber wer ihre Neugier kennt", sagte Dr. Thomas Lutz, Facharzt für Innere Medizin und Infektiologie am Frankfurter Infektiologikum und einer ihrer vielen Schüler, "dem war klar, dass sie das rausbekommt."

Ihre Teilnahme an der Veranstaltung habe sie schließlich von drei Voraussetzungen abhängig gemacht: keine Geschenke, kein Heiligenschein und die Zusicherung, selbst auch eine Rede halten zu dürfen. Am Ende erfüllte man ihr zumindest ihren letzten Wunsch.

Patient Nummer 1 war Engländer

An die Anfänge der Aids-Epidemie in Deutschland erinnerte Professor Frank-Detlef Goebel, ehemaliger Leiter der Infektiologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Die Statistiken des RKI hätten für das Jahr 1982 insgesamt vier Aids-Patienten in Deutschland aufgewiesen: einen in München, einen in Berlin und zwei in Frankfurt am Main.

"Patient Nummer 1 war ein 25 Jahre alter lediger Engländer, der als Übersetzer in München lebte", so Goebel.

"Er hatte seit drei Wochen einen zunehmenden Hautausschlag an beiden Beinen, Zahnfleischbluten, eine geringfügig vergrößerte Milz sowie eine Thrombozytopenie unklarer Genese. Offenbar war er vorher nie ernsthaft krank gewesen."

Zunächst habe man versucht, die Symptome durch Kortison zu lindern, eine Behandlung, die jedoch nicht anschlug. Als sich der Patient als homosexuell zu erkennen gab, kam schnell der Verdacht auf, dass es sich um Aids handeln könne.

Doch die Bestimmung der CD4-Zellen dauerte damals sechs (!) Monate. Als man endlich Klarheit hatte, war die Krankheit schon weit fortgeschritten: Im Juni 1983 entwickelte Patient Nummer 1 eine orale Candidiasis, im Juli eine Pneumonie, später ein Non-Hodgkin-Lymphom. Im September 1985 starb er.

Ende Juni 1982 wird auch in Frankfurt am Main der erste Aids-Patient behandelt. Professor Helm, damals Oberärztin an der infektiologischen Abteilung des Universitätsklinikums, weiß seit 1981 von dieser neuen Krankheit.

Als am 5. Juni 1981 im Bulletin "Morbidity and Mortality Weekly Report" der US-Centers for Disease Control and Prevention (CDC) fünf Fälle von Pneumocystis- carinii-Pneumonie (PcP) bei vorher gesunden jungen Männern beschrieben wurden, ahnte zwar noch niemand, dass die Krankheit, der man den Namen Aquired Immune Deficiency Syndrome gab, der Beginn einer weltweiten Epidemie sein würde.

Vergeblicher Kampf ums Überleben

Allerdings, so erinnert sich Eilke Brigitte Helm, habe ihr Kollege Wolfgang Stille 1981 in einer Teambesprechung, in der man die überwiegend bei homosexuellen Männern auftretende Erkrankung diskutierte, erklärt: "Das kriegen wir auch." Bereits ein Jahr später sollte er recht bekommen.

Ende Juni 1982 wird ein Patient ins Universitätsklinikum Frankfurt eingeliefert, der an hohem Fieber leidet und dessen Lymphknoten im Bauch stark angeschwollen sind.

Während die Kollegen noch rätseln, ist Brigitte Helm bald klar, dass es sich um Aids handelt. Kurz darauf wird ihrer Abteilung ein weiterer Patient mit einer Erkrankung unklarer Genese zugewiesen.

Der Mann, ebenfalls Ende 30, leidet an schwerem Durchfall und Pneumonie. Noch während die Ärzte vergeblich um das Leben ihrer Patienten kämpfen, richten sie für deren Freunde eine "offene Ambulanzgruppe" ein, in der jene sich anonym und kostenlos auf HIV testen lassen können.

Im ersten Jahr nehmen 35 Sexualpartner dieses Angebot wahr, im nächsten schon 97. Im Jahr 3 nach Aids suchen 411 Personen aus möglichen Risikogruppen bei Brigitte Helm und ihren Kollegen Rat und Hilfe.

Von den bis dato 543 untersuchten Personen sind zwei Drittel - 377 Patienten - HIV-positiv. In der "Deutschen Medizinischen Wochenschrift" zieht Brigitte Helm eine vorläufige Bilanz: "Die Langzeitprognose der LAV/HTLV-3-Infektion ist bemerkenswert schlecht."

Die späten 1980-er Jahre sind geprägt von einem Klima der Hysterie, des Aktionismus und der Ratlosigkeit. "Aids rief eine Menge Menschen auf den Plan, die man nicht unbedingt haben wollte", erinnert sich Frank-Detlef Goebel, "vor allem Politiker."

Einer von ihnen ist Peter Gauweiler, ein anderer ein damals noch unbekannter Parteikollege namens Horst Seehofer, der, wie der "Spiegel" schrieb, Aidskranke "in speziellen Heimen konzentrieren" wollte. Auch viele Ärzte waren mit der Situation überfordert.

Chirurgen weigerten sich, HIV-Positive zu operieren, Hausärzte verschrieben Aids-Patienten Antidepressiva. Ansonsten blieb als Therapieoption nur TLC - tender, loving, care. Auch Scharlatanerie war weit verbreitet.

Die Illustrierte "Bunte" titelte: "Aids - Eine Gurke kann die Rettung sein". In Bayern testete man bis 1995 knapp 80.000 neue Beamte zwangsweise auf HIV und erhielt vier positive Proben. Alle anderen "Maßnahmen" des Katalogs blieben bis 2001 in Kraft.

Keine Angst vor Ansteckung

Anders die Atmosphäre im Haus 68 auf dem Gelände des Frankfurter Uniklinikums, wo außer Wolfgang Stille, dem Leiter der Abteilung, und seiner Oberärztin Brigitte Helm noch deren Assistenten Reinhard Brodt und Schlomo Staszewski arbeiten.

Angst vor einer Ansteckung habe sie nicht gehabt, sagt Helm, als junge Ärztin in Marburg habe sie schließlich mit dem sehr viel aggressiveren Marburg-Virus zu tun gehabt.

Die damals unaufgeregte Stimmung in der Frankfurter Ambulanz bestätigt auch Frank-Detlef Goebel, der später hinzustieß: "Beeindruckt hat mich vor allem die unendliche Gelassenheit, die Brigitte Helm beim Umgang mit den hochinfektiösen Patienten an den Tag legte."

Schon früh war der Frankfurter Ärztin bewusst, wie wichtig die akribische Meldung der Patienten an das vom RKI geführte Aidsregister ist. Aus einigen ihrer frühen Briefe zitierte Dr. Osamah Hamouda, Leiter der Abteilung für Infektionsepidemiologie des RKI, beim Symposium in Frankfurt.

Hellsichtig warnt Brigitte Helm bereits am 29. November 1985 in einem Brief an einen Kollegen der Medizinischen Klinik in Bonn, dass mit den HIV-Infektionen von Hämophilie-Patienten "eine neue Katastrophe auf uns zukommt".

Am 20. Dezember 1985 äußert sie in einem Brief ans RKI "Zweifel an der Meldefreudigkeit der Kollegen", weshalb sie die ihr von Kollegen anderer Kliniken gemeldeten Kasuistiken lieber selbst weiterleitet.

Heftige Widerstände gegen ihre Vorstöße

Am 20. November 1987 bittet Oberärztin Helm, die offizielle Statistik der Behörde zu korrigieren, da etliche Aids-Patienten, die Suizid verübten, nicht erfasst würden.

In einem Brief vom 27. Juli 1990 schließlich schlägt sie dem Nationalen Aids-Zentrum des BGA vor, künftig auch die schon verstorbenen drogensüchtigen Patienten ins Melderegister aufzunehmen. Ihre Kontaktpersonen fielen bislang durchs Raster, weil Süchtige vor Ausbruch der Aids-Erkrankung starben.

Gegen viele ihrer Vorstöße gab es in den 1980er Jahren heftige Widerstände, nicht nur von Politikern, sondern auch von Kollegen und Aidspatienten, von denen ihr einige sogar Panikmache vorwarfen.

Aus heutiger Sicht hatte Professor Eilke Brigitte Helm fast ausnahmslos Recht mit ihren Einschätzungen. Sie lobte ihren verstorbenen Kollegen Stille als "Meister der Anamnese" und nannte es ein "riesiges Glück, dass sie sich als Erste in Deutschland mit neuen Erkrankungen habe befassen dürfen", als junge Ärztin mit dem Marburg-Virus und später mit Aids.

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