Ärzte Zeitung, 22.01.2016

Giftiges Trinkwasser

US-Stadt in Aufruhr

In der US-Stadt Flint fließt mit Blei vergiftetes Wasser aus den Hähnen - und das schon seit fast zwei Jahren. Menschen sind krank, Eltern sorgen sich um ihre Kinder. Jetzt kommt Hilfe von Obama, aber ein Ende der Krise ist nicht in Sicht. Wie konnte es so weit kommen?

Von Gabriele Chwallek

FLINT. Es begann vor knapp zwei Jahren als Sparmaßnahme für eine arme Stadt im US-Staat Michigan. Jetzt ist die Lage so dramatisch, dass Präsident Barack Obama für die Region den Notstand ausgerufen hat und Tausende Eltern um die Gesundheit ihrer Kinder bangen.

Bürger ziehen vor Gericht, Promis haben sich eingeschaltet, und die Umweltbehörde EPA und Michigans Justizminister ermitteln, ob Vorschriften verletzt wurden.

Im Mittelpunkt steht die einstige Autostadt Flint, früher blühend, dann heruntergekommen und schließlich am Rande des Bankrotts. Da erschien es dem Bundesstaat billiger, die Wasserversorgung für die etwa 100.000 Einwohner umzustellen.

Statt das kostbare Nass wie bisher aus dem Wassernetz des nahe gelegenen Detroit zu beziehen und diese Stadt dafür zu entlohnen, wurde im Frühjahr 2014 damit begonnen, den Flint River anzuzapfen, der durch Flint fließt. Aber der ist total schmutzig, das Wasser als ätzend bekannt.

Schmutzig-braune Brühe

"Wir dachten, es ist ein Scherz", schildert die langjährige Einwohnerin Rhonda Kelso. "Wir dachten, so etwas werden sie doch bestimmt nicht tun."

Aber sie taten es, und schon wenig später floss eine schmutzig-braune und komisch riechende Brühe aus Kelsos Wasserhähnen. Wie sich herausstellte, war Eisen daran schuld: Das Wasser hatte die Rohrleitungen angegriffen.

Aber schlimmer war das, was Kelso und Zehntausende andere Bewohner nicht sehen konnten. Etwa die Hälfte der Leitungen, die in Flints Häuser führen, sind aus Blei, das nach und nach ins Wasser gelangte.

Später wurde Medienberichten zufolge bekannt, dass aggressives Wasser wie das aus dem Flint River laut Bundesvorschriften in der Kläranlage mit einem Anti-Korrosionsmittel hätte behandelt werden müssen - was aber unterlassen wurde.

Stattdessen versicherten städtische und staatliche Stellen der zunehmend besorgten Öffentlichkeit immer wieder, ihr Wasser sei sicher. Der - inzwischen abgewählte - Bürgermeister Dayne Walling trank sogar vor laufenden Fernsehkameras demonstrativ aus einem Glas.

Derweil klagten immer mehr Bürger über Hautausschläge, Übelkeit und Haarausfall. Als Wissenschaftler an der Universität Virginia Tech im vergangenen August das Wasser in 271 Häusern testeten, trauten sie ihren Augen nicht.

In manchen Fällen, berichtete die "Washington Post", war der Bleigehalt so hoch, dass das Wasser nach EPA-Standards in die Kategorie "Giftmüll" fiel. "Wir haben in den 25 Jahren unserer Arbeit niemals solche hohen Bleiwerte gesehen", sagte Mediziner Marc Edwards, der die Tests durchführte.

Eine alarmierte Ärztin stellte bei der Auswertung der Ergebnisse von Untersuchungen zudem fest, dass sich die Zahl von Kindern mit übermäßigem Bleigehalt im Blut binnen 18 Monaten verdoppelt hatte. Bleivergiftungen können lebenslange Gesundheitsprobleme verursachen - von Nierenschäden über Verhaltensstörungen bis hin zu Gedächtnisverlust.

Obama hat Notstand ausgerufen

Erst im vergangenen Herbst, so beklagen die Bürger, räumten die zuständigen Stellen schließlich ein, dass es ein Problem gibt. Seitdem hilft die Nationalgarde, Wasser an die Einwohner auszuteilen.

Zwar wurde Flint im Oktober wieder an das Detroiter Versorgungssystem angekoppelt, aber da die Leitungen bereits angegriffen sind, fließt weiter bleihaltiges Wasser aus ihnen, das nach Einstufung von Experten nur zum Waschen, aber nicht zum Trinken geeignet ist. Und wie lange es so bleibt, ist unklar. Möglicherweise müssen die Leitungen ganz ausgewechselt werden, was enorm teuer wäre.

Inzwischen hat Gouverneur Rick Snyder den US-Präsidenten um Hilfe gebeten. Obama rief den Notstand für die Region aus und lässt nun für drei Monate Wasser, Filter und andere Ausrüstungen nach Flint schicken.

Einwohner haben eine Sammelklage eingereicht, die sich vor allem gegen den Staat richtet: Er hatte seinerzeit für das verarmte Flint einen Notfinanzverwalter eingesetzt und war daher für die Umschaltung der Wasserversorgung verantwortlich. Kelso gehört zu den Klägern. "Wir zahlen für Gift", sagte sie dem Sender CNN.

Und auch Star-Regisseur Michael Moore, der bekannterweise kein Blatt vor den Mund nimmt, hat von sich hören lassen. Er wurde in Flint geboren und forderte in einem offenen Brief die Festnahme des Gouverneurs.

"Dank Ihrer und der vorsätzlichen Handlungen Ihrer Regierung sind (...) anscheinend praktisch alle Kinder in meiner Heimatstadt vergiftet worden", schrieb der Filmemacher ("Bowling for Columbine"). "Und dafür gehören Sie ins Gefängnis." (dpa)

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